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Warnsystem bei LuftangriffenZu stiller Alarm in Finnland

Finnland gilt als gut auf einen bewaffneten Konflikt vorbereitet. Doch es gibt eine Schwachstelle – und eine unerwartete Bedrohung.

Der Luftalarm kam am frühen Morgen. Er wurde um 3.49 Uhr in Uusimaa, der am dichtesten besiedelten Region Finnlands, ausgelöst. Kampfflugzeuge starteten und die Marine machte sich in den Gewässern rund um die Hauptstadt Helsinki zur Luftverteidigung bereit. Die Zivilbevölkerung sollte ihre Häuser und Wohnungen nicht verlassen, Flüge nach Helsinki wurden umgeleitet.

Das Problem: Die meisten der 1,8 Millionen am 15. Mai potenziell bedrohten Finnen erfuhren erst aus den Medien von der Situation. Obwohl Finnland oft für seine Verteidigungsbereitschaft gelobt wird, verfügt das Land über kein System für die telefonische Alarmierung der Bevölkerung.

Stattdessen gaben die Rettungsdienste eine Erklärung zur Lage ab und alarmierten über soziale Medien und die 112-App für Notrufe, die weniger als die Hälfte der Bevölkerung nutzt und bei der es während des Vorfalls zu einer Störung kam. Folglich weckte der Lärm der über ihnen fliegenden Kampfflugzeuge viele Einwohner Helsinkis, nicht der Alarm selbst.

Krieg in der Ukraine

Mit dem Einmarsch im 24. Februar 2022 begann der groß angelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits im März 2014 erfolgte die Annexion der Krim, kurz darauf entbrannte der Konflikt in den ostukrainischen Gebieten.

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Verwirrung über Drohnenalarm

Um 7.06 Uhr erklärten die Behörden, die Gefahr sei gebannt. Doch die Verwirrung hielt an: Das Innenministerium gab an, mindestens eine Drohne sei in finnisches Hoheitsgebiet eingedrungen, während die Streitkräfte erklärten, sie hätten keine Drohnen gesichtet. Das stellte sich als zutreffend heraus, keine Drohnen waren in den finnischen Luftraum eingedrungen.

Premierminister Petteri Orpo räumte ein, dass die Bürger beim nächsten Mal besser informiert werden müssten und so schnell wie möglich ein besseres Warnsystem eingeführt werden müsse. Es war nicht hilfreich, dass die Behördenvertreter keine Fragen von Journalisten beantworteten, während die vermeintliche Bedrohung andauerte.

Nicht der erste Vorfall mit Drohnen über Finnland

Es war nicht der erste Vorfall dieser Art. Am 29. März stürzten während Angriffen der Ukraine auf russische Ölhäfen nahe der ostfinnischen Grenze zwei ukrainische Drohnen ab. Eine davon war mit Sprengstoff beladen. Im April gingen in Ostfinnland zwei weitere Drohnen nieder, die Polizei brachte den Sprengstoff, den sie an Bord hatten, zur Explosion. Am 3. Mai flogen zwei weitere Drohnen in den finnischen Luftraum. Auch diese Drohnen kamen offensichtlich aus der Ukraine.

Laut Quellen der Zeitung Helsingin Sanomat war der Vorfall vom 15. Mai auf einen Fehler der Ukraine zurückzuführen: Die Koordinaten für den Drohnenangriff wurden falsch eingegeben, sodass die Drohnen in Richtung Finnland flogen. Danach sandte die Ukraine laut Helsingin Sanomat eine Warnung an Finnland. Aus unbekannten Gründen drangen die Drohnen jedoch nie in den finnischen Luftraum ein.

Nach dem ersten Drohnenvorfall im März hatte die Ukraine eine offizielle Entschuldigung ausgesprochen. Da es zu weiteren Vorfällen kam, wird die Situation für die finnische Führung immer schwieriger. Es ist die offizielle Politik Finnlands, die verbündete Ukraine bedingungslos zu unterstützen; am 15. Mai bezeichnete Verteidigungsminister Antti Häkkänen die Situation als „bedauerlich“.

Einführung eines Warnsystems nach EU-Vorbild geplant

Obwohl Finnland sich nicht im Krieg befindet, ist die Bedrohung durch Drohnen mittlerweile an der Tagesordnung. Die Regierung plant derzeit die Einführung eines Warnmeldesystems nach dem Vorbild des EU-Alert-Systems, das in Deutschland und den meisten anderen EU-Ländern zum Einsatz kommt; so in den baltischen Staaten, wo die Bevölkerung beim Eindringen von Drohnen alarmiert wurde. Konkret würden die Bürger im Notfall eine Nachricht mit einem lauten Alarmton auf ihrem Handy erhalten – ein System, das auch darauf ausgelegt ist, schlafende Menschen zu wecken.

Nach den ersten Drohnenvorfällen Ende März hatte die finnische Regierung versprochen, das Warnsystem im Jahr 2027 in Betrieb zu nehmen. Laut Premierminister Orpo wurden die Mittel für ein neues Warnsystem bereits im vergangenen Jahr bereitgestellt. Schockiert von den Ereignissen am 15. Mai erklärte Innenministerin Mari Rantanen, das System solle bereits bis Ende dieses Jahres eingeführt werden – ein Zeitplan, der vom Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses des Parlaments sofort als „unbegründet langsam“ eingestuft wurde.

Der Krieg ist uns ziemlich nahe gekommen

Alexander Stubb, Präsident der Republik Finnland

Vorzeigeland bei Konfliktvorsorge im Kriegsfall

Finnland gilt als Vorzeigeland in Sachen Konfliktvorsorge und Zivilschutz. Es gibt Luftschutzbunker für fast die gesamte Bevölkerung und für Männer besteht Wehrpflicht. Wichtige Brücken sind so gebaut, dass sie im Falle einer Invasion durch eine ausländische Armee schnell gesprengt werden können. Das System ist jedoch auf maximalen Schutz in einem umfassenden Krieg gegen Russland ausgelegt, nicht auf Drohnen, die in Friedenszeiten nach Finnland eindringen.

Und wie soll man die Ukraine bei ihren Angriffen auf russische Militär- und Ölanlagenziele bedingungslos unterstützen, während ihre Drohnen finnische Zivilisten gefährden? Der finnische Präsident Alexander Stubb warnte bereits, dass „der Krieg uns ziemlich nahe gekommen ist“ und bereitete die finnischen Bürger damit auf ähnliche Vorfälle in der Zukunft vor.

Der Absturz einer ukrainischen Drohne auf ein Wohnhaus in Helsinki ist ein mögliches Szenario, solange die Ukraine ihre Angriffe gegen Russland nahe der Grenze zu Finnland fortsetzt. Und ein Luftschutzbunker nützt nichts, wenn es kein funktionierendes System gibt, das einen rechtzeitig weckt. Und derzeit sieht es so aus, als würde es noch mindestens mehrere Monate dauern, bis ein solches System eingerichtet ist.

Der Autor ist finnischer Journalist und war als Stipendiat des Internationalen Journalisten-Programms IJP für zwei Monate bei der taz

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