„Waiting for the Barbarians“ auf DVD: Abgründe des Empire

Der Spielfilm „Waiting for the Barbarians“ von Ciro Guerra ist eine Romanverfilmung nach J. M. Coetzee. Jetzt erscheint er im Heimkino.

Johnny Depp und Mark Rylance in "Waiting for the Barbarians"

Zweierlei Arten von Macht: der Colonel (Johnny Depp) und der Magistrat (Mark Rylance) Foto: Constantin

Es ist spannend und aufschlussreich zu sehen, wie sich dieser Regisseur stets neu erfindet, die verschiedensten Erzählformen ausprobiert, eindrückliche Schauwerte nutzt, um sich an seinen Themen abzuarbeiten. Der rote Faden durch die Filmografie des Kolumbianers Ciro Guerra ist die Beschäftigung mit der destruktiven Macht des Kolonialismus. Schonungslos zeigt er die Verrohung zwischenmenschlicher Beziehungen unter der Besatzung, die Spuren und Narben, die auch das Leben nachfolgender Generationen bestimmen.

„Birds of Passage – Das grüne Gold der Wayuu“ (2018) ist zum einen ein ethnografischer Film über die Riten eines in Kolumbien und Venezuela lebenden indigenen Volkes. Und zum anderen ein spannungsgeladenes, in den 1970er Jahren spielendes Gangsterepos, das in der Weite einer unwirtlichen kargen Gegend spielt, die von den Wayuu als das Land ihrer Ahnen bezeichnet wird.

Die oralen Traditionen der Wayuus verbinden Ciro Guerra und seine Co-Regisseurin Cristina Gallego mit einschlägigen Genremustern, um den Überlebenskampf von Ur­ein­wohne­r*in­nen in einer sich brutal wandelnden kulturellen und sozialen Ordnung erzählen. Zum ersten Mal wird der Beginn des Drogenkrieges aus indigener Sicht verhandelt.

„Der Schamane und die Schlange“ (2015) wiederum ist ein psychedelischer Schwarzweiß-Trip auf dem Amazonas, der vor Augen führt, wie ein Kompass den Alltag von Ureinwohnern aus dem Takt bringt – und wie die Suche von Weißen nach Spiritualität in der Fremde auch eine kulturelle Aneignung darstellen kann. Der deutsche Ethnologe, von dessen Reise in die Tiefe des Regenwaldes hier unter anderem erzählt wird, könnte ein Geistes- und Seelenverwandter des Magistrats aus Ciro Guerras jüngstem Film sein.

„Waiting for the Barbarians“. Regie: Ciro Guerra. Mit Mark Rylance, Johnny Depp u. a. Italien/USA 2019, 114 Min.

„Waiting for the Barbarians“ (2019) ist die Leinwandadaption von J. M. Coetzees gleichnamigem Roman, dessen Handlung weder zeitlich noch örtlich näher bestimmt ist. Es geht um ein wahrhaft kafkaskes Szenario: Im Gewand eines klassisch anmutenden Historiendramas schildert Ciro Guerra die Geschichte des Magistrats (Mark Rylance), der im Auftrag eines fiktiven Empire an einem weit entfernten Grenzort stationiert ist. Er hat sich in der Fremde eingerichtet und versucht, Frieden mit den Nomaden zu halten, deren Gebiete vor den Toren der festungsähnlichen Stadt in der Wüste liegen.

Die Kultur der Nomaden studieren

Guerra zeigt den namenlos bleibenden Mann als gütig, weltoffen und ein wenig unbedarft. Er studiert die Sprache, Schriftzeichen und Kultur der Nomaden, verlässt dafür jedoch nur selten seinen Schreibtisch. Man könnte von einer Annäherung sprechen, die eher theoretischer Natur ist.

So bleibt offen, wen der Magistrat eigentlich gegen den neu eintreffenden Colonel Joll (Johnny Depp) und dessen ebenso brutal agierende rechte Hand (Robert Pattinson) verteidigt: Sind es seine Ideen, Erkenntnisse über die Nomaden? Oder geht es dem Magistrat um die gefangenen Nomaden, die auf Anordnung des Colonels gequält und zum Lügen gezwungen werden, damit man endlich Krieg gegen sie führen kann? Quasi als Wiedergutmachung wird der Magistrat eine durch Folter erblindete Nomadin zu ihrem Stamm zurückbringen und deshalb vom Empire als Verräter verfolgt.

„Waiting for the Barbarians“ ist ein bildgewaltiges Werk, das seine Schauwerte als Vergrößerungsglas nutzt. Zum Vorschein kommen die Abgründe einer Macht, die sich zwanghaft neue Feindbilder erschafft, um noch mächtiger zu werden. Provozierend stellt der Film seine Künstlichkeit und Kulissenhaftigkeit mit abstrahierendem Effekt aus. Unter der sengenden Sonne wird die Wüste zur Weltbühne, auf der Menschen dem Gegenüber das Menschsein absprechen und darüber ihre Menschlichkeit verlieren.

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