Film „Der Schamane und die Schlange“: Folgenreiche Taten im Urwald

Ciro Guerras Schwarz-Weiß-Film „Der Schamane und die Schlange“ über zwei Expeditionen wirft einen neuen Blick auf den Kolonialismus.

Drei Männer fahren in einem Boot auf dem Amazonas.

Manduca (Yauenkü Migue), Theo (Jan Bijvoet), Karamakate (Nilbio Torres) auf dem Amazonas Foto: MFA+

Seit sich die Digitaltechniken beim Drehen wie beim Zeigen von Filmen endgültig durchgesetzt haben, ist das schwarzweiße Bild verwaist. Soll heißen: Es hat die Verbindung zu seinem materiellen Ursprung, dem silberhaltigen Ausgangsmaterial, verloren. Im Kino ist es nur noch Effekt, Stilmittel. Ein Stilmittel, das Rechtfertigung braucht, weil es, vereinfacht gesagt, nur eines Knopfdrucks bedarf, um es einzusetzen.

Wenn über den ersten Bildern von „Der Schamane und die Schlange“ die in den Wahnsinn treibende Schönheit des Dschungels gepriesen wird und dieser Dschungel aber „nur“ in Schwarz-Weiß – wenn auch in feinstimmig kontrastreichem – zu sehen ist, dann bewirkt das weniger Enttäuschung als Verfremdungsschock.

Von dem Schock gehen mehrere Signale aus: Als erstes wird der Zuschauer gleichsam aufgefordert, die Farbe hinzuzudenken und damit seine eigenen Projektionen von Amazonas und Dschungel ins Spiel zu bringen, zum Zweiten wandelt sich der Film spielerisch den fotografischen Zeugnissen an, die die Expeditionen, von denen er erzählt, hinterlassen haben.

Das künstliche „Neo-Schwarz-Weiß“ des Films ergibt aber noch auf einer weiteren Ebene Sinn. Auch die Figuren in „Der Schamane und die Schlange“ haben die Verbindung zu ihren jeweiligen Ursprüngen verloren. Sie spüren ihnen nach in Träumen, Rekonstruktionen und Bildern.

Zu Beginn ist da der hohläugige deutsche Forscher Theo (Jan Bijvoet), der zusammen mit seinem indigenen Begleiter Manduca (Yauenkü Migue), einem entlaufenen Kautschukplantagensklaven, ins kolumbianische Amazonasgebiet vorgedrungen ist. Zeit der Handlung sind die nuller Jahre des 20. Jahrhunderts und Theo fürchtet, dass er sterben könnte, ohne noch einmal sein Zuhause zu sehen.

In den Dschungel hinein

„Der Schamane und die Schlange“. Regie: Ciro Guerra. Mit Nilbio Torres, Antonio Bolívar u. a. Kolumbien u. a. 2015, 124 Min

Gemeinsam suchen Theo und Manduca nach einer seltenen Pflanze, von der es heißt, sie könne Theos Krankheit heilen. In Karamakate (Nilbio Torres) treffen sie den letzten Überlebenden eines vernichteten Amazonasvolkes, der ihnen den richtigen Weg weisen soll. So brechen sie schließlich zu dritt auf, weiter den Amazonas hinauf, weiter in den Dschungel hinein.

Dann greift der kolumbianische Regisseur Ciro Guerra zu einem erzählerischen Kniff: Er überblendet Theos Expedition mit einer anderen, Jahrzehnte später stattfindenden. Kaum sind Theo, Manduca und Karamakate aufgebrochen, schneidet der Film zu einem anderen Forscher, dem Amerikaner Evan (Brionne Davis), der irgendwann in den 40er Jahren denselben Weg kommt. Auch Evan trifft auf Karamakate (nun verkörpert von Antonio Bolívar), und auch Evan möchte von dem inzwischen schwer Gealterten zu ebenjener Pflanze geführt werden, die er aus Theos in Europa verlegten Büchern kennt.

Aus der parallelen Erzählung der zwei Expeditionen gewinnt der Film seine besondere Spannung, wobei es ihm gelingt, das Phänomen des Kolonialismus in neuen und überraschenden Facetten aufzuschlüsseln. Man kann die beiden Forscherfiguren gegeneinander halten (Guerra ließ sich von den Reisetagebüchern von Theodor Koch- Grünberg, 1872–1924, und Richard Evans Schultes, 1915–2001, inspirieren), die beide als Naturkundler auf den ersten Blick nicht ins böse Bild vom weißen Eroberer und Vernichter passen, deren Taten aber trotzdem ihre gewichtigen Folgen im Urwald hinterlassen.

Verhältnis von Weißen und Indigenen

Ohne plakativ zu werden, zeigt Guerra auf, wie sich das Verhältnis von Weißen und Indigenen über die Jahrzehnte verändert hat. Wo der steife Naturkundler alter Schule Theo von seinen Gegenübern so manches Mal noch verlacht wird in herzlichem Unverständnis, hat sich gegenüber dem viel lockerer und selbstbewusster auftretenden Evan das Misstrauen verhärtet. Karamakate selbst ist als junger Mann ein zwar einsamer, aber stolzer Vertreter seiner Traditionen, als alter Mann aber beklagt er, nur noch eine leere Hülle zu sein und am Ende einer unterbrochenen Linie zu stehen.

Natürlich hat sich auch das Terrain verändert in den 40 Jahren zwischen Theos und Evans Expedition. An einer Stelle wird das besonders deutlich, als nämlich Theo, Manduca und Karamakate auf ein Kloster stoßen, in dem Mönche die davongelaufenen Kinder der Kautschuk-Sklaven unter strengster Disziplin zu spanisch sprechenden Katholiken umerziehen. Die drei „befreien“ die Kinder und überlassen sie gezwungenermaßen doch ihrem Schicksal.

Vier Jahrzehnte später finden Evan und der greise Karamakate an derselben Stelle ein nicht weniger repressives Regime vor. Es ist eine bittere kleine Parabel darauf, welche Folgen selbst die gut gemeinten Taten im fremden Terrain entfalten können.

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