: Waffenruhe? Nicht im Libanon
Für Israel dürfte die Verkündung der Feuerpause in Iran ein Rückschlag sein. Seine Hauptziele im Krieg hat die Netanjahu-Regierung nicht erreicht. Die Angriffe gegen die Hisbollah gehen weiter
Von Felix Wellisch und Julia Neumann
Kurz bevor eine Waffenruhe in Kraft tritt, verstärken die Kriegsparteien oft ihre Angriffe. Das soll für Verhandlungen Drohpotenzial aufbauen. Trotz militärischer Unterlegenheit kann das Regime in Teheran weiterhin Raketen auf Israel und den Golf schießen. So heulte in der Nacht auf Mittwoch, kurz vor Ablauf von Donald Trumps Ultimatum, mehrmals der Luftalarm in Israel. Um 3.38 Uhr Ortszeit zeigte sich auf den Telefonen im Schutzraum in Tel Aviv die vorerst letzte Entwarnung – zeitgleich mit der Verkündung der Waffenruhe.
Doch wie blickt man in Israel auf die zweiwöchige Kampfpause? Zu Beginn des Krieges unterstützten über 90 Prozent der jüdischen Israelis den Irankrieg. Inzwischen sank die Zustimmung leicht auf 78 Prozent. Denn Israels vier Hauptziele bleiben weitgehend unerreicht. Die Zukunft des iranischen Atomprogramms ist ungewiss. Trump behauptet, durch Luftangriffe sei Irans angereichertes Uran unter Trümmern verschüttet worden. Doch es dürfte kaum überraschen, wenn Benjamin Netanjahu bald wieder vor einer iranischen Atombombe warnt – wie seit Jahrzehnten. Das Raketen- und Drohnenarsenal Irans wurde schwer beschädigt, aber nicht vernichtet. Die neue iranische Führung wird umso entschlossener versuchen, es wieder aufzubauen.
Auch das israelische Ziel eines Regimewechsels wurde verfehlt. Stattdessen haben die Hardliner aus den Revolutionsgarden ihren Einfluss vergrößert. Sowohl Trump als auch ein iranischer 10-Punkte-Plan sehen dennoch Gespräche über eine Aufhebung internationaler Sanktionen vor. Aus israelischer Sicht ein Rückschlag.
Trotzdem sehen manche Analysten und Politiker in Israel den Krieg als Erfolg. Das liegt daran, dass die israelische Führung in der Region kaum noch politische Lösungen sucht. Eine vorübergehende militärische Lösung gilt bereits als Erfolg. Israelische Medien verwenden für diese Doktrin mit Blick auf die besetzten Palästinensergebiete den makabren Namen „Rasenmähen“: Statt auf Diplomatie zu setzen, beseitigt man militärische Bedrohungen regelmäßig gewaltsam. So kommt ein Analyst der Webseite Ynet News zu dem Schluss, die militärischen Ziele seien schon erreicht, weil die iranische Bedrohung „möglicherweise auf Jahre“ beseitigt worden sei.
Das mag Netanjahu in Israel als Erfolg verkaufen können. Dass er laut US-Medien in die Gespräche gar nicht eingebunden war, spricht jedoch Bände. Auf Trump stieg zuletzt in den USA der Druck, einen Ausweg aus dem Krieg zu finden. Die israelische Führung will genau das verhindern. Teile der Opposition stimmen dem zu: Avigdor Lieberman von der säkular-nationalistischen Partei Unser Haus Israel erklärte, die Waffenruhe bedeute lediglich, dass das Regime in Iran „durchatmen“ könne. Israel werde in Zukunft erneut angreifen müssen.
Es dauerte daher am Mittwoch nicht lange, bis Israel klarstellte, dass die Waffenruhe, anders als von Pakistan kommuniziert, nicht für Libanon gelte – obwohl die Schiitenmiliz angekündigt hatte, ihre Angriffe einzustellen. Kurz darauf meldete das israelische Militär die größte Angriffswelle seit Kriegsbeginn auf mehr als 100 Ziele im Nachbarland.
Die Angriffe galten Beirut, dem Bekaa-Tal und Südlibanon. Sie kamen ohne Vorwarnung und versetzten die Zivilbevölkerung in Angst und Schrecken. Die Operation sei „mehrere Wochen geplant“ gewesen, sagte ein israelischer Armeesprecher.
Dabei hatten die Menschen auf einen Waffenstillstand gehofft. „Das wäre eine enorme Erleichterung für alle in Libanon“, sagt die 30-jährige Amani Abd al-Rahman. Sie lebt in Ostlibanon, in der dortigen Bekaa-Ebene unterstützt sie mit der deutsch-libanesischen Initiative „Haddak“ Kriegsvertriebene in Notunterkünften. Über eine Million Menschen sind durch den Krieg vertrieben worden – nicht nur im Süden des Landes, sondern auch im Osten, aus der Gegend um Baalbek.
„Die Vertriebenen haben geplant, nach der Verkündung eines Waffenstillstands in ihre Häuser zurückzukehren.“ Anders als im Süden, wo ganze Dörfer zerstört sind, hofften die Menschen im Osten, ihre Häuser noch vorzufinden oder zumindest bei Verwandten unterzukommen, erzählt Abd al-Rahman. „Die israelische Erklärung, dass der Waffenstillstand nicht für den Libanon gilt, hat die Hoffnung schwinden lassen.“
In Südlibanon setzen israelische Soldaten mit Panzern ihren Einmarsch fort. Israel hält derzeit 15 Prozent Libanons militärisch besetzt. Die widersprüchlichen politischen Botschaften veranlassten die libanesische Armee dazu, die Bewohner*innen vor einer Rückkehr in ihre Häuser zu warnen. Auch die mit der Hisbollah verbündete schiitische Amal-Partei hatte Bewohner*innen davor gewarnt, zurück nach Hause zu gehen.
„Der Krieg betrifft alle, nicht nur vertriebene Familien“, erklärt Abd al-Rahman. „Selbst in sicheren Gebieten wie unserem ist es jede Nacht extrem laut, oft ohrenbetäubend. Wir wissen nicht sofort, was passiert. Das hält die Menschen in ständiger Angst.“
Bis zum 2. März, als die Hisbollah wieder Raketen nach Israel abfeuerte, gab es bereits einen Waffenstillstandsdeal. Den hatte die israelische Armee mit täglichen Angriffen gebrochen – mit der Begründung, die Hisbollah habe nicht im gesamten Libanon ihre Waffen an den Staat abgegeben – so, wie es der Deal und UN-Resolutionen vorsehen. Die UN hatte zwischen dem 27. November 2024 und 27. November 2025 über 10.000 israelische Verstöße gegen den Waffenstillstand und 127 getötete Zivilist*innen gemeldet.
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