Wada-Kongress in Südkorea: Schwere Schatten auf dem Antidopingkampf
Nichtsanktionierte chinesische Schwimmer oder der Fall Jannik Sinner. Auf dem Kongress der Weltantidopingagentur wird darüber nur inoffiziell geredet.
Die Inszenierung setzte auf Einigkeit. Die oberste Frau des organisierten Sports, die neu gewählte Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) Kirsty Coventry war wie ihr Vorgänger, der jetzige IOC-Ehrenpräsident Thomas Bach, ins südkoreanische Busan geeilt, um den obersten Antidopingfunktionären den Rücken zu stärken.
Bis zum 5. Dezember findet hier nämlich der Kongress der Weltantidopingagentur Wada statt, bei dem weniger der weltweite Vertrauensverlust der Organisation diskutiert wird, dafür aber vor allem der neue Wada-Code, der ab Januar 2027 Gesetzeskraft haben soll und der tatsächlich einige bemerkenswerte Änderungen enthält.
Athleten werden mehr Rechte zugestanden, etwa im Umgang mit persönlichen Daten, aber auch im vereinfachten Zugang zu Schiedsgerichten wie dem Internationalen Sportgerichtshof (CAS). Die Gesetzgebung soll es auch leichter machen, Betreuungspersonal von Sportlern bei Dopingfällen stärker zur Verantwortung zu ziehen. Coventry bezeichnete dies als guten wie auch längst überfälligen Schritt.
Vor allem aber beschwor sie die Einigkeit aller Akteure. „Wir müssen gemeinsam eine Umgebung schaffen, in der Athleten sicher, fair und sauber kämpfen können. Wir müssen dabei ehrlich sein, diese Einigkeit hat es in den letzten Jahren nicht immer gegeben. Zu oft wurde Energie verschwendet, um gegeneinander zu kämpfen und mit dem Finger aufeinander zu zeigen“, meinte sie.
FBI ermittelt gegen die Wada
Sie dürfte dabei die Kontroversen um die 23 chinesischen Schwimmer im Sinn gehabt haben. Die Fälle wurden als Nahrungsmittelkontamination gewertet. Das ist zumindest kein völlig unrealistisches Szenario. Allerdings hat die chinesische Seite die positiven Proben nicht den Regeln gemäß gemeldet. Um Klarheit über die Vorgänge zu erlangen, ermittelt in den USA das FBI gegen die Wada.
Das Verfahren laufe noch, bestätigte Travis Tygart, Chef der US-Antidopingbehörde Usada, der taz. „Es ist klar, dass die eigenen Regeln nicht beachtet wurden, in China nicht, und auch die Wada war auf einem Auge blind“, sagte Tygart und kündigte an: „Wir werden nicht aufhören, weiter Fragen zu stellen.“ Die Vereinigten Staaten setzten auch die Zahlungen an die Wada aus, solange der Fall nicht umfassend geklärt ist.
Währenddessen ging in Busan kaum ein offizieller Redebeitrag der etwa 1.200 Delegierten auf die schlechte Gesamtperformance der Dopingjäger – mit zuletzt einer Quote von 0,8 Prozent positiven Tests – ein. Nur in den Pausengesprächen war der Vertrauensverlust Thema, den die Wada durch umstrittene Entscheidungen wie etwa im Falle der nicht sanktionierten chinesischen Schwimmer oder der Bagatellstrafe für Tennisstar Jannik Sinner in der Welt des Sports erlitten hat.
Usada-Chef Tygart kritisierte die Weltantidopingagentur gegenüber der taz auch als schwerfällige Behörde, die den Fokus verloren habe. „Das System ist unglaublich bürokratisch geworden, mit seinen Compliance-Anforderungen anstelle von Qualität im Antidopingkampf“, sagte er.
Forderung nach intelligenten Tests
Schuld daran ist allerdings nicht nur die Wada. Vertreter von Laboren kritisierten auf den Fluren des Kongresses, dass viel zu oft nur Standardtests in Auftrag gegeben werden. Spezialtests vor allem zu Hormonpräparaten oder dem Edelgas Xenon würden hingegen so selten verlangt, dass es sich schon rein wirtschaftlich und organisatorisch kaum lohne, Personal und Testequipment vorzuhalten. Xenon kann den Sauerstoffanteil im Blut erhöhen, Peptidhormone Muskelbildung stimulieren und Erholung fördern.
Als eine der wenigen offen kritischen Stimmen unter den Delegierten forderte der frühere Wada-Generalsekretär David Howman die Sportverbände, nationalen Antidopingorganisationen und Testagenturen auf, in Zukunft stärker auf intelligente Tests statt auf das Standardprogramm zu setzen.
Hoffnungsvollere Signale gab es zumindest von der Forschungsabteilung. Wada-Wissenschaftsdirektor Olivier Rabin versicherte der taz, dass Testtechnologien sowohl für neue Substanzen als auch für gentherapeutische Verfahren, die langsam auf den Markt kämen, zur Verfügung stünden.
Einigen Erfolg verspricht er sich auch vom neuen endokrinologischen Modul des Athletenpasses. Das zielt vor allem auf das Monitoring von Wachstumshormonen ab. „Wir sehen dort die ersten interessanten Fälle. Variationen in den Werten können uns helfen, gezielter zu testen“, sagte er. In Auftrag gegeben müssen die Tests dann aber auch.
Hoffentlich rechtzeitig vor den anstehenden Winterspielen.
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