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WM und ReligionGlaube, Siege, Kulturkampf

Jetzt schon ist klar: Ein WM-Phänomen, an das man sich erinnern wird, ist die zur Schau gestellte Religiosität nicht nur deutscher Kicker.

Felix Nmecha und Cody Gakpo sind zwei Akteure, die aus der Frühphase dieser Weltmeisterschaft herausragen. Ihre Nationalteams zählen vom Namen her immer zu den Favoriten, sind aber durchaus mit vielen Fragezeichen umgeben. Für sie waren die beiden Kicker beim Hereinkommen ins Turnier von großer Bedeutung: Der Dortmunder Nmecha erzielte das erste deutsche Tor der WM, Gakpo, seit inzwischen drei Jahren im Angriff des FC Liverpool, ragte beim Spiel der vom Auftakt-Remis gegen Japan verunsicherten niederländischen Elftal gegen Schweden durch seinen Doppelschlag heraus.

Ihre Rolle beschränkt sich offenbar nicht aufs Tore schießen. Die Bilder von Nmecha, seinem Mitspieler Jonathan Tah und fünf Kollegen aus dem Team Curaçaos, die Arm in Arm nach dem Match noch auf dem Feld zusammen beten, gingen um die Welt. Wer wollte, erfuhr, dass Nmecha wie auch Curaçaos Ersatzspieler Kenji Gorré dem weltweiten Kicker-Missions-Netzwerk „Ballers in God“ angehört, deren Motto lautet: „Impacting the beautiful game for Jesus“. Nmecha sprach hinterher von „Brüdern in Christus“.

Cody Gakpo ist einer der Protagonisten, der das zögerliche Team Ronald Koemans mit einem Mal wieder in den Favoritenkreis gebracht hat. Er firmiert in niederländischen Medien als „pastoor van Oranje“. Den Spitznamen habe er, „weil ich oft derjenige bin, der das Gebet spricht“, bekannte er in einer Pressekonferenz. „Die Gruppe Jungs“, die diesem Kreis angehören, werde „immer größer“, der Effekt sei „eine bestimmte Zusammengehörigkeit“. Natürlich aber sei die Teilnahme freiwillig. „Wer kein Bedürfnis daran hat, macht einfach sein Ding.“

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Die taz bei der Fußball-WM

Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.

In Deutschland wurde das Phänomen zuletzt nicht nur lebhaft, sondern sehr kontrovers diskutiert. Kritik aus säkularen Kreisen wurde nicht nur von Ulf Poschardt in der Welt („Kirchentage haben aus dem Glauben einen Streichelzoo für linke Identitätspolitik gemacht“) scharf zurückgewiesen, sondern auch von FAZ-Kommentator Jasper von Altenbockum. Nmechas Gebet errege „nur die Gemüter, die an nichts mehr glauben als an ihre linke Religion“. Die Worte machen deutlich: Der Fußball und die WM sind im Kulturkampf nicht nur angekommen, sondern dort auch wichtige Multiplikatoren und Klangräume.

Neue Häufung von Gläubigen?

Dabei sind Fußballer, die sich in der Öffentlichkeit mit ihrem Glauben geradezu produzieren, alles andere als eine Neuigkeit und auch nicht rar. Antonio Rüdiger etwa ist in zahlreichen Social Media-Beiträgen wegen seiner Zeigefinger-Geste als vermeintlicher „Islamist“ verrufen.

Die Fraktion stets missionsgesinnter Evangelikaler in der brasilianischen Seleção von Jorginho über Kaka bis zu Neymar mit seinem „100% Jesus“-Stirnband – wird verhältnismäßig weniger kritisiert. Die grün-gelben Kicker nimmt man vor allem als Botschafter des global bewunderten schönes Spiel wahr, weshalb sie offenbar einen großen Sympathie-Bonus haben. Dabei stehen die entsprechenden Freikirchen und nicht selten die dort engagierten Kicker finsteren Figuren wie dem rechtsextremen Ex-Präsidenten Bolsonaro nahe.

Vom Oranje-Team ist bekannt, dass manche Spieler schon vor vier Jahren in Katar gemeinsam beteten. Wie auf dem Feld spielte Memphis Depay, damals noch beim FC Barcelona, dabei eine tragende Rolle. Heute kickt Depay bei Corinthians in São Paulo, bei der Elftal sitzt er auf der Bank.

Religiöser Fundamentalismus

Doch während das Personal kommt und geht, hat sich der Gebetskreis längst etabliert. Bezeichnend ist, dass der ehemalige Nationalspieler René van der Gijp unlängst in der populären Talkshow „Vandaag inside“ kommentierte: „Dieser Gott muss ganz schön beschäftigt sein“ und sich anschließend darüber scheckig lachte – ohne zu merken, dass kaum jemand einstimmte.

Aber van der Gijp ist ein fußballerischer Vertreter einer Gesellschaft, die sich im 20. Jahrhundert in Rekordzeit „entkirchlicht“ hat. Als solcher ist ihm offenbar entgangen, dass in der Generation Z eine deutliche Rückkehr zur Religiosität stattfindet. Dass sich diese Entwicklung im Fußball niederschlägt, ist insofern wenig überraschend. Dass damit auch verbale Entgleisungen einhergehen, wie sie sich der erwähnte Nmecha in mehreren anti-queeren Posts leistete, liegt leider ebenfalls nah.

Bedenkt man, dass vermeintlich christliche Familienwerte und LGBTQ-feindliche Inhalte bei rechtspopulistischen Bewegungen weltweit zentral stehen, erklärt sich auch, weshalb gerade Beatrix von Storch Nmechas Gebetskreis auf sozialen Medien feierte. Man muss Nmecha dadurch nicht in die Nähe der AfD rücken.

Wohl aber erinnert die Konstellation an Orkun Kökçü, den ehemaligen Kapitän von Feyenoord Rotterdam. Dieser distanzierte sich kurz vor der WM in Katar vor einer Regenbogen-Armbinden-Aktion des KNVB bei allen Profi-Clubs. Aufgrund seines muslimischen-Glaubens sei er nicht geeignet, diese Botschaft zu vermitteln, so der Sohn türkischer Eltern. Von Seiten niederländischer Fans bekam er dafür online zahlreiche Unterstützung: „Endlich jemand, der für seine Kultur einsteht.“

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