Vor den Wahlen in Baden-Württemberg: Sieben auf einen Klingelstreich
Die Linken könnten in Baden-Württemberg erstmals in den Landtag einziehen. Wie haben sie das geschafft? Unterwegs mit der Heidelberger Spitzenkandidatin.
A ls die Tür sich öffnet, ist der Mann dahinter sofort sauer. Er habe keinen Bock und halte nix vom Mietendeckel. Er stellt sich auf den Schuhabtreter, sein Sohn hängt sich an sein Bein. „Ich suche seit Jahren nach einer Wohnung. Dann kam die Ampel, dann ging die Ampel. Ich brauch immer noch ’ne Wohnung!“ Er sei völlig enttäuscht, er werde wahrscheinlich nicht wählen.
Außerdem habe er eine Aufgabe, die solle sich Kim Sophie Bohnen gleich mal aufschreiben. „Sehr gerne!“, sagt die und setzt den Stift aufs Klemmbrett. Was solle das mit der Fernwärme, will er wissen. Er sei beim teuersten Anbieter in Deutschland, dabei wohne er in einer subventionierten Wohnung. Bohnen nickt, notiert alle Punkte, nickt wieder. Den Anbieter wechseln könne er auch nicht, sagt der Mann. „Was soll das? Kinderfasching!“
Erst als der Sohn ruft: „Ey! Papa! Ich will zum Kinderfasching!“, unterbricht der Mann seinen Redeschwall. Die linke Spitzenkandidatin Bohnen versucht ihr Glück: „Darf ich ihnen zumindest unser Kurzwahlprogramm mitgeben?“, und sie streckt dem Mann den Flyer entgegen. „Na ja, weil Sie so lang zugehört haben, guck’ ich kurz rein.“
Nach den jüngsten Umfragen käme die CDU in Baden-Württemberg mit Spitzenkandidat Manuel Hagel aktuell auf 27 bis 28 Prozent, fast gleichauf mit den Grünen um Cem Özdemir, die auf 25 bis 27 Prozent taxiert werden. Auf Platz 3 liegt demnach die AfD mit 18 bis 19 Prozent. Weit abgeschlagen dahinter folgt die SPD mit 7 bis 9 Prozent sowie die FDP und die Linke mit jeweils um die 6 Prozent.
Bei der letzten Landtagswahl am 14. März 2021 siegten die Grünen mit dem nun abtretenden Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann und kamen auf 32,6 Prozent. Ordentlich dahinter landete die CDU mit 24,1 Prozent. Die SPD holte damals noch 11 Prozent, gefolgt von der im Südwesten traditionell starken FDP mit 10,5 Prozent und der extrem rechten AfD mit 9,7 Prozent. Wie in allen Wahlen zuvor scheiterte die Linke an der 5-Prozent-Hürde, sie kam auf 3 Prozent.
Nach der Wahl 2021 gingen die grünen Wahlsieger – wie schon 2016 – erneut eine Koalition mit der CDU als Juniorpartner ein. Auch nach diesem Sonntag stehen die Zeichen wahlweise auf Grün-Schwarz oder Schwarz-Grün. (rru)
Es ist ein Freitag in der Heidelberger Südstadt. Hier stehen alte Kasernengelände der US Army neben identischen Neubauten – es sei ein beliebtes Wohnviertel, laut Website der Stadt. In den Fluren parken Buggys, drinnen schreien Kinder. Die Wohnungen sind subventioniert, ein Quadratmeter kostet im Durchschnitt 7,85 Euro. Das Thema Mieten funktioniert trotzdem gut. Wie überall in Heidelberg. Deutschlandweit ist Heidelberg unter den zehn Städten mit den höchsten Mieten. Vielleicht auch deshalb lag die Linke schon bei der Bundestagswahl bei knapp 17 Prozent – und damit über dem Durchschnitt.
Von 2,8 auf 6 Prozent in wenigen Jahren
Bohnen ist 26 Jahre alt, hat die Haare zum Buzzcut rasiert und braucht diese Stimmen wieder. Sie tritt als Direktkandidatin der Linken in Heidelberg bei den Landtagswahlen am 8. März an und ist Teil des jungen Spitzentrios in Baden-Württemberg. Zum ersten Mal überhaupt hat die Linke eine realistische Chance, in den Landtag zu ziehen. Dabei ist die Ausgangssituation schwierig: ein konservatives Land, die Automobilindustrie, christliche Tradition – die CDU regierte dort 58 Jahre lang, 20 davon allein.
Selbst die seit 15 Jahren in Baden-Württemberg regierenden Grünen gelten oft als konservativer als der Rest der Grünen in Deutschland. In der Vergangenheit scheiterte die Linke hier – bei der Bundestagswahl 2009 erreichte sie noch 11,9 Prozent der Zweitstimmen. 2011 bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg waren es dann nur noch 2,8 Prozent – das ist bis jetzt so geblieben. Seit Jahren packt die Partei es nicht über die 5-Prozent-Hürde.
Es ist nicht mehr lange bis zur Landtagswahl, und in Meinungsumfragen steht die Linke zeitweilig bei 7 Prozent. Wie haben sie das gemacht?
Wer Kim Sophie Bohnen von Haustür zu Haustür folgt, beobachtet eine Spitzenkandidatin, die gelernt hat, welche Themen funktionieren und welche man besser nicht anspricht. Eine durchgetaktete und gleichzeitig unerfahrene Partei. Die am grünen Rand gräbt und trotzdem mehr als nur enttäuschte Grüne anspricht. Die unbedingt betonen will: Wir sind nicht abgehoben, wir kümmern uns.
Leitfaden für mehr Erfolg beim Kämpfen
Bohnen hat ein Rezept dafür gefunden. Es steht auf den roten Klemmbrettern, die alle Haustürwahlkämpfer*innen eng an die Brust gedrückt halten. Darauf mehrere Blätter mit konkreten Anweisungen für ein erfolgreiches Gespräch an der Haustür. 70 Prozent zuhören, 30 Prozent reden. Die erste Frage soll die Frage nach dem Zauberstab sein: Wenn Sie könnten, was würden Sie sofort ändern?
Und dann reden die meisten schon los, Bohnen ist still und nickt. Fällt den Menschen nichts sein, hilft sie gelegentlich nach: „Wie ist es zum Beispiel mit den Mieten?“ Erst ganz zum Schluss, wenn das Gespräch „gut“ lief, solle man fragen, ob man sich denn vorstellen könne, die Linke zu wählen – so will es das Klemmbrett.
Die Mieten, das ist ein dankbares Thema – nicht nur in Heidelberg. Auch in Tübingen, Freiburg, Mannheim und Stuttgart sind die Mieten hoch. Bei der Jahresauftaktklausur im Januar sprach Heidi Reichinnek von der Linken als „Partei der Mieter“. Im Landtagswahlkampf konzentriert sich die Partei besonders auf die Universitätsstädte. Schon bei der Bundestagswahl holte die Linke dort ein zweistelliges Ergebnis. Auch, weil ein Viertel der unter 25-Jährigen die Linke wählten.
Theoretisch stehen auch andere Themen im Wahlprogramm, zum Beispiel, dass man Teile der Autoindustrie verstaatlichen wolle. Ob Bohnen diese Themen bewusst ausspart, weil es womöglich Wähler*innen, und sind sie noch so enttäuscht, abschreckt? Bohnen verneint. Trotzdem erwähnt sie das Wort in den zwei Tagen, die die taz sie beim Wahlkampf begleitet, nicht ein einziges Mal.
Hass auf Heidelberg
Ein Häuserblock weiter in der Südstadt bricht einer alleinerziehenden Mutter die Stimme. Bohnen hatte gefragt, ob sie denn hier ein Problem hätte, zum Beispiel mit den Nebenkosten? Zuvor hatten sich schon einige Nachbarn im Haus über das Thema bei Bohnen beschwert. „Da stechen sie in ein Nest!“, sagt die Frau. Gerade heute habe sie bei der CDU angerufen. Wegen der Nebenkosten könne sie ihre Miete nicht mehr bezahlen. „Es ist ein ganz großer Beschiss, ich hasse Heidelberg dafür.“ Schon zweimal musste sie auf ihr Erspartes zurückgreifen. Den Mieterverein kann sie sich nicht leisten.
Bohnen will sich kümmern. Sie habe Kontakte beim Mieterverein, vielleicht lässt sich da was machen, sie notiert Mail und Telefonnummer der Frau. Außerdem werde sie bei der Gemeinderatsfraktion nachfragen, vielleicht können die helfen. Später sagt ein Nachbar ein paar Haustüren weiter: Gegen die hohen Nebenkosten, da könne man wahrscheinlich nichts mehr machen, er hätte schon beim Mieterverein angefragt. Kein Erfolg. Bohnen will es trotzdem versuchen.
Bisher erkennen die wenigsten Kim Sophie Bohnen. Auch wenn sie sich mit blauem Schal, großen Ohrringen und der golden Kette, auf der „Mietendeckel“ steht, wiedererkannt zu werden bemüht. Vor sechs Jahren zog sie von Schleswig-Holstein nach Heidelberg, seit vier Jahren ist sie Mitglied bei den Linken. Bohnen ist politisch unerfahren, in den Gemeinderat wurde sie nicht gewählt. An den meisten Haustüren beendet sie das Gespräch mit „Am 8. März sind nämlich Landtagswahlen und ich bin Spitzenkandidatin. Damit sie schon mal ein Gesicht gesehen haben“, und sie hält der Person an der Tür das Kurzwahlprogramm mit einem Foto von ihr entgegen. Gefolgt von einem überraschten: „Das sind ja Sie!“
Bohnen ist gelernte Bankkauffrau, bei der Volksbank saß sie am Schalter und verhält sich auch beim Wahlkampf so. Wenn sie an einer Haustür klingelt, nickt sie und lächelt, diskutiert nicht, bedankt sich, wenn ihr Menschen von ihren Sorgen erzählen. „Revolutionäre Freundlichkeit“ nennt das Bohnen und zitiert damit Ines Schwerdtner, die Co-Vorsitzende der Linkspartei. Bohnen fordert nicht auf, stattdessen bietet sie Hilfe an: Die Menschen können die Mietwucher-App und den Heizkostencheck nutzen, auf kleinen Flyern ist der zugehörige QR-Code gedruckt. Dort prüft die Linke dann, ob man zu hohe Mieten oder Nebenkosten zahlt.
Bewährte Rezeptur
Es ist ein Rezept, das sich bewährt hat, schon bei der Bundestagswahl 2025 holte die Linke fast 9 Prozent der Zweitstimmen gegenüber nicht einmal 5 bei den Wahlen davor. Auch wegen des Haustürwahlkampfs, weil man vor Ort war, glaubt die Linkspartei. Außerdem profitierte sie davon, dass Friedrich Merz sich an die AfD in der Migrationsdebatte annäherte und mit der Partei im Bundestag abstimmte. Heidi Reichinneks Barrikadenrede ging danach viral.
Im Haustürwahlkampf dokumentiert eine App: Welche Gruppe übernimmt welchen Häuserblock? An wie vielen Türen haben sie geklingelt? Wie viele Türen haben sich geöffnet? Gab es Wahlzusagen? Wie viele Gespräche waren „gute“ Gespräche? Was ein „gutes Gespräch“ ist, das bleibt während der zwei Tage uneindeutig. Manchmal nimmt eine Person nur den Zettel entgegen und sagt: „Ja, die Mieten sind ein Problem“, ein anderes Mal ist es ein zehnminütiger Monolog über Fernwärme.
Auch Bohnen scheint sich an ein Skript zu halten, egal ob auf der Straße, auf der Bühne, vor der Haustür oder mit Journalist*innen. Auffallend oft wiederholt sie Slogans, die schon auf Bundesebene Heidi Reichinnek und Jan van Aken in die Welt gesetzt haben: „Wir organisieren die Hoffnung“, „Wahlkampf der Bezahlbarkeit“, „Revolutionäre Freundlichkeit“, spult Bohnen in regelmäßigen Abständen ab.
Wenn man Bohnen fragt, warum sie bei den Linken ist, dann erzählt sie von der Zeit am Schalter. Von dem Tag, als eine Rentnerin in Tränen ausgebrochen sei, weil sie nicht wusste, wie sie von ihrer kleinen Rente noch einkaufen soll. Bohnen saß auf der anderen Seite vom Schalter und konnte nichts tun. Ob sie heute Angst habe, dass sie die Menschen enttäuscht? Die Linke wird schließlich in der Opposition sitzen. Außerdem wolle sie „keine Kompromisse“ im Landtag eingehen. Die Mittel sind also begrenzt. Bohnen widerspricht, man werde die Regierung im Landtag auch aus der Opposition vor sich hertreiben.
Empfohlener externer Inhalt
Dieser linke grüne Rand
In der Heidelberger Weststadt steht ein Elektro-VW-Bus vor Gründerzeitbauten, Laufräder stapeln sich neben dem Spielplatz, vor den meisten Häusern stehen mehr Fahrräder als Autos. Hier wohnen Akademiker*innen, junge Familien und Studis. Es gibt einen Wochenmarkt. Die Grünen waren hier stärkste Kraft bei der Bundestagswahl. Die Linken kamen auf etwas über 15 Prozent. Es gibt also Potenzial, sagt Kim Sophie Bohnen und schaut sich zwischen den Häusern um.
Bohnen war schon häufiger in der Weststadt an den Haustüren, habe schon „gute“ Gespräche gehabt. Es seien auch enttäuschte Grünen-Wähler*innen, die sich von den Themen wie kostenlose Kita oder zu hohe Mieten angesprochen fühlten. Sucht man nach Gründen, wieso die Linke gerade so gut in Baden-Württemberg steht, dann landet man schnell bei den Grünen. Der Spitzenkandidat Cem Özdemir zählt zum Realoflügel der Partei und sagte beim Bundesparteitag in Hannover: „Wir Grünen können Auto.“ Damit will er neben Klimaschützern bis in die konservative Mitte fischen und lässt einen linken Rand frei. Den will die Linke nutzen.
Vor dem ersten Haus drückt sie auf die goldenen Tasten des Klingelschilds, das Sicherheitsschloss summt und entriegelt sich. Im zweiten Stock öffnet eine ältere Frau die Tür ihrer Altbauwohnung. „Wir wissen schon, wen wir wählen, und haben kein Interesse“, stellt sie klar, bevor Bohnen sich vorstellen kann. Die bleibt höflich, will wissen, was die Frau denn gerade an Themen beschäftige, sie würde gerne wichtige Themen mit in den Landtag nehmen. „Wir sind hier zufrieden“, sagt die Frau. Sie wähle schon immer grün oder rot.
Rot?
„Die SPD!“ Dann schließt sie die Tür.
Während Bohnen in Heidelberg an Haustüren klingelt, sind die Grünen aber selten Thema. Meist sind es ältere Menschen, die sich als treue Grünen-Wähler outen. Ein Mann stellt gleich klar: „Ich finde Ihre Partei nicht unsympathisch“, aber er wähle die Grünen, weil er 68er sei – dabei bleibt er einer der wenigen, die in den zwei Tagen die Grünen erwähnen.
Fragt man Bohnen, wer ihre größte Konkurrenz ist, dann sagt sie: „Niemand.“ Auch nicht die Grünen? Bohnen erklärt, dass die meisten keinen Unterschied mehr erkennen zwischen Grün und Schwarz. „Und die Menschen wissen, wer die letzten Jahre regiert hat.“
So ganz kann man den Erfolg der Linken in Baden-Württemberg aber nicht durch die mittige Position der Grünen erklären. Schließlich sind die Grünen hier schon länger mittig, als die Linken erfolgreich sind.
Weiblich und nicht das BSW
Die erfolglosen Zeiten haben unter Bohnens Haustürwahlkämpfer*innen die wenigsten miterlebt. Nach der Abspaltung des BSW hat sich 2025 die Zahl der Mitglieder auf über 10.000 Personen mehr als verdoppelt. Über die Hälfte der Mitglieder ist nach Angaben des Landesverbands 30 Jahre alt oder jünger – viele sind weiblich.
Dass die meisten Mitglieder jung und weiblich sind, das merkt man auch an diesem Freitagabend im Café Leitstelle, einer Art Kulturzentrum im Zentrum Heidelbergs. Neben Sofas dienen Lemonaid-Kästen als Hocker, es gibt Kürbis-Kartoffel-Eintopf für die Helfer*innen, die aus ganz Deutschland angereist sind. Bohnen hatte gemeinsam mit der Bundestagsabgeordneten und Landesvorsitzenden von Baden-Württemberg, Sahra Mirow, zu einer „Townhall“ eingeladen.
„Einem was?“, fragt ein ehemaliger Gewerkschaftsfunktionär, der hinten auf den Sofas sitzt. Eine jüngere Frau beugt sich rüber und übersetzt: „Eine Stadthalle.“ Der Gewerkschafter und zwei weitere Männer fallen deutlich aus dem Altersdurchschnitt, einer davon ist erst vor Kurzem von den Grünen zu den Linken gewechselt. Er sei froh über der Situation der Linken in Baden-Württemberg, sagt der Gewerkschafter. Insbesondere, dass er nicht mehr ständig auf Sahra Wagenknecht angesprochen werde.
Nach Bohnen und Mirows Gespräch auf der Bühne darf das Publikum Fragen stellen. Einige melden sich, kommen nach vorne, fragen nach Ortsgruppen oder warum sich die Linke im Dezember bei der Abstimmung über die Rente im Bundestag enthalten habe. Nicht alle nehmen das mit den Fragen aber so genau.
Manche wollen selbst etwas erzählen. Drei junge Männer wenden Bohnen und Mirow den Rücken zu, erklären der Menge die Rolle der Revolution im Wahlkampf und haben außerdem eine eigene Meinung zur Regierungsverantwortung der Linken. An Bohnen und Mirow haben sie im Anschluss keine Frage. Bohnen lächelt freundlich, das Publikum klatscht höflich.
„Schön, dass ihr euch meldet“
Am nächsten Morgen im Heidelberger Stadtteil Kirchheim versammeln sich die Wahlkampfhelfer*innen um einen Infostand auf einem kleinen Platz. Der stehe hier seit einem Jahr, mittlerweile kenne man sich. Selbst CDU-Wähler würden freundlich winken, betont ein Wahlkämpfer. Man sei hier nah bei den Menschen, nicht so wie die abgehobenen Politiker, die sich erst kurz vor der Wahl blicken ließen und dann nie wieder – um diesen Eindruck ist man bemüht.
Hier waren AfD und Linke bei der Bundestagswahl gleich stark. Es sei teilweise eine „prekäre Gegend“. Ein Haustürwahlkämpfer gibt einen kurzen Impulsvortrag über das Viertel und erklärt: Kirchheim war mal ein Dorf, das in Heidelberg eingegliedert wurde. In ländlichen Regionen war die Linke bisher weniger erfolgreich als in der Stadt. „Oh-oh“, sagt eine Haustürwahlkämpferin. Dann schwärmen die Helfer*innen aus.
Anwohner von Kirchheim
Bohnen klingelt dieses Mal an Türen von Häuserblocks. Raufasertapete, es riecht nach Zigaretten. Die meisten Türen öffnen nicht oder schließen gleich wieder. Ist das nicht frustrierend? Bohnen verneint, es mache ihr sogar Spaß. Auch wenn man ihr das nach Tausenden Treppenstufen und zufallenden Haustüren nur bedingt glaubt. Sie wolle auch nach der Landtagswahl weiter an die Haustüren. Im Kontakt bleiben. Schließlich habe sie das auch schon lange vor den Landtagswahlen so gemacht. Es ist diese Kontinuität, die Verbindlichkeit herstelle.
In Kirchheim öffnet dann doch eine Tür. „Ich hab gepennt“, erklärt ein Mann und schiebt sich durch den Türspalt. Bohnen spult ihr Programm ab und fragt nach dem Zauberstab. „Puh“, es gebe viele Dinge, die er verändern würde, „das fängt bei de Heizkoschde an“, auch er befürchte höhere Kosten durch Fernwärme, und allgemein werde alles immer teurer.
„Aber schön, dass ihr euch meldet“, er wohne jetzt seit neun Jahren hier, „das ist das erste Mal, dass ich jemand hier seh.“ Bohnen verweist auf die Gemeindefraktion und das offene Bürgerbüro, an die sich der Mann gerne wenden könne. „Oh, das ist aber nett“, er wirkt überrascht. Bisher habe er die CDU gewählt, aber es werde immer alles versprochen und nix gehalten. „Ich bin es leid.“
Bohnen wagt die letzte Frage: Ob er sich vorstellen könne, die Linke zu wählen? „So langsam denk’ ich drüber nach.“
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert