piwik no script img

Vor dem Beginn der Fußball-WMWas auf dem Spiel steht

Vom Fußball der Gegenwart wenden sich viele Menschen ab. Doch ist das Turnier ein globales Ereignis ohne Beispiel. Wie soll man damit umgehen?

Nein, man muss sich wirklich nicht für Fußball interessieren. Diskussionen über die Vor- und Nachteile einer Dreierkette in der Abwehr und die besondere Rolle, die dabei sogenannten Schienenspielern auf den Außenbahnen zukommen – das kann man getrost Fachleuten, Möchtegernexperten und Fans überlassen. Es gibt ja auch wirklich genug Menschen, die sich stundenlang darüber streiten können, ob es nicht doch eine Schnapsidee war, Manuel Neuer wieder zu Deutschlands Torwart Nummer eins zu machen. Oder auf den Kölner Spieler Saïd El Mala zu verzichten.

Und doch werden in den kommenden Wochen auch diejenigen dem Megathema Fußball-WM nicht entkommen können, die sonst einen großen Bogen um den Sport machen. Denn bei dem Turnier in den USA, Kanada und Mexiko, das am Donnerstag beginnt, geht es um weit mehr als Fußball. Ein größeres Sportereignis als eine Fußball-WM der Männer hat die Welt einfach nicht zu bieten.

Vielleicht gibt es überhaupt kein größeres Event auf dem Planeten. Was auf der Welt verhandelt wird, wird seinen Widerhall finden bei der WM. Und auch in der taz: 14 Seiten widmen wir dem Turnier in der aktuellen Wochentaz und begleiten es danach auch in der täglichen Berichterstattung.

Zu besprechen gibt es genug: Die irrwitzigen Dimensionen des Turniers in Zeiten der Klimakatastrophe passen so gar nicht zu den Nachhaltigkeitsversprechen, die der Internationale Fußballverband so gern abgibt. Wer sich das vor Augen führen möchte, kann sich hier den Spielplan zum Ausdrucken runterladen.

Und die völkerverbindende Kraft des Fußballs, die von der Fifa immer wieder beschworen wird, schwächelt doch arg, wenn ein WM-Gastgeber wie die USA ihr hartes Einreiseregime auch auf die Fans, teilweise sogar auf Spieler qualifizierter Teams anwendet. Darüber gilt es zu reden.

Debattenkatalysator Fußball

Taugt Co-Gastgeber Kanada als ziviles Gegenbild zu den immer autoritärer werdenden USA? Entfernt sich gerade im fußballbegeisterten Mexiko der Sport immer mehr von den Fans, weil sich die irrwitzig teuren Tickets nur noch wohlhabende Menschen leisten können? Und muss es wirklich sein, 48 Nationen um den WM-Titel spielen zu lassen? Oder ist es nicht eigentlich antikoloniale Pflicht, sich darüber zu freuen, dass nun Teams aus Kap Verde, Curaçao oder Jordanien mitkicken dürfen?

Auch hierzulande sind die ewigen Krakeeler gewiss schon in den Startlöchern und freuen sich, wenn sie eine Niederlage des deutschen Teams darauf schieben können, dass nicht alle Nationalspieler die Hymne inbrünstig genug mitgesungen haben. DFB-Sportdirektor Andreas Rettig hält wenig von derartigen Diskussionen, wie er der taz im Interview erzählt. Verhindern wird er sie nicht können. Der Fußball ist längst ein Spielfeld des Kulturkampfs im Land. Auch deshalb kommt man zu WM-Zeiten nur schlecht um ihn herum.

Aber vielleicht verlieren die Deutschen ja gar nicht. Sogar in Italien, das sich wieder mal nicht qualifiziert hat, wird das Team von Bundestrainer Julian Nagelsmann bewundert, von Schriftstellern gar. Womit wir wieder beim Sport wären und der großen Frage dieser Tage: Wer wird Weltmeister? Messi, Neuer, Ronaldo, die Spanier? Neben all den großen gesellschaftspolitischen Fragen geht es dann doch auch – um Sport.

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 360 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare