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Fußball als WeltbühneWas mich an der WM fesselt

Fußball-Weltmeisterschaften sind großartig, nur mit dem Ballsport hat das nichts zu tun. Es sind die Geschichten von Menschen überall auf der Welt.

O b wir gehen können, fragte ich meinen Vater vorsichtig in der 37. Minute. Ich war sieben, und es war das zweite und letzte Mal, dass er mich zu einem Spiel von Mainz 05 mitnahm. Ich hatte Angst, ihn zu enttäuschen. Aber bei mir sprang kein Funken Begeisterung über. Schon zwei Jahre zuvor hatte mein Vater mich zum Training beim TSV Gonsenheim geschleppt, in der Hoffnung auf meine Karriere in der G-Jugend. Während die anderen Fünfjährigen mehr oder weniger Fußball spielten, stand ich irgendwie herum. An mehr erinnere ich mich nicht.

Mein Vater war an jenem Tag im Stadion nicht traurig, wir gingen, und Mainz gewann auch ohne unsere Unterstützung von der Tribüne. Spätestens da war klar: Klein-Maurice wird kein Fußballfan. Und doch: Wenn WM oder EM ist, fängt es an. Plötzlich will ich alles wissen. Woher kommen die Mannschaften, wie alt sind die Spieler, wer ist der Jüngste, wer der Älteste. Ich grabe Statistiken aus und liebe die Außenseiter. Als Island bei der EM 2016 England im Achtelfinale aus dem Turnier warf, hatte ich als zwischenzeitlicher Teilzeit-Isländer eine großartige Zeit.

Für das Spielgeschehen selbst interessiere ich mich nie. Ich weiß grob, was Abseits ist, aber kenne keine Spielzüge, keine Fachbegriffe und will auch keine kennenlernen. Was mich fesselt, ist alles außer dem Ballsport: die Geschichten, die Zahlen, das Außergewöhnliche. Als Curaçao gegen Deutschland spielte, fieberte ich natürlich mit Curaçao. Und wurde dank Wikipedia und OpenStreetMap zwischenzeitlich auch zum Experten für den öffentlichen Nahverkehr der Insel.

Neugier auf die Welt und ihre Menschen

Ich kenne den Turnierbaum auswendig, ich weiß, nach wie vielen Roten Karten ein Spiel abgepfiffen werden muss und um die Mathematik des Weiterkommens. Vielleicht verbindet Fußball also doch? Nicht im Sinne eines Nationalgefühls. Aber im Sinne eines Bands zwischen mir, dem Fußball-Uninteressierten, und einer Welt, die ich sonst nicht verstehe. Die Weltmeisterschaft weckt meine Neugier auf die Welt und ihre Menschen und ihre Geschichten. Ob Fußball die Welt besser macht, weiß ich nicht. Aber mich machen diese Turniere glücklich, und ich bin froh, dass es sie gibt.

Ob dieses Turnier die Welt besser macht, weiß ich nicht. Aber mich macht es glücklich.

Andererseits ist da die Fifa mit ihrem Charme einer Mafiaorganisation. Ich weiß von den Arbeiter*innen, die beim Stadionbau in Katar starben. Und von der immer gleichen Choreografie aus Empörung, Achselzucken und Anpfiff.

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Aber bin ich nicht auch Teil des Problems, Teil des Systems, das dafür sorgt, dass die Fifa-Turniere so weiter bestehen? Nein. Auch beim Fußball kann individuelle Konsumkritik nicht die Lösung sein. Politisch verändert sich nichts, wenn wir uns dafür schlecht fühlen, Weltmeisterschaften zu mögen.

Soviel mehr als die Riege korrupter Funktionäre

Denn auch wenn die Fifa uns weismachen will, dass eine WM ohne sie unvorstellbar ist, ist dieses Turnier so viel mehr als die Riege an korrupten Funktionären, die es organisiert. Noch mögen sie zarte Setzlinge sein, aber es gibt Ideen für einen anderen Fußball. Zum Beispiel den Vorschlag meiner Kollegin Alina Schwermer für einen Gegenverband zur Fifa mit echter Gewaltenteilung. Und für Weltmeisterschaften, deren Erfolg nicht am Profit, sondern an ihrem Wert für die lokale Bevölkerung, die Natur und den internationalen Zusammenhalt bemessen wird.

Es sind diese Visionen, für die ich als ahnungsloser Nicht-Fußball-Fan mit weitreichenden Kenntnissen über karibische Inselstaaten, der ich nun einmal bin, eine Lanze brechen will. Und bis dahin lassen wir uns von der Fifa nicht den Spaß an diesem Turnier verderben.

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