Lichtenberg vor der Wahl: Von Grau zu Grün
Lichtenberg wächst und damit auch der Bedarf, Menschen zusammenzubringen. Wichtig dafür sind auch öffentliche Orte.
Foto: Anna Tiessen
Etwa 30 Augenpaare wandern über das Bild, das ein Beamer an die Wand wirft. Es zeigt zwei Männer in teils stark zerschlissenen Kleidern. Einer von ihnen kniet halb und hat einen Hammer in der Hand, vor ihm liegt ein Haufen Steine, er trägt einen Hut. Der zweite Mann stemmt einen Korb mit zerkleinerten Steinen hoch. Was sie mit dem Bild verbinden, fragt Carolin Orlik die Anwesenden. Sie engagiert sich in der Lichtenberger Galerie-Gruppe, die als Teil der Ehrenamtsagentur Oskar Ausstellungen plant und umsetzt. An diesem Sommerabend haben sie zum Kunstplausch eingeladen, bei dem sie mit Besucher*innen über das Bild und ihre Gedanken dazu ins Gespräch kommen wollen.
„Maloche“, sagt eine ältere Frau in der ersten Reihe. „Ich sehe zwei Männer, die arm sind und richtig hart arbeiten.“ An den Erfahrungen, die die Gruppe zusammenträgt, zeigt sich auch die Vergangenheit Lichtenbergs als Arbeiterbezirk. „Der hat später Rücken“, kommentiert eine andere. Ein Besucher spricht über die Hitze auf dem Bild und dass es ihn an die Zerstörung der Natur erinnert, ein anderer erzählt aus seiner Schulzeit, vor mehr als 50 Jahren. Ein Lehrer habe ihnen den Maler Gustave Courbet näher gebracht hat, von dem das Bild „Die Steineklopfer“ stammt. Orlik ermuntert die Gäste, ihre Eindrücke ungefiltert mitzuteilen, und ergänzt Infos zum historischen Kontext.
Foto: Anna Tiessen
„Beim ersten Kunstplausch waren wir eigentlich unter uns“, sagt Anne S., die sich in der Galerie-Gruppe um die Mails und zunehmend auch Social Media kümmert. Mit dem dritten Termin scheine sich das Format unter den Lichtenberger*innen zu etablieren.
Wenn am 20. September das Berliner Abgeordnetenhaus neu gewählt wird, können die Wähler:innen auch gleich ihr Kreuzchen für das Bezirksparlament machen, offiziell: Bezirksverordnetenversammlung (BVV). Die Bezirke sind zwar keine eigenständigen Kommunen, nehmen aber wichtige Aufgaben der Verwaltung wahr, etwa bei Schulen und in Grünflächen, in den Bürgerämtern und bei der Jugendarbeit. Und obwohl sie immer zu wenig Geld haben, treffen die Bezirksämter bisweilen wichtige politische Entscheidungen – zum Beispiel über Milieuschutzgebiete, Bebauungspläne oder Radwege.
Ortstermin: Was ist los in den 12 Großstädten, aus denen Berlin besteht? Was bewegt die Bürger:innen, wo drückt der Schuh, was steht auf dem Spiel? Bis zur Wahl unternimmt die taz jede Woche Montag einen Ortstermin. Alle Teile der Serie finden sie hier auf taz.de versammelt.
Seit inzwischen zehn Jahren plant und organisiert die Gruppe Ausstellungen, in der Regel sind es etwa sechs pro Jahr, oft stellen sie lokale Künstler*innen aus Lichtenberg aus. Aktuell sind dort Meeresansichten von der Lichtenbergerin Ulrike Drobniewski zu sehen, und auch hier fragt Caroline Orlik die Besucher*innen. „Was seht ihr? Was ergreift euch, was stößt euch ab? Erweckt etwas vielleicht auch Sehnsucht?“
Menschen zusammenbringen
Über Kunst und Kultur Menschen zusammenbringen ist laut S. das Ziel der Gruppe. Egal wie alt sie sind oder wie viel Geld sie haben. In der Galerie-Gruppe selbst sind Altersgruppen von Student*innen bis zu Rentner*innen vertreten. Inspiriert durch die Arbeit habe sie selbst vor einem Jahr die Pinsel in die Hand genommen, vorher habe sie sich nicht getraut. „Ich teste mich aus mit Farben und Formen“, sagt sie. Für das Kunstfestival „Lange Nacht der Bilder“ Anfang September stellt die Galerie-Gruppe eine Ausstellung zusammen, für die Anwohner Bilder einreichen konnten.
Die Ehrenamtsagentur Oskar hat nach eigenen Angaben allein in den vergangenen zwei Jahren 1.600 Engagement-Beratungen durchgeführt. Das Bezirksamt zeichnet jedes Jahr Engagierte mit der Lichtenberger Ehrenamtsmedaille und dem Bezirkstaler aus.
Die Frage, wie das Zusammenleben gelingen kann, ist ihr wichtig, sagt S. Der Bezirk wachse, neue Menschen kämen dazu, darunter viele Geflüchtete. „Die Einwohnerzahl steigt, und die Infrastruktur kommt nicht hinterher.“ Auf der Straße herrsche ein härterer Umgang und ein rauerer Ton als früher, findet sie.
Der Bezirk entstand 2001 durch die Fusion der bis dahin eigenständigen Bezirke Lichtenberg und Hohenschönhausen. Der Bahnhof ist auch ein Anlaufpunkt für Obdachlose, im Umfeld gibt es Notübernachtungen, im Winter dient der Bahnhof selbst teils als Kälteschutz. Der Vorplatz, der zuvor keinen Namen hatte, ist seit 2023 benannt nach Eugeniu Botnari. Er war ein Hilfsarbeiter aus Moldau. Ein Kioskbetreiber am Bahnhof verprügelte ihn 2016 nach einem vermeintlichen Ladendiebstahl dermaßen, dass Botnari an den Folgen starb.
Bezirksbürgermeister ist Martin Schaefer von der CDU, die bei der Wiederholungswahl 2023 ihr Ergebnis im Vergleich zur Wahl 2021 mehr als verdoppeln konnte und der Linken als lange stärkste Partei im Bezirk den Rang abgelaufen hat. Schaefer, der zuvor bereits in der BVV und von 2021 bis 2023 Stadtrat für öffentliche Ordnung, Umwelt und Verkehr war, kandidiert erneut. Seine Nachfolgerin im Amt der Stadträtin, die Grüne Filiz Keküllüoğlu, ist von ihrer Partei auch als Kandidatin für das Bürgermeisteramt aufgestellt. Auch SPD und Linke haben Spitzenkandidat*innen für die BVV-Wahl, die Linke macht sich durchaus Hoffnung darauf, Schaefer im Amt abzulösen. Auf der Ebene der Stadträte ließ die BVV bisher AfD-Kandidat*innen jedes Mal durchfallen.
In der BVV-Wahl 2023 wählte Lichtenberg die CDU mit 23,8 Prozent, die damit knapp zur stärksten Kraft wurde, dicht gefolgt von der Linken mit 23,1 Prozent. Die SPD kam auf 15,3 Prozent, die AfD wurde mit 13,9 Prozent viertstärkste Kraft. Die Grünen kamen auf 11,8 Prozent und waren damit neben der CDU die einzige Partei, die ihr Ergebnis im Vergleich zur Wahl von 2021 verbessern konnte. Die FDP erhielt 3 Prozent. 9,1 Prozent der Stimmen gingen an Sonstige, unter anderem an die Tierschutzpartei, die mit drei Sitzen in der BVV vertreten ist.
Sicherheit und Müll – das sei beides ein Riesenproblem. Ein gutes Beispiel sei da der Fennpfuhl-Park. „Es gab Zeiten, da bin ich selbst nachmittags nicht mehr in den Park gegangen“, sagt S. Nun sei er umgestaltet worden. „Es gibt da jetzt kleine Sessel, und darunter sind die Papierkörbe“, sagt sie. „Inzwischen bin ich richtig gern da. Und ich fühle mich auch wieder sicher.“ Sie würde sich freuen, wenn das auch in anderen Parks und Grünanlagen passiere – und auf den Straßen insgesamt.
Grüner Stadtumbau
„Wenn ein Ort belebt wird und unterschiedliche Gruppen ihn nutzen, dann nehmen ihn die Menschen oft auch wieder anders wahr“, sagt Filiz Keküllüoğlu. Die Grünen-Politikerin ist Stadträtin für Verkehr, Grünflächen und Umwelt in Lichtenberg. Eines ihrer Hauptthemen ist Entsiegelung. „Trotz knapper werdender Mittel und Personalabbau wurden zahlreiche Flächen von Beton und Asphalt befreit und begrünt“, teilte sie im Sommer in einer Bilanz mit. Mehr als 12.000 Quadratmeter habe der Bezirk in zwei Jahren entsiegelt. „Ich will, dass wir jeden geeigneten Quadratmeter prüfen: Brauchen wir hier wirklich Asphalt, oder können wir Raum für Grün und Regenwasser schaffen?“, fordert sie. Weil die bezirklichen Mittel dafür nicht reichen, habe sie teils auch Gelder aus überregionalen Töpfen eingeworben.
Ein nächstes großes Projekt: Der Vorplatz vor dem Bahnhof Lichtenberg. „Der Eugeniu-Botnari-Platz ist einer der wichtigsten Eingänge in unseren Bezirk“, sagt Keküllüoğlu bei einem Treffen dort. „Aber wer heute aus dem Bahnhof kommt, blickt auf sehr viel Grau.“ Im Sommer würde sich die Fläche erheblich aufheizen. „Meine Vorstellung ist eine andere“, sagt sie. „Man kommt raus und sieht Bäume und Grün, Menschen sitzen im Schatten, Kinder und Jugendliche nutzen die Bewegungsangebote.“ Aus einer Hitzeinsel will sie so ein „grünes Eingangstor“ nach Lichtenberg machen.
Keküllüoğlu schwebt vor, die Stellen, an denen bereits Bäume stehen, um weitere Bäume und um Bänke zu erweitern. 1.700 Quadratmeter könnten entsiegelt werden. Auf der Skaterbahn auf der anderen Straßenseite will sie ebenfalls den Beton aufbrechen und das Areal grüner und durchlässiger gestalten, mit Sportgeräten, Pumptrack, Trinkbrunnen und Rasenbereich. „Die Skaterlinse wird bisher von Jugendlichen weniger genutzt als gedacht“, sagt sie. Stattdessen würden dort auch oft Menschen sitzen und trinken.
Entsiegelung auf dem Bahnhofsvorplatz
Auch beim Bahnhofsvorplatz geht es beim grünen Stadtumbau also schon bald auch um soziale Themen. Bei einer ersten Beteiligungsveranstaltung hätten einige Anwesende Bedenken geäußert, dass frei zugängliche Toiletten und Bänke auch mehr Obdachlose anziehen könnten. „Wir sind deshalb auch mit den umliegenden Initiativen im Gespräch, die Angebote für obdach- und wohnungslose Menschen machen“, sagt Keküllüoğlu. „Wir wollen deren Erfahrungen mit einholen.“ Neben der Skaterbahn entsteht derzeit außerdem die „Butze“, die erste Anlaufstelle für jugendliche Obdachlose bundesweit. „Ich bin der Ansicht, dass eine bessere Aufenthaltsqualität auch hier allen zugutekommt – und dass wir den Umbau so gestalten können, dass der Platz attraktiv für verschiedene Zielgruppen wird“, sagt Keküllüoğlu.
„Mehr Einwohner*innen bedeuten auch, dass unsere Parks, Spielplätze und öffentlichen Räume stärker genutzt werden“, sagt sie. Es sei daher auch wichtig, bestehende Parks und Spielplätze zu pflegen. „Gute öffentliche Räume haben auch etwas mit dem Miteinander und der Lebensqualität im Kiez zu tun“, sagt sie.
Öffentliche Räume und Miteinander sind dabei Themen, in denen Lichtenberg durchaus Erfahrung hat. Der Weitlingkiez, in dem heute die Freiwilligenagentur liegt, war in den 2000er und 2010er Jahren ein Hotspot der Rechten – und konnte dank zivilgesellschaftlicher Organisation und stabiler Vermieter*innen von den Nazis zurückerobert werden. Und die von der im Bezirk starken vietnamesischen Community geschaffene Strukturen sind auch für neuere Berliner*innen attraktiv: Im Dong Xuan Center finden sich auch etwa indische Lebensmittelläden und ein afghanisches Restaurant. So wurde es auch für Geflüchtete und neu eingewanderte Menschen zu einem wichtigen Anlaufpunkt.
„Die vietnamesischen Vertragsarbeiter haben sich gegenseitig sehr dabei geholfen, hier in Lichtenberg Fuß zu fassen und mit der Zeit heimisch zu werden“, sagt Chu Tiến Tăng, stellvertretender Vorsitzender der Vereinigung der Vietnamesen in Berlin und Brandenburg e. V. „Die Meisten hatten kaum Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt und mussten deshalb aus der Not heraus eigene, pragmatische Wege finden. So entstand bei vielen der Schritt in die Selbstständigkeit“, erklärt er. Dabei habe der Zusammenhalt unter den Landsleuten eine große Rolle gespielt. „Man half sich gegenseitig, gab Erfahrungen weiter und lernte voneinander“, sagt Tang. Auch von politischer und behördlicher Seite habe es Unterstützung gegeben. „Besonders Vertreter der Linken und einige engagierte Amtsträger in Lichtenberg haben dazu beigetragen, dass sich die vietnamesische Gemeinschaft hier entwickeln und etablieren konnte“, sagt er.
Vietnamesisch für Muttersprachler
Sichtbar ist das heute auch an der Volkshochschule (VHS), die wohl bundesweit das größte Angebot an Vietnamesisch-Sprachkursen aufweist. Im Sommersemester hätten sie insgesamt 26 Kurse mit 220 Teilnehmer*innen durchgeführt, teilt der Bezirk auf Nachfrage mit. Dabei unterscheidet die VHS zwischen Kursen für Muttersprachler*innen und für Menschen, die Vietnamesisch ganz neu lernen.
„Lernende des Vietnamesischen als Familiensprache und als Fremdsprache profitieren von getrennten Kursen, weil sich ihre Aussprache, ihr Hörverstehen und ihre Herausforderungen mit dem komplexen Tonsystem grundlegend unterscheiden“, teilt der Kulturstadtrat und Bezirksbürgermeister Martin Schaefer (CDU) dazu mit. „Das Vietnamesische hat sechs verschiedene Töne. Fremdsprachenlernende müssen diese Töne mühsam von Grund auf hören und trainieren. HerkunftssprecherInnen erkennen diese und sprechen die Töne im Alltag in der Regel bereits richtig aus.“ Da die Nachfrage nach Vietnamesisch Kursen steigt, sei der Bezirk auch ständig auf der Suche nach qualifizierten Lehrkräften. Im Herbst gibt es Vietnamesisch auch als Bildungszeit, ab Januar 2027 bietet die VHS für höhere Niveaus Konversationskurse über aktuelle Nachrichten aus Vietnam an und Kurse für Geschäftsvietnamesisch.
„Sprache schafft Identität und vielen vietnamesischen Lichtenbergerinnen und Lichtenbergern der nun schon dritten Generation fehlt dieses Stück Verbindung zu den familiären Wurzeln“, sagt Bezirksbürgermeister Martin Schaefer (CDU). Lichtenberg und Vietnam verbinde „eine ganz besondere und langjährige Partnerschaft und Freundschaft“, sagt Schaefer, die Vertragsarbeiter hätten den Bezirk entscheidend geprägt. Es sei daher wichtig, dass der Bezirk hier einen Schwerpunkt lege und die VHS entsprechende Angebote mache.
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