Hitzeschutz in der Stadt: Statt schwitzen unter Pflanzen sitzen
Friedrichshain-Kreuzberg hat drei „mobile Gärten“ aufgestellt, die für Abkühlung sorgen sollen. Nebelduschen gibt es in Berlin dagegen nur eine einzige.
Foto: picture alliance/dpa | Jens Kalaene
Vor dem Südblock am Kottbusser Tor steht ein neues Stadtmöbel: eine Mischung aus Bank und Hochbeet, mit einer Art auskragendem Sonnensegel. Ein Schild klärt PassantInnen darüber auf, dass sie hier an heißen Tagen Schatten und Abkühlung finden können. Aufgestellt hat den „mobilen Garten“ der Pfälzer Firma MobiGa das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg. Zwei weitere stehen seit Freitag am Rudolfplatz in Friedrichshain und an der Ecke Yorckstraße/Katzbachstraße.
Drei Monate lang will der Bezirk die beweglichen Kühlinseln testen. Laut Bürgermeisterin Clara Herrmann (Grüne) sollen sie zeigen, „wie lebenswerte Kieze in Zeiten der Klimakrise gestaltet werden können“. Die mobilen Gärten kühlen laut Herrmann die Umgebung, nutzen Regenwasser und schaffen „Aufenthaltsorte für alle“. Sie seien einer von vielen Bausteinen des bezirklichen Klimaanpassungskonzepts.
Das Prinzip der mobilen Gärten: Über eine Öffnung in der Mitte des Sonnensegels kann Regenwasser in einen Speicher fließen, von dort aus werden die Rankpflanzen bewässert, die an der Mittelsäule wachsen. Die sind bei dem Exemplar am Kottbusser Tor noch nicht allzu üppig, Schatten spendet bislang also vor allem das Segel. Auch der Sitzkomfort für die NutzerInnen ist überschaubar: Eine Rückenlehne gibt es nicht. Lehnt sich trotzdem jemand an, geht das mutmaßlich auf Kosten der empfindlichen Pflanzen.
Es muss nicht immer ein Baum sein
Immerhin beweist das Experiment aus Sicht des Bezirksamts, dass es in der heißer werdenden Stadt nicht immer und an jedem Ort Bäume braucht, um kühle, grüne Plätze zu schaffen. Das gilt besonders für stark versiegelte Standorte, wo der Untergrund von vielen Leitungen durchzogen ist, was Baumpflanzungen oft massiv erschwert. Zumal Bäume bekanntlich langsam wachsen und erst in Jahren oder Jahrzehnten zur Entlastung der AnwohnerInnen beitragen können.
Das Bezirksamt will in den kommenden drei Monaten die reale Kühlwirkung der mobilen Gärten beobachten, aber auch „Nutzung und Akzeptanz durch die Bevölkerung“. Die Aufstellung an einem extrem belebten Ort wie dem Kotti dürfte da in der Tat die ultimative Belastungsprobe sein.
Friedrichshain-Kreuzberg, wo die Grünen neben der Bezirksbürgermeisterin auch die Stadträtin für Verkehr und Umwelt stellen, hatte 2024 neben einem Klimaschutzkonzept auch ein separates Konzept zur Klimaanpassung vorgelegt. Es konkretisiert Strategien und Maßnahmen, die schon im Stadtentwicklungsplan Klima 2.0 des Landes enthalten sind. Ganz konkret kann es um Entsiegelung, Verschattung und bessere Durchlüftung von öffentlichen Räumen gehen, aber auch um Trink- oder „Sprühnebelbrunnen“.
Gerade bei Letzteren hat Berlin im internationalen Vergleich den Anschluss komplett verpasst: In Wien, Paris und vielen andere Metropolen gibt es schon etliche dieser öffentlichen Vorrichtungen, die Wasser extrem fein versprühen. Wer sich in den Nebel begibt, wird nicht nass, sondern erlebt eine deutliche Abkühlung um mindestens 10 Grad. In der französischen Hauptstadt gibt es sowohl flächenhafte, begehbare brumisateurs als auch solche an Trinkbrunnen, die auf Knopfdruck aktiviert werden und sehr beliebt sind.
Berlin hat seit Kurzem immerhin eine einzige dieser Vorrichtungen im öffentlichen Raum: am „Cooling Point“ im Mauerpark, der vom Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) mit Fördermitteln des Bundesbauministeriums errichtet wurde. Es handelt sich um ein Pilotprojekt als Teil des Modellvorhabens „Urban Heat Labs – Hitzevorsorge in Stadtquartieren und Gebäuden“. Warum eine anderswo längst erfolgreich angewandte Technologie hier immer noch erprobt werden muss, bleibt freilich offen.
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