piwik no script img

Volksabstimmung in der SchweizMit direkter Demokratie die Gesellschaft spalten

Kai Vogt

Kommentar von

Kai Vogt

Die SVP ist mit ihrer Stimmungsmache gegen Mi­gran­t:in­nen gescheitert. Eine gute Nachricht – und auch ein Weckruf für die Schweizer:innen.

E in Aufatmen ging am Sonntag durch die Schweizer Städte: Mit rund 54 Prozent Nein-Stimmen schmetterten die urbanen Zentren die „Nachhaltigkeitsinitiative“ der rechtspopulistischen SVP ab und überstimmten die ländlichen Regionen. Das ist ein Gewinn für eine offene Schweiz – zugleich aber ein Alarmsignal.

Die SVP forderte einen starren Deckel der Wohnbevölkerung auf zehn Millionen Menschen bis 2050. Als Konsequenz hätte die Schweiz das Personenfreizügigkeitsabkommen mit der EU kündigen müssen und damit das Fundament der Beziehungen zur wichtigsten Wirtschaftspartnerin eingerissen.

Auch Deutschland wäre davon betroffen gewesen: Rund 330.000 Deutsche leben in der Schweiz; sie stellen die zweitgrößte Einwanderungsgruppe und arbeiten in Spitälern, Hochschulen oder im Finanzsektor. Um die Obergrenze einzuhalten, hätte Bern die Zuwanderung künftig über staatliche Kontingente steuern müssen.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Noch gravierender hätte sich die Initiative auf Schutzsuchende ausgewirkt. Sie sah eine drastische Verschärfung des Asylrechts vor und bot der SVP Raum, wochenlang Stimmung gegen Aus­län­de­r:in­nen zu machen. Wenn ein SVP-Politiker Geflüchtete ungestraft als „Gesindel“ bezeichnet, zeigt das, wie weit sich der politische Diskurs bereits nach rechts verschoben hat.

Einfache Schuldzuweisungen nach populistischem Handbuch

Den rassistischen Kern der Vorlage verpackte die Partei geschickt unter dem Etikett der „Nachhaltigkeit“. So wurde sie auch für Teile der bürgerlichen Mitte anschlussfähig. Das Land werde voller, so das Narrativ, die Schweiz drohe am „Dichtestress“ zu ersticken. Dabei knüpfte die SVP durchaus an reale Probleme an. Zürich etwa erlebt eine der gravierendsten Wohnkrisen Europas, und auch der Verkehr ist teils überlastet.

Doch diese Probleme sind komplex. Die SVP setzt nach dem populistischen Handbuch auf einfache Schuldzuweisungen: Sie spaltet, schürt Hass und blockiert Reformen. Als stärkste politische Kraft bekämpft sie im Parlament regelmäßig den Ausbau nachhaltiger Mobilität und griffige Wohnschutzvorschriften.

Die Partei wird auch künftig die direkte Demokratie nutzen, um das Thema Migration in den Fokus zu rücken. Das Ergebnis vom Sonntag sollte deshalb als Weckruf verstanden werden: Die Schweiz muss in den Wohnungsbau, die Infrastruktur und den sozialen Zusammenhalt investieren. Und sie darf sich nicht auf Debatten einlassen, in denen Mi­gran­t:in­nen auf ihren wirtschaftlichen Nutzen reduziert werden.

Das Alpenland ist extrem divers, und genau das macht seinen Reiz aus. Kaum etwas macht das sichtbarer als die Fußball-Nationalmannschaften der Männer und Frauen, in denen Spie­le­r:in­nen mit unterschiedlichen Herkunftsgeschichten gemeinsam auf dem Platz stehen. Sie stehen exemplarisch für die Schweizer Einwanderungsgesellschaft.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes stand, Deutsche würden die größte Einwanderungsgruppe in der Schweiz stellen. Sie stellen aber nur die zweitgrößte. Wir bitten um Entschuldigung.

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen

Kai Vogt

Kai Vogt

Jahrgang 2000. Interessiert sich für Politik, Gesellschaft und Veränderungen der Medienlandschaft. Hat in Zürich und Aix-en-Provence Politikwissenschaft und Philosophie studiert.
Mehr zum Thema

4 Kommentare

 / 
  • "Das Alpenland ist extrem divers, und genau das macht seinen Reiz aus."



    Ich glaube eher, die Touristen besuchen die Schweiz wegen der schönen Natur, der Täler, der kleinen Berghütten usw. und nicht wegen der ethnischen Diversität.

    Japan ist das wohl ethnisch am wenigsten diverse Land der Welt (99,4% sind ethnische Japaner) und trotzdem (oder gerade deshalb?) besuchen Touristen gerne dieses Land.

    • @Testnutzer:

      Ich denke den Bezug zum Tourismus war mit der Aussage nicht gemeint, als Beispiel wird die Nationalmannschaft genannt. Shikimiki und Bonzen interessiert es aber in der Regel nicht.

  • "Mit der direkten Demokratie die Gesellschaft spalten" - warum steht das im titel? Dazu steht nichts im artikel; das wäre auch unsinn, denn es sind die themen und die art, wie die rassist-innen und co damit umgehen, die die gesellschaft spalten - nicht (!) die direkte demokratie.

  • UFF!