Viele Grüße aus der DDR

Früher war mehr Schießbefehl

Die AfD fordert den Einsatz von Schusswaffen an den deutschen Grenzen – nicht die einzige erfolgreiche DDR-Politik, die man recyceln könnte.

Angehörige der DDR-Grenztruppen tragen am 17. August 1962 Peter Fechter, der beim Fluchtversuch angeschossen wurde, über die Grenzanlagen in Berlin.

Auf der Suche nach Populismen einfach mal im Fotoalbum blättern. Foto: ap

Die Wogen der Grenzsicherungsdebatte schlugen am Wochenende so hoch wie die des Mittelmeers, das gerade ein Flüchtlingsboot verschlingt. Als gelte es, sich endgültig von überkommenen Rollenklischees zu verabschieden, forderten zwei gewaltfantasierende AfD-Frauen, an der Grenze auf Flüchtlinge zu schießen.

Immerhin zeigen die beiden mit ihrem Wunsch nach dem Schießbefehl Traditionsbewusstsein. Es war ja schließlich nicht alles schlecht in der DDR. Sicher, das mit den Autobahnen ging ein bisschen weit (so rumpelig, wie die waren), aber dafür konnte man sich als Frau abends noch allein auf die Straße trauen (es gab schließlich keine Muslime im Osten).

Eine der verbindenden Wahnvorstellungen der neurechten Menschenhasser von Pegida, AfD und „Achse des Guten“ lautet, Angela Merkel hätte die Bundesrepublik in eine DDR 2.0 verwandelt. Interessanterweise verstehen sie das als Vorwurf, dabei sind sie ideologisch längst bei der DDR 3.0 angekommen.

Die weitgehende Abschottung gegen außen, die sich die AfD so sehr wünscht, war in der DDR bekanntlich erfolgreich verwirklicht. Die paar Ausländer, die auch so aussahen, waren fein säuberlich wegkaserniert. Wer genervt hat, wurde abgeschoben – ein feuchter Traum von Höcke und Co. Wenn dann der Gutmenschenchor einwirft, viele dieser Muslime hätten schließlich einen deutschen Pass, findet sich im DDR-Fundus ebenfalls das passende Instrument: die Ausbürgerung. Was gegen eine renitente Nervensäge wie Wolf Biermann hilft, wird erst recht für eine islamernde Lusche wie Cem Özdemir gut sein.

Auch der Trick, andere Meinungen und missliebige Argumente als Lügenpresse zu diffamieren, war beliebt. Und: Eine Frisur, wie Beatrix von Storch sie öffentlich aufträgt, hat sich vor ihr nur Margot Honecker zu zeigen getraut.

Peppige Verachtung christlicher Werte

Natürlich will die AfD die DDR nicht eins zu eins wieder errichten. Manches ist schließlich nicht so gut gelaufen. Die Freundschaft zu Russland und den Brudervölkern war damals ja eher von oben befohlen. Hier ist man heute einen großen Schritt weiter: Die Lobeshymnen auf Putin, Orbán und diesen polnischen Kartoffelkopf entspringen aufrichtiger Sympathie und Bewunderung.

Auch die Verachtung christlicher Werte wirkt heute peppiger und moderner: Mussten die Kirchen in der DDR noch verkniffen in die Ecke gedrängt und heimlich unterwandert werden, kapern die Neurechten sie jetzt einfach, indem sie selbst mit Kreuzen herumlaufen und Glaubenssätze noch etwas flexibler auslegen als traditionell ohnehin üblich.

Nächstenliebe zu allen Mitmenschen? Klar, solange wir definieren, wer als Mitmensch zu gelten hat (diese Muslime jedenfalls nicht). Unfehlbarkeit des Papstes, immerhin ein Grunddogma des Katholizismus? Für AfD-Katholiken kein Problem: Gilt nur, solange der Papst dasselbe will wie wir. Unter solchen Bedingungen hätte sogar die DDR als Kirchenstaat durchgehen können.

Die einzige Gefahr droht wie immer aus Amerika. Dabei sind in Sachen Antiamerikanismus der alte SED-Staat und die neudeutschen Wutbürger so sehr auf einer Linie, dass selbst eingefleischten Linkspartei-Altkadern Tränen der Rührung in die Augen steigen. Aber was, wenn sich jetzt Donald Trump durchsetzt?

Ein Mann, der glatt als AfD-Vorsitzender durchgehen könnte. Da droht doch das gute alte Amiland-Feindbild der Bewegung vollständig zusammenzubrechen. Man stelle sich vor: Beatrix von Storch und Donald Trump, Seite an Seite als Führer der neuen westlichen Welt – zwei Frisuren für ein Halleluja. Gott stehe uns bei. Und Allah bitte auch.

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