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Vertreibung von ObdachlosenKein Platz mehr unter der Brücke

Unter der Lessingbrücke in Moabit suchten Obdachlose Schutz vor Hitze und Regen. Nun sperrte die Stadt den Platz aufgrund von Sicherheitsbedenken.

Es ist ein heißer Sommertag, aber unter der Lessingbrücke in Moabit ist es angenehm kühl. Die Brücke spendet Schatten, von der Spree zieht ein leichter Luftzug herüber. Zwischen den mächtigen Brückenpfeilern erstreckt sich eine breite Betonfläche. Seit Jahren nutzen obdachlose Menschen den Platz als Schlafplatz – im Sommer bietet er Schutz vor Sonne und Hitze, im Winter vor Regen und Wind. Einer der Bewohner hatte dort sogar einen kleinen Bücherstand aufgebaut. Romane, Reiseführer und Sachbücher konnten gegen eine Spende mitgenommen werden.

Doch seit einigen Tagen ist der Platz nicht mehr zugänglich. Ein knapp drei Meter hoher Metallzaun versperrt den Zugang zum Bereich unter der Brücke, in dem bislang übernachtet wurde. Der Uferweg an der Spree bleibt zwar passierbar, doch hinter den Gitterelementen ist der Platz menschenleer. Vor dem Zaun liegen noch immer einige Bücher, als hätte jemand den kleinen Stand überstürzt zurücklassen müssen.

Errichtet wurde die Einzäunung von der Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt. Auf taz-Anfrage teilt ein Sprecher mit, die Maßnahme habe 4.900 Euro gekostet. Den Vorwurf, damit Obdachlose vertreiben zu wollen, weist die Senatsverwaltung zurück. Die Einzäunung diene dem Schutz der Brücke. „In der Vergangenheit wurden einzelne Brücken aufgrund von Brandeinwirkungen zum Teil erheblich geschädigt. Eine Bauwerkskontrolle ergab Hinweise, dass unter der Lessingbrücke auf dem Widerlagersockel wiederholt und widerrechtlich Feuerstellen eingerichtet worden waren“, teilt der Sprecher mit. Aus diesem Grund sei der Bereich abgesperrt worden.

Dass Feuer unter Brücken ein Sicherheitsproblem darstellen können, stellt die Berliner Stadtmission nicht infrage. „Das ist nachvollziehbar, was der Senat da sagt“, sagt Sprecherin Barbara Breuer zur taz. Das eigentliche Problem werde dadurch jedoch nicht gelöst. „Für obdachlose Menschen gibt es in dieser Stadt immer weniger Orte, an denen sie sich noch aufhalten dürfen. Die große Frage ist: Wo dürfen sie sein?“ Breuer zählt auf: „Nicht in Einkaufszentren, nicht auf Bahnhöfen, nicht in Parks, nicht auf Spielplätzen, nicht in Hauseingängen, nicht in den S- und U-Bahnen – diese Liste ist beliebig erweiterbar, weil sie eigentlich nirgends sein sollen. Aber sie können sich auch nicht in Luft auflösen.“

Feindliche Architektur

Obdachlose können sich auch nicht in Luft auflösen

Barbara Breuer, Berliner Stadtmission

Die Obdachlosen von der Lessingbrücke, so Breuer weiter, müssten sich nun einen neuen Schlafplatz suchen und erhielten zugleich die Botschaft: „Ihr seid hier unzumutbar, wir müssen uns vor euch schützen!“ Seit Jahren fordert die Stadtmission deshalb zusätzliche Tagesaufenthalte für Obdachlose, deren Zahl zudem Jahr für Jahr steigt. „Es müsste mehr ‚Safer Places‘ geben, mit Mindeststandards der Hygiene, wo Menschen sich aufhalten können und erwünscht sind“, sagt Breuer. Dort könnten Fachkräfte individuell auf die Menschen eingehen und gemeinsam nach Wegen suchen, ihre Lebenssituation zu verbessern.

Doch der Trend geht in die andere Richtung: Seit Jahren wird über sogenannte „defensive“ oder „obdachlosenfeindliche Architektur“ diskutiert. Gemeint sind bauliche Maßnahmen, die verhindern sollen, dass obdachlose Menschen öffentliche Orte zum Sitzen, Liegen oder Übernachten nutzen. Dazu gehören etwa Metallbügel auf Parkbänken, stark unterteilte oder gewölbte Sitzflächen, helle Dauerbeleuchtung, Beschallung mit Musik oder Durchsagen sowie eben Absperrungen unter Brücken.

Ob der Zaun unter der Lessingbrücke als notwendiger Brandschutz oder als weiteres Beispiel für obdachlosenfeindliche Architektur zu werten ist, mag unterschiedlich gesehen werden. Unabhängig davon steht er exemplarisch für eine seit Jahren zu beobachtende Entwicklung: Die Orte, an denen obdachlose Menschen bleiben können, werden immer weniger.

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12 Kommentare

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  • Ich war selbst 4 Jahre auf der Straße trotz Arbeit und kenne das auch. Geht man ins Wohnheim,wird man um den Lohn seiner Arbeit gebracht und niemanden interessiert es,das man Hunger,Durst und trotz allem auch immer noch ein paar Fixkosten hat. Wer Obdachlose aus der Öffentlichkeit vertreibt,macht sie zur Beute für jene,die ihnen Gewalt antun. Diese Leute wissen,das sie das können,weil alle: von der Senatsverwaltung bis hin zum einfachen Bürger wegschauen. Wer wegschaut,schlägt zu,tötet und macht sich mitschuldig an allen Verbrechen,die gegen Obdachlose begangen werden. Schafft endlich Wohnraum - nicht nur für Studenten und jene die Euch willkommen sind, sondern auch für Obdachlose und Arbeiter. Gerade wir Arbeiter sind es,die für alles herhalten müssen: für die Versäumnisse der Politik,eine Gesellschaft die nur unser Geld aber uns nicht will und letztlich auch für alle 'geladenen Gäste' für die eigentlich das BaMF und nicht wir Beitragszahler aufkommen müssten. Brauchen wir Hilfe,zeigt man uns den Mittelfinger. Das ist das,was wir vom Solidarprinzip kennen gelernt haben: wir müssen solidarisch sein und zurück kommt nix.

  • Wir brauchen endlich Lager für Obdachlose. Bei jeder Flüchtlingskrise räumen wir Turnhallen frei, aber da geschieht einfach nichts. Lager sind das Einzige, was man schnell machen kann, zur Not mit Zelten. Nächsten Winter erfrieren sie wieder.

  • "Das eigentliche Problem werde dadurch jedoch nicht gelöst."

    Die Frage ist dann, was "das eigentliche Problem" ist. Aus Sicht der Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt, die für die Erhaltung der Bauwerke zuständig ist, ist das wohl die Beschädigung der Brücke durch die sachfremde Nutzung.

    • @DiMa:

      dass unter einer Brücke neben einem Gewässer, wo permanenter Luftzug herrscht, unterhalb der Brücke durch ein paar Lagerfeuer eine derartige Hitzekonzentration entstehen kann, dass die Bausubstanz der Brücke beschädigt wird, halte ich für physikalischen Nonsens und eine mehr als faule Ausrede und lediglich nachträgliche Rechtfertigung einer unmenschlichen Vertreibungstaktik aus ganz anderer Motivation. Oder hat irgend jemand jemals die Messergebnisse dazu vorgelegt? Heisse Luft erzeugt mehr und schnellere horizontale Luftbewegung unter der Brücke, ergo auch bessere Kühlung und keinen Hitzestau, der erforderlich wäre, um wirklich Schaden anzurichten.

    • @DiMa:

      Das eigentliche Problem sind aus Sicht des Senats die Obdachlosen. Eine Endlösung darf sich aus humanistischen Gründen garnicht ergeben, und trotzdem wird es regelmäßig versucht.

      • @Troll Eulenspiegel:

        Das Problem ist,das Obdachlose keine Stimme haben,obgleich viele ihren Anteil am Wohl der Gesellschaft erbringen durch harte Arbeit. Ich habe das selbe auch durch,weil ich zuviel für eine Sozialwohnung und zuwenig für eine auf dem freien Wohnungsmarkt verdient habe. Im Wohnheim lag ich mit 4 Syrern auf der Stube,die nachts laut gemacht und mir meinen Spind aufgebrochen haben. Bekam 2 Jacken zu Weihnachten von Freunden geschenkt,die mir genommen wurden aus dem Spind. Die Wohnheimleitung half mir nicht und kassierte nur. In meiner Zeit in diesem Wohnheim hatte ich durch eine vom Vorgänger verunreinigtre Matratze 2 mal die Krätze.

      • @Troll Eulenspiegel:

        Das eigentliche Problem ist die zunehmende Armut in diesem Land. Es werden ja auch nur noch teure Eigentumswohnungen gebaut, anstatt mal bezahlbare Sozialwohnungen.

        Ich sehe immer mehr alte Obdachlose, die von dem "Leben" auf der Straße gezeichnet sind, und auch immer mehr obdachlose Frauen, die im 21. Jahrhundert in einem der reichsten Länder dieser Welt auf der Straße sitzen. Ich habe aber noch keinen Politiker gehört, der sich für diese mittelalterlichen Zustände (Obdachlosigkeit) schämt - aber wenigstens sorgen Politiker für "warmes Wetter" in Deutschland.

        In Deutschland sind im Sommer 2026 bis zum 19. Juli (laut Robert-Koch-Institut) schon schätzungsweise 9.800 Menschen an den Folgen extremer Hitze gestorben. Für obdachlose Menschen ist extreme Hitze lebensgefährlich, da sie den extremen Temperaturen auf dem Asphalt oft völlig schutzlos ausgeliefert sind. 🥵

        Aber die Hauptsache ist natürlich, dass das "Stadtbild" schön ist; deshalb vertreibt man ja auch die Obdachlosen.

        • @Ricky-13:

          Sozialwohnungen sind auch für Obdachlose nicht bezahlbar. Außerdem braucht es nicht nur eine Lösung für das Wohnungs, sondern auch für das Drogen- und Gewaltproblem.

          • @Claude Nuage:

            In diesem (Noch)-Sozialstaat (Art. 20 GG) übernimmt das Sozialamt für Obdachlose und arme Menschen die Mieten. Allerdings müssen die Mieten dann im bezahlbaren Rahmen sein - was immer unsere überbezahlten "Volksvertreter" darunter auch verstehen.

            Aber wie ich oben schon geschrieben hatte, werden lieber Eigentumswohnungen in Großstädten gebaut, anstatt endlich mal Sozialwohnungen.

            Durchschnittlicher Quadratmeterpreis für Eigentumswohnungen: München 8930 €, Hamburg 8270 €, Frankfurt a.M. 7350 €, Berlin 5650 €, ...

        • @Ricky-13:

          @ Ricky-13



          Es ist zu hoffen, alle Kirchen haben bei der Hitze - und auch bei der kommenden Kälte im Winter - 24 / 7 geöffnet und es steht auch immer etwas für unsere Mitmenschen zu trinken zu Verfügung.

          • @Alex_der_Wunderer:

            Das wäre ja christlich. Seit wann haben Kirchen etwas mit echtem Christentum zu tun? Kirchen vertrösten arme Menschen seit 2000 Jahren mit dem Märchen vom schönen Himmelreich im Jenseits (damit die nicht über die Ungerechtigkeit auf der Erde nachdenken).

            "Hallelujah"

      • @Troll Eulenspiegel:

        Mit dem Wort "Endlösung" wäre ich perönlich ja erst mal sehr vorsichtig.

        Ansonsten wäre ein erster richtiger und wichtiger Schritt die Klärung der Zuständigkeit und des Aufenthaltsrechts.