Verkehrswende in Berlin: Wenn Radeln zur Mutprobe wird
Die Fahrraddemo „Senior Mass“ am 26. September fordert eine Fadverkehrsinfrastruktur, die auch älteren Menschen Sicherheit und Selbstständigkeit ermöglicht.
Foto: Norbert Michalke / Changing Cities
Eine elegant gekleidete Frau mit weißen Haaren fährt langsam auf ihrem Hollandrad die Skalitzer Straße entlang. Der Radweg ist holprig und viel zu schmal. Als vor ihr eine Gruppe junger, spanisch sprechender Leute den Weg verengt, versucht sie auszuweichen und gerät ins Wackeln. Hinter ihr klingelt ein junger Mann auf einem Rennrad. Die Frau wird noch unsicherer … Eine alltägliche Szene – und eine, die aufzeigt, warum ältere Menschen auf Berlins Radwegen andere Probleme haben können als jüngere.
Darauf will die Senior Mass aufmerksam machen. Die Fahrraddemonstration gibt es in Berlin seit Mai 2025. Initiiert wurde sie vom Netzwerk Fahrradfreundliches Tempelhof-Schöneberg und Changing Cities. Die letzte Ausgabe am 20. Juni musste wegen der großen Hitze auf verkürzter Strecke stattfinden.
Zehn Kilometer in gemäßigtem Tempo
Auch diesmal veranstalten Changing Cities und das Netzwerk die Tour, unterstützt unter anderem von ADFC, Omas for Future und Radeln ohne Alter. Am Samstag, dem 26. September, startet sie um 11 Uhr an der Yorckstraße. Rund 10 Kilometer geht es in gemäßigtem Tempo und mit Polizeibegleitung durch Schöneberg und Charlottenburg und zurück.
Wann Die Senior Mass findet am 26. September 2026 statt, Beginn 11 Uhr an der Yorckstraße Ecke Katzlerstraße.
Wie Die Strecke führt unter anderem über Bülowstraße, Kleiststraße, Kudamm, Fasanenplatz (hier Zwischenkundgebung und Pause), dann weiter über Hohenzollerndamm, Hohenstaufenstraße, Goltzstraße, Goebenstraße zurück zur Yorckstraße.
Schluss Circa um 13 Uhr an der Yorckstraße/Ecke Katzlerstraße.
„Mobilität ist für uns Teilhabe, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben“, sagt Mitorganisatorin Antje Merschel. Gerade im Alter gehe es darum, möglichst lange selbstständig einkaufen, Freunde treffen oder Wege in der Stadt zurücklegen zu können. Gleichzeitig könnten Reaktionsvermögen und Orientierung nachlassen. Deshalb brauche es eine „fehlerverzeihende Infrastruktur“.
„Wenn man einmal falsch guckt, darf man nicht gleich überfahren werden, sondern muss erst einmal zum Stehen kommen können.“ Radwege müssten breit genug für unterschiedliche Geschwindigkeiten, Dreiräder und Anhänger sein; Poller und Drängelgitter dürften nicht zu Engstellen werden. Besonders problematisch seien abrupte Übergänge: „Wenn man kurz vor der Kreuzung in den Fließverkehr muss, möglichst noch mit Abbiegespur und Bussen, dann überfordert das Leute ganz doll.“
Annette Mohr, Omas for Future
Die Folgen erlebt auch Annette Mohr von Omas for Future, die die Senior Mass unterstützen. „Wir wissen von vielen Älteren, die nicht mehr aufs Fahrrad steigen wollen, weil sie einfach Angst haben“, sagt sie. Es sei ihnen zu unübersichtlich und zu unsicher. Dabei gehe es insbesondere um Selbstständigkeit. Mohr erledigt etwa ihre Einkäufe mit dem Fahrrad und meidet selbst Straßen, auf denen sie sich nicht sicher fühlt. „Wir fühlen uns unsicher auf der Straße, und da muss etwas getan werden.“
Nach der Berliner Abgeordnetenhauswahl hoffen die Organisatorinnen auf einen Kurswechsel in der Verkehrspolitik. Die schwarz-rote Landesregierung hat den Radwegeausbau seit 2023 gebremst: Projekte wurden gestoppt oder verschoben, Ausbauziele verfehlt und Teile des Mobilitätsgesetzes abgeschwächt. Das vollständige Radverkehrsnetz soll nun erst 2035 fertig sein.
Es braucht mehr Aufenthaltsqualität
Merschel denkt aber auch über Radwege hinaus. Eine lebenswerte Stadt brauche Bänke zum Ausruhen, schattenspendende Bäume und Begegnungszonen, in denen Menschen miteinander ins Gespräch kommen. Verkehrswege sollten verbinden statt trennen. Ihr Bild dafür ist die südeuropäische Piazza: „Dort gibt es viel Aufenthaltsqualität. Da müssen wir hinkommen.“
Mohr warnt darüber hinaus davor, Radverkehr und Stadtgrün gegeneinander auszuspielen. „Wir finden das wirklich falsch, wenn wie in der Ollenhauerstraße in Reinickendorf geplant 115 Bäume für einen Radweg auf erhöhtem Bordstein gefällt werden. Das wird gerne mal gemacht, und das ist ein fatales Zeichen.“ Radwege sollten stattdessen auf der Fahrbahn angelegt werden. Ihre Forderung: „Wir wollen einfach sichere Radwege für jedes Alter, idealerweise farblich markiert und mit Bollern.“
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