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Mensch und Pferd im SportRoss und Reiter

Anlässlich der WM lohnt es sich, das Verhältnis zwischen Mensch und Pferd im Reitsport zu begutachten. Letzteres ist mal Sportgerät, mal bester Freund.

„Halla lacht! Man merkt es bis zu uns herauf.“ Hans-Heinrich Isenbart sitzt am 17. Juni 1956 in einer Kommentatorenkabine über dem Springparcours von Stockholm und fühlt ein Pferd. Unten galoppiert Halla mit Hans Günter Winkler auf dem Rücken durch den Sand. Winkler ist verletzt. Morphium soll die Schmerzen einer Muskelverletzung dämpfen, die er sich im ersten Umlauf zugezogen hat. Das ist krass.

Dieser Ritt wird deutsche Sportgeschichte schreiben. Aber auch dort oben in der Sprecherkabine passiert Erstaunliches: Reporter Isenbart beginnt, die Gefühle der Stute in menschliche Sprache zu übersetzen. „Halla sagt: Was? Über den Oxer? Da lach ich doch nur.“ Gleichzeitig soll sie auch den Ernst der Lage erkannt haben. „Die hat eine Ahnung, worum es sich hier handelt.“ Es sind die Olympischen Spiele. Der verletzte Winkler wird zur Nebenfigur, die Stute zur Heldin. Am Ende gewinnt Winkler Gold für die deutsche Mannschaft. Ein Sportwunder, das bis heute gern so erzählt wird, wie Isenbart die Geschichte damals angelegt hat: Halla springt den Parcours eigentlich allein. Sie spürt, dass Winkler angeschlagen ist, weiß, worum es geht, und läuft fehlerfrei durch den Parcours.

Die Geschichten darüber, was Pferde denken, wurden damals im Eifer des Gefechts erfunden. Heute gehören sie in der Pferdewelt zum Alltag. „Ich glaube, zu Just Be Gentle in den letzten drei Jahren eine tolle Beziehung aufgebaut zu haben. Und ich glaube, sie hat mir das am Ende verziehen.“ Das sagt Christian Kukuk, Reservereiter des deutschen WM-Kaders in Aachen, Ende 2025 auf einer Pressekonferenz. Wenige Wochen zuvor war ein Video aufgetaucht, das den deutschen Olympiasieger am Rande eines Turniers in Spanien beim Training mit sogenannten Schlaufzügeln zeigt. Sie begrenzen die Kopf- und Halsbewegungen des Pferds massiv. Ihr Einsatz ist deshalb nur eingeschränkt erlaubt; in bestimmten Situationen sind sie sogar verboten. Aber Just Be Gentle soll ihm verziehen haben.

Peter Höffken von der Tierrechtsorganisation Peta hat seine Zweifel. Höffken ist bei Peta für den Bereich Pferdesport zuständig. Die Organisation veröffentlicht regelmäßig Aufnahmen von Turnieren und zeigt Reiterinnen und Reiter wegen des Verdachts auf Tierquälerei an. Zuletzt mit Erfolg: Nach Anzeigen von Peta untersagten die Behörden in Berlin und Hamburg den Einsatz von Zungenbändern im Trabrennsport, ein sogenanntes Hilfsmittel, das die Pferdezunge während des Rennens fixiert.

Pferde streben eher weniger nach Medaillen

„Mein Maßstab ist immer: Was würde das Pferd jetzt am liebsten ohne Menschen machen?“, sagt Höffken. Seine Antwort: Mit anderen Pferden zusammen sein, spielen, laufen, grasen – aber sicher nicht vor Publikum auftreten. Der Schweizer Tierethiker Andreas Brenner ist sich auch ziemlich sicher, dass es dem Pferd nicht um Medaillen geht. Aber ob die Reiterei immer eine Qual für das Tier ist, können wir nicht wissen.

Die Pferd-Mensch-Beziehung ist heikel und sehr alt. Der Fluchtreflex des Pferds sei im Verlauf eines langen Lernprozesses umkodiert und gebrochen worden. „Nicht zufällig sprechen die Amerikaner bis heute vom breaking a horse“, sagt Kulturhistoriker Ulrich Raulff. Raulff nennt diese Beziehung den „kentaurischen Pakt“. Kentauren sind Mischwesen aus der griechischen Mythologie: halb Mensch, halb Pferd.

In seinem Buch „Das Jahrhundert der Pferde“ beschreibt er diese Beziehung als eine Entwicklungsgeschichte von Mensch und Pferd. Pferde beschleunigten Handel, Landwirtschaft und Kommunikation. Sie zogen mit den Menschen in den Krieg und veränderten deren Leben grundlegend. Gleichzeitig veränderte der Mensch das Pferd. Er formte es für seine Bedürfnisse. Über Jahrtausende war das vor allem eine Arbeitsbeziehung. „Pferde leisten Erstaunliches. Aber nicht, weil sie sich beliebig zwingen lassen, sondern weil sie dem Menschen vertrauen“, sagt Raulff. Wenn Pferde schlecht behandelt werden, zahlen sie es ihrem Menschen irgendwann heim. Sie werden widerspenstig. Sie reagieren auf Menschen, erinnern sich, kooperieren – oder eben nicht.

Der Reitsport heute wird von seinen Protagonistinnen und Protagonisten als Liebesgeschichte inszeniert. Auf Instagram gibt es Videos vom gemeinsamen Training, Geburtstagsgrüße und rührende Abschiedsbriefe an verstorbene Pferde. Aus dem Arbeitstier ist ein Partner geworden.

Etliche Verwarnungen im Pferdesport

Die Leistungserwartung ist allerdings geblieben. Das zeigt sich gerade in Aachen bei der WM. Es geht um Titel, Prestige und viel Geld. Gleichzeitig wird in der Szene so intensiv wie nie darüber gestritten, wie weit die Anforderungen an das Pferd gehen dürfen. Kaum eine Regeländerung hat den internationalen Pferdesport in den vergangenen Monaten so beschäftigt wie die sogenannte No-Blood-Rule.

Rund zehn Jahre führte Blut im Einflussbereich des Reiters automatisch zur Disqualifikation. Seit Anfang 2026 entscheidet stattdessen ein Gremium aus Tierarzt, Steward und Ground Jury im Einzelfall. Bis Anfang August verzeichnete die FEI, der Weltreiterverband, allein im Springen 276 „Recorded Warnings“ bei 191 Turnieren sowie 13 Suspendierungen. Eine Auswertung des Deutschlandfunks zeigt: Die meisten Verwarnungen entfallen auf das Springreiten. Dahinter folgen die Vielseitigkeitsreiter. Dort stehen andere Vorwürfe im Vordergrund: „Dangerous Riding“ und „Abuse of Horse“, also etwa das Weiterreiten trotz deutlicher Ermüdungsanzeichen oder ein übermäßiger Einsatz von Gerte und Sporen.

Deutlich weniger Verwarnungen gibt es in der Dressur. Zu den deutschen Reitern, die in diesem Jahr eine Verwarnung erhielten, gehört der Springreiter Richard Vogel, der zum deutschen WM-Aufgebot in Aachen zählt. Seine Verwarnung wurde als „Abuse of Horse“ („Pferdemisshandlung“) eingestuft. Auf eine Anfrage der taz reagierte Vogel nicht. Für Otto Becker, Bundestrainer der deutschen Springreiter, sind solche Einträge keineswegs bedeutungslos. Sie würden im Team besprochen und könnten im Einzelfall sogar Konsequenzen haben.

Gleichzeitig wehrt sich Becker gegen den Eindruck, Tierschutz und Spitzensport stünden im Widerspruch. „Auch wir sind Tierschützer. Auch wir wollen das Beste für das Pferd.“ Die Pferde seien „Athleten“. Die würden gerade im Spitzensport professionell betreut. „Das ist auch das Kapital der Reiter.“ An diesem Begriff stört sich Tierethiker Andreas Brenner. Auch „Athlet“ sei eine menschliche Zuschreibung. Wer Pferde als Athleten bezeichne, unterstelle ihnen etwas: Ehrgeiz, den Wunsch, zu gewinnen. Dafür, sagt Brenner, gebe es keine Belege.

„Hanswürste“ und Spaßverderber

Auch Isabell Werth, die erfolgreichste Dressurreiterin aller Zeiten, benutzt eine Sprache, in der Fürsorge und Leistung selbstverständlich zusammengehören. „Unsere Pferde sind nun einmal das wichtigste Gut. Sie sind danach selektiert, um zu performen“, sagte sie kürzlich in einem Interview mit der Welt am Sonntag, gemeinsam mit der Dressurreiterin Lisa Müller. Die beschreibt den Alltag ihrer Pferde so: „Sie werden zig Mal am Tag rausgeholt, geputzt, von Physiotherapeuten umgarnt, Magnetfeld hier, Aquatrainer da, Laufband hier, Führanlage da. Sie werden wie Topathleten, wie die Fußballspieler den ganzen Tag hoch und runter gepampert.“ Weshalb man, und das sagt wiederum Werth, nicht bereit sei, sich den Spaß von irgendwelchen „Hanswürsten“ verderben zu lassen.

Christian Kukuk sagte 2025 auf einer Pressekonferenz, es sei „gefährlich“, wenn die Öffentlichkeit den Profireitern vorschreiben wolle, wie sie mit ihren Pferden umzugehen hätten. Ausgerechnet dort muss er sich für den Einsatz eines Hilfsmittels entschuldigen, dessen Verwendung innerhalb des Reitsports nicht grundsätzlich sanktioniert wird. Interessant ist, wie Kukuk den Einsatz der Schlaufzügel begründet: als Beziehungsarbeit. Mit dem normalen Zügel habe er eine „zu sprunghafte Verbindung“ gehabt. Es sei „ganz wichtig, mit dem Pferd wirklich kontinuierlich zu kommunizieren“.

Die Beziehung zwischen Mensch und Pferd ist nicht nur Vertrauen, Freundschaft und Liebe. Sie ist ein Aushandlungsprozess. Es gibt unzählige Videos, in denen Pferde sich vor einem Hindernis verweigern, sich gegen die Hilfen des Reiters wehren oder in der Dressur bocken.

Problem des mangelnden Wissens

Die Verhaltensbiologin Vivian Gabor unterscheidet zwischen sehr unterschiedlichen Formen von Fehlern. Da ist der Mensch, der die Beherrschung verliert. „Wenn ein Mensch unter Druck gerät – ob auf einem Turnier oder durch Erwartungen von außen –, dann gibt er diesen Druck oft an das Tier weiter“, sagt sie. Mit Gertenhieben oder aggressiven Korrekturen. Daneben gibt es die systematische Härte: das Barren, Schlaufzügel oder andere Trainingsmethoden, die innerhalb des Sports zumindest toleriert werden. Und es gibt ein drittes Problem: mangelndes Wissen.

Gabor beschäftigt sich seit Jahren damit, wie Pferde lernen, fühlen und mit Menschen kommunizieren. Sie bildet Trainerinnen und Trainer aus. Sie wünscht sich, dass Menschen lernen, ihre Pferde besser zu lesen. Ob Spitzensport einem Pferd schade, lasse sich wissenschaftlich nicht beantworten. Entscheidend sei das einzelne Pferd und der einzelne Mensch. Gerade deshalb dürften Pferde weder vermenschlicht noch als bloße Sportgeräte betrachtet werden. Sie seien Partner – aber weiterhin Tiere. Menschen müssten für Tiere mitentscheiden. Das sei ihre ethische Verantwortung.

1956 wusste Hans-Heinrich Isenbart genau, worüber Halla angeblich lachte. Die Wissenschaft ist heute deutlich vorsichtiger. Die entscheidende Frage, sagt Vivian Gabor, sei nicht, ob ein Pferd springen, piaffieren oder gewinnen könne, sondern ob dieses Pferd in genau diesem Moment noch mitmachen wolle.

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