Untersuchungsausschuss Afghanistan: Umgang mit Traumatisierten
Die Mitglieder des Untersuchungsausschuss zu Afghanistan lassen sich fortbilden. Retraumatisierungen von Zeug*innen sollen vermieden werden.
Der Bundestagsuntersuchungsausschuss zum Afghanistan-Abzug will bei Befragungen von Ortskräften künftig mehr Rücksicht auf deren psychische Gesundheit nehmen. Sitzungen, in denen ehemalige Ortskräfte aussagen, werden ab sofort durch eine Psychotherapeutin begleitet. Den Mitgliedern des Ausschusses wird zudem eine Fortbildung zum Thema Retraumatisierung angeboten. Nach taz-Informationen haben die Obleute der Fraktionen das als Reaktion auf eine vorzeitig abgebrochene Sitzung im November vereinbart.
Als Zeuge war damals ein Mann geladen, der einst in einem Medienzentrum der Bundeswehr in Masar-e Scharif gearbeitet hatte. Seine Flucht vor den Taliban schilderte er als Odyssee: Zunächst habe ihm die Bundeswehr Hilfe verweigert, weil er nur per Werksvertrag beschäftigt war. Später hätten Bundeswehrsoldat*innen ihn und seine Familie trotz einer Evakuierungszusage mit vorgehaltener Waffe vom Kabuler Flughafen verscheucht. Letztendlich musste die Familie über den Landweg nach Pakistan ausreisen, wo sie ein Visum für Deutschland erhielt.
Die Befragung des Zeugen im Untersuchungsausschuss zog sich über mehrere Stunden. Sie wurde immer wieder unterbrochen, weil im Bundestagsplenum Abstimmungen stattfanden, an denen die Mitglieder des Gremiums teilnehmen mussten. Als Abgeordnete dem Mann am Abend Fragen nach seinen in Afghanistan zurückgeblieben Eltern stellten, erlitt er einen psychischen Zusammenbruch. Der Ausschuss beendete die Befragung daraufhin.
„Abgesehen von der AfD haben sich alle Abgeordneten um einen sensiblen Umgang mit meinem Mandanten bemüht. Es war aber auch erkennbar, dass die Situation neu für sie war. Sie können nicht wissen, wie man mit traumatisierten Zeugen am besten umgeht. Insofern ist eine Schulung sicher sinnvoll“, sagt der Rechtsanwalt Matthias Lehnert, der den Zeugen zu dessen Aussage begleitet hatte.
„Wir sind uns unserer besonderen Fürsorgepflicht bei der Befragung von ehemaligen Ortskräften sehr bewusst“, sagt Robin Wagener, Obmann der Grünen im Ausschuss. „Wir befragen Menschen, die während der Machtübernahme durch die Taliban höchst traumatische Situationen erleben mussten und mit den Konsequenzen bis heute zu kämpfen haben. Deshalb ist es eine Selbstverständlichkeit, dieser besonders sensiblen Befragungssituation so gut es geht gerecht zu werden. Zudem möchte ich betonen, dass alle geladenen Ortskräfte ihre Geschichte auch erzählen wollen.“ Die Perspektive der Ortskräfte sei für ein Gesamtbild von enormer Bedeutung.
Der Untersuchungsausschuss hat bisher vor allem deutsche Regierungsbeamte vernommen. Der im November befragte Mann war der erste afghanische Zeuge. Für die kommenden Wochen plant der Ausschuss Sitzungen mit weiteren Ortskräften, an diesem Donnerstag wird voraussichtlich eine ehemalige afghanische Mitarbeitern der KfW Entwicklungsbank aussagen.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert