: Unter den Bäumen wächst der Kaffee
Der Klimawandel setzt auch den Kaffeebauern in Brasilien zu. Einige probieren neue Wege und bauen die Bohnen statt in Monokulturen in Agroforstsystemen an. Kann das den Arabica retten?
Von Katharina Happel (Text und Fotos)
Manchmal ist es gar nicht schlecht, in der Scheiße zu stecken. Etwa, wenn man in Brasilien nach zukunftsfähigen Alternativen im Kaffeeanbau sucht. Dort, in den Bergen im Südosten des Landes, steht Luiz Antonio Ramos barfuß im Pferdemist und schaufelt ihn in seinen Truck. „Ich liebe diesen Geruch!“, ruft er und wirkt dabei ehrlich glücklich. Später wird er den Mist mit Kaffeeschalen und Holzasche mischen und auf seine Felder bringen: als Substrat für seine Kaffeesetzlinge und Starthilfe für den Boden, der sich erst regenerieren muss.
Ramos ist Biologe und hat eine Vision. Auf einstigen Weidehängen in seiner Heimatstadt Serra Negra im Bundesstaat São Paulo will er Kaffee unter dem Schatten von Bäumen kultivieren. Er versteht Landwirtschaft als Teil eines Ökosystems und setzt auf biologische Vielfalt und natürliche Kreisläufe. Ein zentrales Instrument ist dabei die Agroforstwirtschaft, bei der sich Ackerbau oder Tierhaltung die Fläche mit Bäumen teilen. Diese spenden Schatten, schützen vor Erosion und liefern Biomasse, die den Boden nachhaltig regeneriert. Das steht im Kontrast zu den sonnenexponierten Monokulturen, die Brasiliens Kaffeeanbau dominieren und an denen er vorbeifährt, wenn er den Pferdemist zu seinem Anwesen transportiert.
Brasilien ist der größte Kaffeeexporteur der Welt. In der Saison 2024/25 exportierte das Land laut Cecafé, dem Verband brasilianischer Kaffeeexporteure, rund 2,74 Millionen Tonnen und Deutschland gehört zu den größten Abnehmern. Doch der Erfolg hat seinen Preis. Der Großteil der Produktion stammt aus Monokulturen mit hohem Einsatz von Pestiziden und synthetischen Düngern, was Wälder zerstört, die Umwelt belastet und Kleinproduzent*innen schadet.
Für Luiz Antonio Ramos kam das nie infrage. Serra Negra liegt in der Serra da Mantiqueira, einer Gebirgskette, die sich über drei Bundesstaaten im Südosten Brasiliens erstreckt. Es ist eine Region, die durch den Kaffeeanbau geprägt wurde. Im Studium wurde dem Biologen klar, wie sehr die Monokulturen seiner Heimat schaden: Wälder wurden gerodet, es wurde heißer, der Regen weniger.
Das ist nicht nur ein regionales Problem. Studien prognostizieren bis 2050 nicht nur in Brasilien eine drastische Verringerung geeigneter Flächen für die weitverbreitete Kaffeesorte Arabica als Folge des Klimawandels und fortschreitender Entwaldung. Das trägt auch dazu bei, dass Kaffee in Deutschland teurer wird. Importpreise für Rohkaffee sind 2025 im Vergleich zum Vorjahr um 53,1 Prozent gestiegen. Die Serra da Mantiqueira war aufgrund ihrer Höhenlagen und ihres relativ kühlen Klimas lange eine verlässliche Region für hochwertigen Arabica. Aber inzwischen verursachen steigende Temperaturen, extreme Hitze- und Trockenperioden und ungewöhnliche Fröste auch hier Ernteausfälle und verschieben Blüh- und Reifezeiten. „Wir müssen nachhaltigere Wege für die Kaffeeproduktion finden. Kaffee in Monokulturen hat hier keine Zukunft“, sagt Ramos.
Der Anfang dieses Weges war steinig. Viele von Ramos’ Kaffeesetzlingen überlebten das erste Jahr auf dem Feld nicht. Es war zu heiß, zu trocken, der Boden ausgelaugt und die Bäume, die Schatten spenden sollen, müssen erst noch wachsen. Doch Ramos blieb dran. Er fand eine Wasserquelle, beschaffte Holzkisten zur Abdeckung junger Pflanzen, säte schnell wachsende Pionierarten als Schattenspender und brachte gezielt Biomasse von außen ein. Der Pferdemist ist seine neueste Errungenschaft.
„Komm, ich will dir was zeigen“, sagt Ramos und führt zu zwei Feldern. Nach vielen Rückschlägen sind diese in den letzten Monaten endlich aufgeblüht. Kräftige Kaffeepflänzchen wachsen zwischen Rizinus, gelb blühenden Guandu-Sträuchern und bunten Gemüsesorten. Auch erste heimische Bäume wie Ipê und Assa-Peixe haben sich angesiedelt. „Der Kaffee wächst, er fühlt sich endlich wohl“, sagt Ramos und strahlt.
Dabei geht es ihm nicht nur um seine zukünftige Ernte. Mit seinem Projekt will er andere Kleinproduzent*innen dazu inspirieren, Kaffeekultivierung neu zu denken und die ländliche Gemeinschaft in der Region zu stärken. Vernetzung und Wissensaustausch sind Teil seines Transformationsgedankens. „Die kleinen Betriebe werden zunehmend unter dem Klimawandel leiden, wenn sie weiterhin auf konventionellen Anbau setzen“, erklärt Ramos.
Agroforstsysteme verändern das Verhältnis zwischen Menge und Qualität. Pro Hektar fällt in der Regel weniger Rohkaffee an als bei Monokulturen und die Ernte ist zeitintensiver. Dafür gewinnen Produzent*innen ökologische Resilienz, bessere Arbeitsbedingungen im Schatten und mehr wirtschaftliche Unabhängigkeit, weil sie verschiedene Kulturen auf derselben Fläche anbauen können. Trotzdem hält sich der Glaube an traditionelle Methoden im Kaffeeanbau hartnäckig: „Wir haben hier eine sehr konservative Agrargesellschaft, die Menschen sind neuen Konzepten gegenüber skeptisch“, erklärt Ramos und verweist auf die starke Lobby großer Agrarkonzerne. Eine nationale Transformation hin zu agrarökologischen Systemen im Kaffeeanbau erfordert daher auch staatliche Anreize, Weiterbildungsangebote und Marktmechanismen, die Umweltleistungen honorieren.
Luiz Antonio Ramos läuft die Beete ab und beginnt mit der Bewässerung, die noch nötig ist. Er prüft dabei den Zustand der kürzlich gepflanzten Setzlinge und nickt zufrieden. Morgen kommt der Pferdemist zum Einsatz. Im nächsten Frühling plant er weitere Pflänzchen aufs Feld zu bringen, bis dahin will er sich dem Boden widmen. Wo die ersten Kaffeepflanzen ihre kritische Phase überstanden haben, stellt sich für Ramos die nächste Frage: Werden sie irgendwann auch Früchte tragen? Der Blick auf ein anderes Projekt in der Serra da Mantiqueira zeigt, dass Ramos’ Vision realistisch ist.
Rund 250 Kilometer von Serra Negra entfernt liegt, versteckt zwischen grünen Bergen im Süden des Bundesstaates Minas Gerais, das Anwesen von Murillo Teixeira. Von außen wirkt die Fläche wie ein Stück Wald. Nur wer genau hinsieht, entdeckt die Reihen ausgewachsener Kaffeepflanzen zwischen heimischen Bäumen, Bananenstauden und Leguminosen. Mittendrin steht Teixeira in Gummistiefeln auf einer grünen Plastikbox. Er greift nach reifen, gelb-braun gesprenkelten Kaffeekirschen, die ganz oben im Baum hängen. „Es ist eine Beziehung zwischen uns und dem Land“, sagt er, „Wir müssen aufmerksam sein. Wir müssen wirklich verstehen, wo wir sind.“ Es ist April, Herbst in Brasilien – und Erntezeit.
Teixeiras Kaffee ist biozertifiziert, doch er ist mehr als das. „Bio behandelt oft nur die Symptome, nicht die Ursachen“, sagt er. Denn bei „Bio“ werden zwar keine Pestizide eingesetzt, aber der Kaffee wächst dennoch oft als Monokultur. Wie Ramos legt auch Teixeira seinen Fokus auf ein gesundes Ökosystem: Was wächst, darf bleiben – solange es dem Kaffee nicht schadet. Und das Meiste schadet nicht. Es hilft.
Das zeigt sich auch unter den Füßen. Teixeira gräbt eine Handvoll dunkler, lockerer Erde aus. „Siehst du, eine Woche ohne Regen und sie ist noch feucht“, sagt er. Das ist fruchtbarer, humusreicher Boden. „Stetige Zufuhr von Biomasse und Schatten sind die zwei wichtigsten Faktoren in solch einem System“, erklärt Teixeira. Deshalb pflanzt er Bananen zwischen den Kaffeereihen und lässt heimische Bäume und Sträucher wachsen, wo sie wollen. Arabica stammt aus Bergwäldern in Äthiopien; die Pflanze mag Schatten.
Als Teixeira 2019 das Land übernahm, sah es noch anders aus. 20.000 Kaffeebäume der Sorte Bourbon Amarelo wuchsen in Monokultur. Die Vision eines lebendigen Agroforsts kam erst später – ein Baum brachte Teixeira zum Umdenken. Er erzählt, dass in seinem ersten Sommer fast alles vom Kaffeerost befallen war, einer Pilzerkrankung. Nur die Kaffeepflanzen unter einem alten Feigenbaum waren gesund. „Vielleicht haben die Agroforst-Leute doch recht“, dachte Teixeira damals. Heute hat er weniger Kaffeebäume, dafür mehr Vielfalt und gesündere Pflanzen.
Trotzdem steht er weiterhin vor Herausforderungen. Vor einem Kaffeebaum bleibt er stehen, deutet auf Zweige mit kleinen Knospen. Einige Bäume bereiten sich auf die Blüte vor, obwohl gerade Erntezeit ist und bald der Winter kommt. „Der April ist viel zu warm, bis zu drei Grad über dem Durchschnitt“, sagt er. „Wir sprechen hier nicht nur von globaler Erwärmung, es geht um Klimachaos.“ Für ihn ist sein Agroforst keine Ideologie, sondern die einzig mögliche Anpassungsstrategie: „Ich will es nicht romantisieren, die Zukunft wird nicht leicht. Aber Kaffee in diversifizierten Systemen ist resistenter gegenüber Extremwetter. Das ist ein Fakt.“
Murillo Teixeira verkauft seinen Kaffee direkt an Kunden in der Region. Mit 50 Reais, knapp 9 Euro, pro 250 Gramm ist er deutlich teurer als herkömmlicher Supermarktkaffee in Brasilien. Teixeira ist sich bewusst, dass sich viele Menschen das nicht leisten können. Aber rechtfertigt das die Massenproduktion von billigem Kaffee? Er erzählt eine Anekdote: Der größte Kaffeekonsument der Welt sei der Abfluss – weil wir Kaffee massenhaft wegschütten. Das wirft die Frage auf, ob die globale Nachfrage die Produktionsmengen rechtfertigt.
Und geht es am Ende wirklich nur darum – um Produktion und Konsum? Es ist Luiz Antonio Ramos’ Stimme, die nachhallt: „Es geht nicht nur darum, Kaffee für die Zukunft zu kultivieren. Es geht auch um uns. Das Feld gibt mir Hoffnung.“
Am Ende des Nachmittags hat Murillo Teixeira alle gelb-braunen Kaffeekirschen gepflückt. Die übrigen brauchen noch Zeit. Er steigt von der grünen Plastikbox. Blickt noch einmal zurück, auf die Kaffeebäume, die Bananenstauden, den alten Feigenbaum. Breitet die Ernte zum Trocknen aus. „Komm, lass uns einen Kaffee trinken“, sagt er dann. Der Kaffee riecht nach Karamell und gelben Früchten.
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