Treffen gegen Brasiliens Ölpläne: Die Angst vor dem alles vernichtenden Unfall
Lula will Brasiliens Energiewende mit Einnahmen aus der Erdölförderung an der Amazonasmündung finanzieren. Dagegen wehren sich die Menschen vor Ort.
Foto: Pilar Olivares/reuters
„Der Fluss ist unsere Lebensgrundlage“, sagt Ediane Tavares, „wir ernähren uns von Fischen, verkaufen Fische und duschen im Flusswasser. Was bliebe uns, wenn hier Rohöl auslaufen würde?“ Ediane Tavares lebt in einer Fischergemeinde auf der Flussinsel Marajó in der Amazonasmündung im Norden Brasiliens.
Gerade erst haben die staatlichen Behörden Erfolge beim Schutz des Amazonasgebiets gemeldet. Da geht es um Abholzung und Waldbrände des Regenwalds. Erstere ist so niedrig wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr, zwischen August 2025 und Juli 2026 wurden rund 36 Prozent weniger Bäume gefällt als in den zwölf Monaten zuvor. Die Fläche, auf der es in diesem Jahr bislang gebrannt hat, ist 80 Prozent kleiner als die des Vorjahres. Aber die Bedrohung geht noch von einer anderen Seite aus. Präsident Lula ist mit dem Versprechen angetreten, das Klima zu schützen, zugleich will er aber Ölvorkommen in der Nähe der Amazonasmündung erschließen. Mit den Einnahmen soll wiederum die grüne Energiewende finanziert werden.
Das Internet auf Marajó ist wackelig, der Strom fällt regelmäßig aus. Edianes Haus aus Holzbohlen steht an einer einsamen Sandbucht, gelegentlich vermietet sie ein Zimmer an Urlauber, die es romantisch finden, wie sich der Vollmond im stillen Wasser spiegelt. Im November hat der halbstaatliche Konzern Petrobras in der Gegend Probebohrungen zur Erdölförderung aufgenommen. Fischer treffen seitdem immer öfter Petrobras-Schnellboote auf offenem Meer. „Bislang sind sie nur eine vage Bedrohung“, sagt Tavares, „aber wir haben Angst vor einem Unfall, der unsere Lebensgrundlage zerstören könnte“.
Vergangene Woche hat die Lehrerin an einem Treffen mit Fischern und Muschelsammlerinnen aus ganz Brasilien teilgenommen. Organisiert hat das die CPP, eine katholische Pastorale, die unter anderem vom katholischen Werk für Entwicklungszusammenarbeit Misereor finanziert ist. Sueli Miranda, die Sekretärin des Regionalbüros Nord sagt: „Seit die COP30 vorbei ist, achtet die Öffentlichkeit weniger auf dieses Thema, und die Regierung will die Bohrungen weiter vorantreiben. Die FischerInnen müssen sich zusammenschließen, um überhaupt mit der öffentlichen Hand ins Gespräch zu kommen.“
Havarien im Januar
Entgegen den Empfehlungen eigener technischer Gutachter hatte die Umweltbehörde Ibama die Bohrungen in einem ökologisch besonders sensiblen Gebiet im vergangenen Oktober genehmigt. Der Konzern habe Erfahrung mit Tiefseebohrungen, hieß es damals, Unfällen sei vorgebeugt. Tatsächlich hat der Konzern seit 2020 laut dem Sender Deutsche Welle 1.700 Bußbescheide für Umweltsünden kassiert. Im Januar liefen bei einem Unfall im Amazonasbecken etwa 160 Kilometer von der Küste entfernt bis zu 18.000 Liter einer Bohrflüssigkeit aus, die vom Konzern als „ungefährlich“ bezeichnet wurde. Ibama stoppte die Bohrungen für 30 Tage und verhängte ein Bußgeld von 2,5 Mio Reais, weil die Substanz toxisch für Pflanzen und Tiere sei.
Die „Schlamm“ genannte Flüssigkeit „enthält außer toxischem Diesel auch Bariumsulfat, das auf dem Meeresboden giftiges Barium freisetzen kann“, erklärt der Ozeanologe und Umweltschützer Gustavo Moura aus Belém. Der ursprüngliche individuelle Notfallplan, den Ibama genehmigt hat, sehe keine Maßnahme vor, die verhindern würde, dass ausgelaufene Flüssigkeiten den Meeresboden erreichen. „Der Schlamm agiert bis heute dort und wir wissen nicht, wann die Toxizität sich abbaut.“
CPP-Sekretärin Sueli Miranda
Seit Februar bohrt die Petrobras wieder im Block 59: Die Regierung hat zwar erklärt, der Ausbau der Erdölförderung im Amazonasbecken sei notwendig, um Geld für den nachhaltigen Umbau zu generieren. Aber es ist nicht einmal bekannt, welche Erträge im Block 59 erwartet werden, die endgültige Tiefe soll erst in diesem Monat erreicht werden.
Ohnehin schon Rekordförderung
Gleichzeitig hat Brasilien im Juni mit 4,475 Millionen Barrel so viel Erdöl gefördert wie noch nie. In Pelotas im Süden des Landes ist 2024 ein Erdölvorkommen von geschätzt 15 Milliarden Barrel entdeckt worden, im März wurden bedeutende Funde im Pre-Sal in Campos vermeldet. Sind die Bohrungen in der Nähe des großen Amazonaskorallenriffs also wirklich notwendig?
Die Bundessstaatsanwaltschaft hatte Ibama bereits im Februar nahegelegt, die Bohrgenehmigung bis zur Vorlage umfassender Studien aufzuheben. Moura fragt: „Wie viele neue Bohrlöcher sind denn konkret zur Energiewende nötig? Wann können wir aufhören, neue Bohrungen einzuleiten?“ Der nationale Fahrplan zum Ausstieg aus fossilen Energien könnte solche Antworten geben. Doch das von Präsident Lula bis Februar eingeforderte Dokument liegt bislang noch nicht vor. Ediana Tavares sagt: „Bei unserem Treffen habe ich Berichte von FischerInnen gehört, die nach Ölunfällen Haut- und Krebserkrankungen bekommen haben. Wir können die nächsten sein. Aber noch lässt sich hier im Amazonasbecken das Schlimmste verhindern.“
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