Unfälle und die Folgen: Im grauenhaften Nebel des Straßenverkehrs
Wer ist verantwortlich, wenn im Verkehr jemand verletzt wird? Unsere Autorin fühlt sich an einen alten Film erinnert.
A ls „Nebel des Grauens“ das erste Mal im Fernsehen lief, ging ich gerade erst zur Schule. Meine Eltern waren ausgegangen und meine großen Geschwister inklusiv veranlagt. Ich durfte mitschauen, wie aus dem Nichts Nebelwände voller Zombies auftauchten, Menschen töteten und anschließend wieder im Nichts verschwanden. Gegen den Untotengroll konnten die Dahingemetzelten nichts unternehmen, weil der Zorn sich eigentlich gegen deren verantwortliche Väter richtete. Die wiederum waren längst altersgemäß abgelebt.
Ich integrierte den Film in vielen durchschwitzten Nächten in mein Unterbewusstsein, vergaß ihn nie und halte ihn jetzt für eine geniale Parabel auf zeitgemäßes Verantwortungsmanagement.
Vor wenigen Wochen wollten Freunde von mir ihre Tochter besuchen, die auf Zypern studiert. Dorthin ist es mit dem Rad etwas weit. Deshalb standen sie einstiegsbereit am BER, als es Eis regnete und der Berliner Flughafen geschlossen wurde. Das Gepäck war schon im Flugzeug und blieb dort auch, schließlich hatte die Flughafenleitung beschlossen, dass niemand mehr aufs Flugfeld durfte.
Tausende Gestrandete suchten Auskunft, Schlafplätze, irgendeinen Plan. Und bekamen statt Verantwortlicher ein paar vereinzelte Bundespolizisten, die im Gebäude herumstanden wie Statisten in einem Film, dem das Drehbuch fehlt. Als meine Freunde zwei Tage später ihre Koffer abholen wollten, wurden sie drei Stunden lang zwischen Terminal 1 und 2 von Schalter zu Schalter geschickt und kehrten ohne Gepäck nach Hause zurück. Mit dieser spezifischen Müdigkeit, die entsteht, wenn man merkt, dass niemand vorhat, Verantwortung zu übernehmen.
Die Mehrheit trägt Helm
Ich war sensibilisiert, denn eine Woche zuvor hatte mir der Präsident des Verkehrsgerichtstags einen Eindruck von dem Verantwortungsmanagement bei der Sicherheit auf den Straßen vermittelt: Regte er Regeln für Assistenzsysteme an – etwa, dass sie für Autos künftig in 30er-Zonen nur 30 zulassen? Schlug er vor, dass Menschen, die mit dem Auto schuldhaft töten, lebenslang den Führerschein verlieren? Brachte er ein zeitnahes Verbot von Verbrennern ins Spiel? Abgase töten jedes Jahr Tausende, und die StVO verlangt gegenseitige Rücksichtnahme. Erinnerte er also Entscheider in Politik, Verwaltung oder Wirtschaft daran, dass sie Verantwortung tragen, etwas bewegen könnten und müssten?
Nicht ganz. Der Mann schlug vor, E-Bike-Fahrern ohne Helm, die von einem Autofahrer umgefahren werden, weniger Schmerzensgeld zukommen zu lassen. Begründung: Im allgemeinen Verkehrsbewusstsein sei Helmtragen beim E-Biken angekommen, die Mehrheit tue es. Die Minderheit der Helmlosen komme also ihrer Eigenverantwortung nicht nach – und könne dafür bestraft werden.
Das allgemeine Verantwortungsbewusstsein hat sich offenbar dahin entwickelt, dass die mit den gut bezahlten Verantwortungsposten allen anderen erklären, wie Eigenverantwortung geht. Übersetzt in Zombie-Horror heißt das: Der Nebel kommt aufgrund von Entscheidungen, aber trifft nicht die, die die Entscheidungen verantwortlich getroffen haben, sondern irgendwen, der halt gerade so da ist.
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