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Umweltschützer über brennende Ölanlagen„Die Küstenregion wird über Jahre kontaminiert bleiben“

Die Drohnenangriffe auf russische Raffinerien haben schwere Umweltfolgen, sagt Wladimir Slivjak. Die Schuld sieht er aber nur bei einem.

Bernhard Clasen

Interview von

Bernhard Clasen

taz: Wladimir Slivjak, die Ukraine setzt im Krieg mit Russland Drohnen gegen Fossilanlagen ein. Allein im April soll sie 14 entsprechende Einrichtungen angegriffen haben, von Raffinerien bis hin zu Hafenterminals. Ende vergangener Woche trafen die Attacken die Erdölverarbeitung bei Jaroslaw und bei Perm. Was ist über die Folgen für die Umwelt bekannt?

Wladimir Slivjak: Auf beiden Geländen brennt es, auf Luftaufnahmen ist starke Rauchentwicklung zu sehen. Bei Perm war es der dritte Angriff innerhalb von neun Tagen. Die Raffinerie ist eine der größten in Russland und produziert Treibstoff sowohl für den zivilen als auch für den militärischen Sektor. Aktuell wird nun auch von Evakuierungen dort berichtet. Denn bei den Bränden werden große Mengen giftiger und teil krebserregender Stoffe freigesetzt. Besonders gefährdet sind Kinder, ältere Menschen und Personen mit Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Krankheiten. Die ganz konkreten ökologischen Folgen sind allerdings bisher begrenzt dokumentiert.

taz: Ist das bei Tuapse anders? Die dortige Ölraffinerie war im März und April viermal in zwei Wochen Ziel von Drohnenangriffen. Und es heißt, die folgende Umweltkrise sei eine der schwersten seit dem Ende der Sowjetunion.

Im Interview: Wladimir Slivjak

52, ist einer der bekanntesten russischen Umweltschützer. Er ist Mit-Gründer und Co-Vorsitzender der russischen Umweltorganisation Ecodefense und Träger des Right Livelihood Award. 2025 hat der Kreml ihn als „Auslandsagenten“, also als Staatsfeind, eingestuft.

Slivjak: Die Lage in Tuapse am Schwarzen Meer ist recht gut dokumentiert, weil sie so extrem ist. Die Raffinerie ist eine der größten Russlands, vor allem aber bildet sie mit dem Hafenterminal einen zentralen Knotenpunkt für den Export russischer Erdölprodukte. Die Brände dauerten dort tagelang. Anwohner sprachen davon, dass ein „schwarzer Regen“ über die Stadt gefallen sei. Inzwischen haben die Behörden eingeräumt, dass die Grenzwerte etwa von Benzol und Xylol in der Luft weit überschritten waren.

taz: … Benzol ist erwiesenermaßen krebserregend, Xylol reizt Atemwege und zentrales Nervensystem und kann langfristig Organschäden verursachen.

Slivjak: Die akute Belastung ist aber nicht alles. Denn die Schadstoffe bleiben in der Umwelt. Sie setzen sich auf Pflanzen ab, werden von den Böden aufgenommen, belasten und vergiften Tiere. Luftverschmutzung und kontaminierte Flächen wirken noch lange nach dem eigentlichen Angriff weiter.

taz: Es wird auch von einem Ölteppich an der Schwarzmeerküste berichtet.

Slivjak: Es liefen mindestens 500 Tonnen Öl ins Schwarze Meer und verschmutzten es über Dutzende Kilometer entlang der Küste. Auch andere Orte wie Agoy, Nebug oder Olginka könnten noch betroffen werden. Überall an den Stränden findet man immer noch tote Delfine, Vögel und Fische. Auf dem Meereswasser hat sich eine Ölfilmschicht gebildet. Diese Schicht reduziert den Sauerstoffaustausch und schädigt das gesamte marine Ökosystem. Insgesamt bleibt diese Küstenregion über Jahre kontaminiert. Ölreste werden durch Wellen und Stürme immer wieder an Land gespült. Im Sommer kann es zusätzlich zu giftigen Dämpfen aus erwärmtem Öl im Boden kommen.

taz: Warum greift die Ukraine überhaupt russische Raffinerien an?

Slivjak: Das ist Putins Krieg gegen die Ukraine. Russland hat vor über vier Jahren die Ukraine überfallen. Damit hat er die größte humanitäre, militärische und ökologische Katastrophe in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst. Krieg bedeutet immer Umweltzerstörung – Luft, Wasser, Böden, alles wird betroffen. Die Ukraine greift russische Raffinerien an, weil mit diesen der Krieg gegen die Ukraine finanziert wird. Und solange Russland Geld aus Öl und Gas bekommt, wird der Krieg weitergehen.

taz: Gäbe es keine anderen Wege als diese ökologische Katastrophe?

Slivjak: Europa hat allein in diesem Jahr 3,9 Milliarden Euro für russisches Gas bezahlt. Dieses Geld fließt direkt in den Krieg. Wenn man diesen Krieg wirklich beenden will, muss man die Einnahmequellen Russlands reduzieren.

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