Druschba-Pipeline: Machtkampf um Öl für Deutschland
Seit dem 1. Mai kommt kein kasachisches Öl mehr nach Schwedt. Kasachstan wird zum Spielball im geopolitischen Poker des Kremls.
Druschba heißt Freundschaft. An der gleichnamigen Ölpipeline durch Russland und die Ukraine gen Westen haben Brigaden der DDR-Jugendorganisation FDJ mitgeschweißt. Doch nun hat die Freundschaft ein Ende: Russland stoppt zum 1. Mai die Durchleitung von kasachischem Rohöl durch die Leitung. In der PCK-Raffinerie im uckermärkischen Schwedt kommt kein Öl aus Kasachstan mehr an – eine Folge des russischen Überfalls auf die Ukraine.
Für mindestens Mai und Juni sei Kasachstan von der russischen Betreibergesellschaft der Druschba-Pipeline keinerlei Durchleitungskapazität angeboten worden, sagte der kasachische Energieminister Erlan Qūdaibergenūly Aqkenjenov. Astana zufolge gebe es keine offizielle Mitteilung von Moskau, das sich auf „einen Mangel an technischer Kapazität für den Transport kasachischen Öls durch das Pipelinesystem“ berufe. Dafür seien jüngste ukrainische Angriffe auf die russische Energieinfrastruktur verantwortlich. Er betonte jedoch, dies sei bislang unbestätigt.
PCK in Schwedt ist eine der wichtigsten Raffinerien Deutschlands. Für die Hauptstadt, den Nordosten Deutschlands und den Nordwesten Polens ist sie die entscheidende Lieferantin von Diesel, Benzin, Kerosin, Schmier- und Heizöl. PCK gehört zu 54 Prozent deutschen Töchtern des russischen Staatskonzerns Rosneft. Sie stehen wegen des Ukrainekriegs aber unter Treuhandverwaltung und damit unter der Kontrolle des Bundes.
Nach der russischen Vollinvasion in der Ukraine im Februar 2022 wurden die Rohölimporte aus Russland auf null heruntergefahren. Seit 2023 liefert Kasachstan Rohöl an PCK über den nördlichen Zweig der Druschba-Pipeline, der durch Russland und Polen verläuft, bevor er Deutschland erreicht. 2025 kamen 2,1 Millionen Tonnen kasachisches Öl über die Druschba-Pipeline. Für dieses Jahr waren Lieferungen im Umfang von 3 Millionen Tonnen geplant.
Lieferung per Schiff
Bisher waren weniger als ein Viertel des in der Raffinerie verarbeiteten Rohöls aus Kasachstan gekommen. Der Großteil wurde per Schiff über die Häfen Rostock und Danzig geliefert. Ohne das kasachische Öl dürfte die Kapazität von PCK nur noch zu 60 Prozent ausgelastet sein, hieß es in Unternehmenskreisen.
Der zentralasiatische Staat Kasachstan will jetzt einen Teil des für Schwedt bestimmten Öls über die Kaspi-Pipeline CPC in den russischen Schwarzmeerhafen Noworossijsk und zum russischen Ostsee-Exportterminal Ust-Luga pumpen lassen. Allerdings hatte Russland vor einigen Jahren immer wieder mal kasachische Transporte durch die CPC-Leitung wegen angeblicher Schäden blockiert.
Vor allem aber sind durch die erfolgreichen ukrainischen Drohnen- und Raketenangriffe auf Raffinerien, Pipelines und Verladeterminals inzwischen fast 40 Prozent der russischen Ölexport-Infrastruktur zerstört. Gerade der Hafen von Ust-Luga, aber auch das Terminal in Noworossjisk wurden wiederholt angegriffen. Die Ukraine will mit diesen gezielten Attacken gegen die Öl-Infrastruktur die Treibstoffversorgung der russischen Armee, Öl-Exporte und damit Moskaus Erlöse empfindlich treffen.
Russland seinerseits hat nach Angaben aus Kyjiw die durch die Ukraine führende Südroute der Druschba-Pipeline beschädigt – wodurch wochenlang kein Transit von russischem Öl in die Slowakei und Ungarn stattfinden konnte. Das hatte zu erheblichem politischen Zwist der Ukraine mit den beiden EU-Ländern geführt. Sie hatten bis zum Abschluss der Reparaturarbeiten einen 90-Milliarden-Kredit der EU an das kriegsgeschundene Land blockiert.
Drohung mit einer Annexion
Kasachstan selbst, das in diesem Jahr seine Gesamtölförderung auf 98 Millionen Tonnen steigern will und in dessen Ölindustrie vor allem US-Konzerne investiert sind, gerät immer wieder in Konflikte mit Russland. Nationalistische Kräfte im Kreml haben wiederholt mit einer Annexion Nord-Kasachstans gedroht, das angeblich ur-russisches Siedlungsgebiet sei.
Robbin Laird, US-Experte für globale Sicherheitsfragen, spricht seitens Astanas von „einer umfassenden Neuausrichtung“: Kasachstans strategischer Kurswechsel“ weg von der bisher großen Abhängigkeit von Russland sei für den Kreml eine „geopolitische Herausforderung“.
Tatsächlich versucht nicht nur China, seine ökonomische und politische Präsenz in Zentralasien und dem Südkaukasus deutlich auszubauen. Auch die US-Administration unter Donald Trump wirft ein immer größeres Augenmerk auf die Region. Und die EU will über den sogenannten Mittleren Korridor diese bisher weitgehend ohne Meereszugang blockierten Staaten enger an sich binden.
„Die Unterbrechung des kasachischen Öltransits über die Druschba-Pipeline ist nicht nur ein technisches Problem – sie ist ein politisches Druckmittel, mit dem Moskau Zentralasien an seine Abhängigkeit von der russischen Infrastruktur erinnert“, sagt Sergej Wakulenko, Energieexperte am Carnegie Moscow Center. „Kasachstans Bestreben, Exportwege zu diversifizieren, kollidiert mit Russlands Wunsch, die Kontrolle über die Energieflüsse in der Region zu behalten.“
Aber es gibt noch einen anderen Aspekt: „Putin versucht mal wieder, Deutschland zu erpressen. Das kennen wir schon“, meint der energiepolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Michael Kellner. Moskau wolle vor allem verhindern, dass das Tochterunternehmen Rosneft in Deutschland verstaatlicht werde.
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