Umbau des Jahn-Sportparks: Das demolierte Objekt der DDR-Verteidigung
Der Senat lässt den Jahn-Sportpark in Prenzlauer Berg zum Inklusionspark umbauen. Eine Bürgerinitiative und die Linke laufen Sturm dagegen.
Zwischen dem Wunsch nach einer lebenswerten Stadt ohne Baubonzen, der Liebe zur Ostmoderne und der zu Spatzen bewegen sich die Gemüter beim Rundgang über die Schotterflächen des Jahn-Sportparks in Prenzlauer Berg. Der wird behördlicherseits gerade ordentlich demoliert. Dementsprechend betroffen schauen die rund 30 Teilnehmer*innen jeden Alters, die der Einladung einer Bürgerinitiative und der Linken-Abgeordnete Katalin Gennburg am Mittwochabend gefolgt sind.
Noch vor Beginn des Rundgangs stehen zwei ältere Männer vor dem Bauzaun, der die bereits abgerissene Haupttribüne des Jahn-Stadions mehr schlecht als recht versteckt. „Ich verstehe das überhaupt nicht“, echauffiert sich der eine, „das ist ein super Stadion“. Der andere ärgert sich über SPD-Bausenator Christian Gaebler.
Gaebler gilt hier als Hauptverantwortlicher dafür, dass es statt eines Stadionumbaus nun einen Neubau geben soll. Die Sache ist zwar sehr viel komplizierter. Aber egal. „Damit verdient der Baufilz viel mehr Geld“, sagt Katalin Gennburg, die seit Neuestem im Bundestag sitzt, zugleich aber vorerst auch noch an ihrem Abgeordnetenhausmandat festhält.
Gift für den Klima- und Artenschutz
Die Pläne zur Umwandlung des Jahn-Sportparks in einen Inklusionspark gibt es schon seit 2014. Das Ziel ist, letztlich Sportpark und Stadion für Olympia 2036 vorzubereiten. 20.000 Sitze soll das neue Stadion haben, genau wie das alte. Derzeitige Kosten: 200 Millionen Euro. Der einzige Unterschied: 300 Rollstuhlplätze, verteilt auf allen Rängen.
„Riesen-Sportevents alle 20 Jahre sind der einzige Verwendungszweck für ein Stadion dieser Größe“, sagt Philipp Dittrich von der Bürgerinitiative. In Prenzlauer Berg gebe es zwar sehr engagierte Eltern, „aber dass sie bei den Bundesjugendspielen ein Stadion mit 20.000 Sitzen füllen, ist unwahrscheinlich“, sagt der Architekt.
Außer dem neuen Stadion ist im Sportpark noch eine zehn Meter hohe Multifunktionshalle mit Fußballfeld auf dem Dach geplant. Auch ein Bürogebäude, unter anderem für die komplette Geschäftsstelle von Alba Berlin, soll entstehen.
Für den Klima- und Artenschutz sind die Senatspläne freilich Gift, glaubt Philipp Dittrich: „Der Jahn-Sportpark ist jetzt schon eine der größten Hitzeinseln Pankows.“ Das werde sich mit einem Neubau noch mal verschlimmern. Wenigstens für die Westtribüne konnten die Naturfreunde Berlin einen Abrissstopp bis Ende September erstreiten. Der Grund: die Brutzeiten der ansässigen Spatzenpopulation. Die Spatzen wollen sich – wie Berliner Mieter*innen – jedenfalls nicht einfach aus ihren Behausungen vertreiben lassen.
„Es war ja nicht alles schlecht“
Katalin Gennburg treibt noch etwas anders um. „Durch Neubau wird Stadtgeschichte unkenntlich gemacht“, sagt sie. Eine ältere Anwohnerin verdächtigt den Senat, vor allem DDR-Überreste aus dem Stadtbild tilgen zu wollen: „Es war ja nicht alles schlecht.“ Nun ja. Das Stadion wurde als „Landesverteidigungsobjekt“ und damit Teil der Berliner Mauer konzipiert. Die VIP-Tribüne war deshalb außerordentlich ungünstig platziert. Stasi-Größen, die sich hier regelmäßig blicken ließen, mussten beim Anfeuern in die Sonne blinzeln.
Auch der Trümmerhaufen, auf dem die Haupttribüne stand, hat laut Gennburg geschichtliche Innereien. Darin könnten Teile des alten Berliner Schlosses zu finden sein. „Ein Grabungs-Pompeji würde den Neubau um Jahre verlangsamen“, sagt die für Krawallstimmung bekannte Stadtentwicklungspolitikerin und hofft auf Hobby-Archäolog*innen, die sich der Sache annehmen.
„Wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt“, schließt sie den Rundgang. Hoffnungen, dass der Senat von seinen Bauplänen abrückt, gibt es trotzdem nicht.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert