Ukrainekrieg : Optimismus ist fehl am Platz
Wer die Evakuierung aus Oleschky für ein Zeichen hält, dass Putin nun zu ernsthaften Friedensverhandlungen bereit wäre, ist komplett weltfremd.
Foto: ap/dpa
H underte Menschen sind der Hölle in Oleschky am Wochenende entkommen. Die Evakuierung aus der ukrainischen, von russischen Truppen abgeriegelten Frontstadt ist geglückt. Das ist angesichts des alltäglichen Kriegsgrauens in der Ukraine zweifellos eine positive Nachricht.
Diejenigen, die jedoch glauben, aus der Mitwirkung Russlands an der Aktion weiterreichende Schlüsse auf eine Bereitschaft zu echten Friedensverhandlungen ziehen zu können, sind komplett wirklichkeitsfern oder unheilbar beratungsresistent – oder beides.
Kremlchef Wladimir Putin plötzlich mit menschlichem Antlitz? Von wegen! Hier lässt sich ein Mann vor allem mit Blick auf die Midterms in den USA am 3. November schamlos hofieren und abfeiern – sein Freund Donald Trump wird das zu schätzen wissen. Dabei ist Putin für die humanitäre Katastrophe in Oleschky wie für die gesamte Invasion der Ukraine der Hauptverantwortliche. Heuchlerischer und widerwärtiger geht es nicht.
taz debatte
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.
Unlängst ließ Russlands Präsident die Öffentlichkeit zum wiederholten Mal an seinem profunden historischen Wissen teilhaben: Die Territorien im Osten der Ukraine seien russisches Land, die Bewohner*innen hätten ihrem Wunsch nach Zugehörigkeit zur Russischen Föderation in einem Referendum Ausdruck verliehen. Übersetzt heißt das: Moskau wird seinen Krieg in der Ukraine vorerst weiterführen, und zwar flächendeckend. Wie viele Menschen noch ihr Leben lassen müssen, spielt für den Kreml ohnehin keine Rolle, auch weitere Opfer unter den eigenen Landsleuten nicht.
Dennoch stellt sich die Frage, ob die „Aktion Oleschky“ als Blaupause für eine temporäre Waffenruhe auch andernorts in der Ukraine dienen könnte und Potenzial für mehr hätte – zum Beispiel im Hinblick auf einen Waffenstillstand. Darauf eine Antwort zu geben, wäre verfrüht. Fest hingegen steht: Optimismus in Bezug auf Russland ist absolut fehl am Platz und grenzenlos naiv.
Wie viel Lehrgeld, noch dazu auf Kosten der Menschen in der Ukraine, wollen die westlichen Staaten noch bezahlen?
Gemeinsam für freie Presse
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
meistkommentiert