Über das Wohnen als Menschenrecht: „Wir kämpfen dann für sie“
Hanna Krügener und Luise Plaasche arbeiten mit obdachlosen und wohnungslosen EU-Bürger*innen. Sie richten den Fokus auf eigenen Wohnraum statt auf Wohnheime.
Foto: Anna Tiessen
taz: Auf dem Weg vom S-Bahnhof Warschauer Straße zu Ihrer Beratungsstelle am Ostbahnhof bin ich die Gleise entlang durch eine Grünanlage gelaufen und habe drei Wohnstätten von obdachlosen Menschen gesehen. Das Problem tritt in Berlin immer häufiger auf, wie sehen Sie das?
Hanna Krügener: Ja, Obdachlosigkeit ist ein drängendes Problem. Es wäre aber mit einer höheren Priorisierung durchaus lösbar.
Hanna Krügener arbeitet als Bildungsreferentin in der GEBEWO pro gGmbH im Projekt Frostschutzengel, das aufsuchende Sozialberatung für wohnungslose Menschen anbietet, vorrangig für EU-Bürger*innen. Die Mitarbeitenden sprechen Bulgarisch, Russisch, Englisch und Deutsch.
Luise Plaasche bietet Sozialberatung bei IGA – Integrationspfade für wohnungslose EU-Migrant*innen in Gute Arbeit, ein Projekt der Gewebo Soziale Dienste gGmbH.
Luise Plaasche: Das „Elend“, das Sie auf den Straßen sehen, ist das eine. Das andere ist die verdeckte Wohnungslosigkeit.
taz: Verdeckt meint …?
Plaasche: … dass die Betroffenen nicht sichtbar auf der Straße kampieren, sondern bei Freundinnen oder Bekannten untergekommen sind.
Hanna Krügener, Projekt Frostschutzengel
Krügener: … und die in Wohnheimen untergebrachten Wohnungslosen. Es ist ein großes, nicht sichtbares Problem, dass die Zahl der untergebrachten Wohnungslosen immer weiter steigt und Menschen in diesen eigentlich nicht auf Dauer angelegten Unterbringungen auf lange Zeit verweilen. Geschätzt leben rund 6.000 Menschen in Berlin auf der Straße, rund 2.300 verdeckt und rund 57.000 sind untergebracht.
taz: Bei Unterbringungen fallen mir die Safe Places ein. Was halten Sie von diesem Projekt mit den kleinen Wohnboxen?
Krügener: In Gesprächen mit Menschen, die selbst wohnungslos waren oder sind, habe ich unterschiedliche Meinungen dazu gehört. Klar ist, dass das keine Wohnungen sind. Und darum sollte es gehen. Der Unterbringungspflicht wird so nicht nachgekommen. Diese ist im Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetz (ASOG) geregelt: Jede Person in Berlin, die sich in einem Bezirk meldet und sagt, dass sie obdachlos ist und untergebracht werden möchte, muss untergebracht werden – und zwar unabhängig von Herkunft und unabhängig vom Leistungsanspruch. Das ist zumindest die Theorie.
taz: Und wie sieht die Praxis aus?
Krügener: Im Falle unserer Zielgruppe, also EU-Bürger*innen, passiert diese gesetzlich vorgeschriebene Unterbringung oft nicht ohne den Druck von Beratungsstellen. Aber vielleicht noch mal kurz zu den Safe Places: Für einige sind diese Boxen tatsächlich besser als ein Wohnheim, weil du einen eigenen Ort hast.
taz: Weil sie Privatsphäre bieten?
Krügener: Ja, und es ist sicherer als ein Zelt, weil du abschließen kannst. Die Gefahr bei solchen Zwischenlösungen ist aber, dass sie zur Dauerlösung werden. Klient*innen wohnen dort viele Jahre, es wird sich nicht weiter um Wohnraum bemüht.
taz: Sie sind ja erst mal untergebracht.
Krügener: Dass manche Betroffene diese Safe Places einer ihnen rechtlich zustehenden Unterkunft vorziehen, sagt ja auch etwas über den Zustand dieser Unterkünfte aus. Die Personen haben ja Gründe, warum sie nicht in diese Wohnheime wollen.
taz: Aber andere obdachlose Menschen gehen in diese Unterkünfte?
Krügener: Ja, die, die zu uns kommen, wollen in der Regel untergebracht werden und haben große Schwierigkeiten, das ohne Begleitung durchzusetzen, obwohl es ihnen rechtlich zusteht. Wir kämpfen dann für sie.
Plaasche: Das Problem: In der Praxis koppeln die Bezirke den Anspruch auf Unterbringung an den Leistungsanspruch. Das heißt, dass obdachlose Menschen zunächst einen Antrag auf Leistungen vom Jobcenter beantragen sollen, auch wenn klar ist, dass sie, wenn sie EU-Bürger*innen sind, oft keinen Anspruch haben.
Krügener: Die Bezirke begründen das damit, dass sie nicht auf den Kosten für die Unterbringung sitzen bleiben wollen.
Plaasche: Aber die Leute werden nicht so schnell abgewimmelt, wenn wir dabei sind und übersetzen können.
taz: Wie viele Plätze müsste es berlinweit geben?
Plaasche: Ich weiß gar nicht, ob das mein Fokus wäre. Der wäre, sich erst mal den Standard dieser Heime anzugucken und zu kontrollieren, was da passiert. Es gibt ganz gute Heime, wo auch soziale Träger eingebunden sind, die gut ausgestattet sind, wo es Sozialberatung gibt. Und es gibt Heime, wo es das alles nicht gibt, wo hygienische Standards nicht eingehalten werden, wo sich viele Leute Gemeinschaftsräume und Küche teilen müssen.
Luise Plaasche, IGA-Sozialberatung
Krügener: Ich würde den Fokus auch nicht auf die Unterbringung, sondern auf eigenen Wohnraum legen. Auch weil Unterbringung teuer ist und viel mehr kostet als eine Wohnung.
taz: Das müssen wir in Relation setzen.
Krügener: Die Tagessätze liegen zwischen 30 und 150 Euro pro Tag pro Person für ein Bett in einem geteilten Schlafzimmer mit Gemeinschaftsküche und -bädern. Man kann sich ausrechnen, was das für eine Familie im Monat kostet. Das ist viel teurer als eine Wohnung. Deswegen ist es hilfreich, auf andere Länder zu gucken, in denen das Housing-First-Konzept flächendeckend umgesetzt wird. In Berlin wird das nur projekthaft durchgeführt und ist für EU-Bürger*innen schwer zugänglich.
taz: Erklären Sie bitte das Housing-First-Konzept.
Krügener: Das, was wohnungslose Menschen brauchen, ist eine Wohnung. Mit einer eigenen Bleibe kann man alle anderen Probleme angehen, eine Sprache lernen, eine Sucht bearbeiten, Arbeit suchen. Die Unterbringung in Heimen holt Menschen in der Regel nicht dauerhaft aus der Situation heraus, weil die Lebensumstände ohne eigenen Wohnraum weiterhin prekär bleiben, sodass eine Stabilisierung nicht eintreten kann.
taz: Eine Wohnung schafft eine Basis.
Krügener: In Deutschland gibt es immer noch dieses Konzept, dass Leute erst beweisen müssen, dass sie wohnfähig sind. Mit den Menschenrechten ist das nicht kompatibel. Wohnen kann jeder. Wohnen ist ein Menschenrecht. Manche Menschen benötigen für andere Themen in ihrem Leben Unterstützung, aber nicht zum Wohnen.
taz: Was nervt Sie an der Debatte um Obdachlosigkeit?
Krügener: Für mich ist es in dieser Debatte rund um Obdachlosigkeit und Migration wichtig, da keinen kausalen Zusammenhang zu sehen. Dass wir zu wenig Wohnraum haben, liegt nicht an der Migration. Ich gebe Workshops zu diesem Thema und frage dabei unter anderem, ob die Migration aus EU-Ländern wohl zu- oder abnimmt. Viele glauben, dass die Zahlen steigen.
taz: Das ist bestimmt eine Fangfrage.
Krügener: Das ist falsch, genau. Wenn wir auf Polen und Bulgarien gucken, ist die Migration seit ein paar Jahren rückläufig. Und das kommt bei vielen Menschen nicht an. Dass es ein Problem in der Unterbringung von obdachlosen Menschen oder in der Wohnraumversorgung gibt, liegt nicht an der Migration, sondern an wohnungs- und sozialpolitischen Entscheidungen.
taz: Aber solche Narrative werden ständig wiederholt.
Krügener: Es ist für unsere Klient*innen ein Problem, dass ihr Bild in der Gesellschaft sehr negativ ist. Das ist mit ein Grund, warum sie nicht aus den Unterkünften herauskommen, keinen Wohnraum und schwerer Arbeit finden. Gerade Menschen aus den östlichen EU-Ländern wird der Zugang sehr stark erschwert. Erst seit Kurzem haben sie wieder ein Recht auf Deutschkurse. Unter anderem deshalb arbeiten viele unter ihren Qualifikationen.
taz: Die Menschen kommen hierher, um zu arbeiten?
Krügener: Richtig. Dazu gibt es verschiedene Studien, die das belegen. Viele wurden mit einem konkreten Job angeworben. Gerade bei EU-Bürger*innen aus dem östlichen Europa muss man das auch mit Arbeitsausbeutung verknüpfen. Wenn wir über EU-Migration und davon reden, alle zurückzuschicken, dann müssen wir auch darüber reden, wer dann künftig unsere Häuser bauen soll.
taz: Und wer pflückt dann das Obst?
Krügener: Und versorgt uns, wenn wir krank sind? Ja, an zweiter Stelle der ausländischen Ärzte stehen Menschen aus Rumänien. Mir gefällt es nicht, in Migrationsdebatten nur über wirtschaftliche Faktoren zu reden, aber die Zusammenhänge müssen schon benannt werden, wenn immer von Rückführung die Rede ist. Wenn wir Migration wollen, gibt es immer auch Menschen, die scheitern und Unterstützung brauchen. Das sind die Menschen, die bei uns in den Beratungsstellen landen.
taz: Was braucht es also?
Krügener: Ich wohne in Neukölln und sehe immer wieder Obdachlosencamps entstehen, die dann geräumt werden. In dieser ordnungspolitischen Maßnahme sehe ich keine richtige Lösung des Problems. Geräumte Menschen kommen wieder oder suchen sich woanders ihren Platz. Es braucht Perspektiven wie die Unterbringung in Wohnraum. Es braucht eine gut finanzierte Suchthilfe und keine Kürzungen in sozialen Projekten. Das sind alles nachhaltigere Lösungen, als immer wieder zu räumen.
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