Über Gott und Daydrinking: Wasser zu Wein
Wenn der Wein zu teuer ist, hilft nur Rat von oben. Finden zumindest die Gäste am Berliner Nebentisch.
E s ist Frühling und alle setzen sich raus in Plastikstühle oder auf Bänke und genießen das gute Wetter. Wir auch. M. und ich sitzen in Neukölln an einem Tisch vor einem Café. Wir überlegen, was wir trinken. M. überlegt hin und her, ob sie erst einen Kaffee nimmt oder gleich zum Decent Daydrinking übergehen sollte. „Decent Daydrinking“, wiederhole ich. „Ist das so eine Art Frühschoppen?“ Frühschoppen ist auch ein seltsames Wort, fällt mir da auf. Es erinnert mich an zu Volksmusik schunkelnde Altherren mit Bierhumpen vor sich.
„Nee, Frühschoppen ist schon eher wie abschießen, oder? Decent Daydrinking ist nur mal so ein Glas am Tag eben.“ „Also wie Schweizer Apéro? Das mag ich. Es gibt Chips oder etwas anderes Leckeres und dann ein kleines Glas im Übergang zum Abend.“ „Decent Daydrinking wird hier bei uns wahrscheinlich zur Ausrede für Spielplatzsaufen benutzt, während die Kleinen buddeln“, überlegt M.
„Gruselig“, finde ich. „Der Wein ist mir zu teuer“, sagt M. dann. „Ich bleibe bei Kaffee.“ Vor unserem Tisch steht nun ein dünner Typ. Er hat schwarze designte Nägel, schöne lange Haare und fragt, was er uns bringen kann. Wir bestellen Wasser und Espresso. M. seufzt dabei. Ein Mann ruft vom Nachbartisch. „Na, doch keinen Wein?“ Er trägt einen Hut, Krawatte und einen hellen Mantel.
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„Fragt doch einfach Jesus“
„Kein Geld für Wein“, ruft M. nach hinten, ohne hinzugucken. Der Mann kramt in einer Tüte, steht auf und legt uns zwei Broschüren über Gott hin: „Fragt doch einfach Jesus. Der macht Wasser zu Wein.“ In dem Moment kommt die Bedienung. M. sieht ihn an: „Ist das nicht dein Job?“
„Wasser zu Wein machen?“ Der Typ lächelt. „Wollt ihr zwei Gläser?“ Der Mann geht kopfschüttelnd und murmelt: „Versucht der Langhaarige doch tatsächlich Jesus zu spielen, hat man sowas schon erlebt.“
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