Über Gleichzeitigkeit und ihre Grenzen: Applaus gegen das Ende der Zeit
Im Wohnzimmer läuft die Quizshow, im Kopf rauscht der Stream. Eine Suche nach dem Moment, wo wir alle wirklich gleichzeitig präsent sind.
E in „Tatort“-Kommissar macht in der Quizshow einen Punkt gegen eine Lehrerin aus Meppen. Sie ist eine Person aus dem Volk und schäkert dennoch ganz locker mit den Promis. Das weckt im Moderator inszeniertes Entzücken. Er leitet den Affekt gekonnt an die Zuschauer weiter, die jetzt nach jeder Aussage der Frau frenetisch klatschen. Ich schaue zu meiner Mutter. Sollen wir nicht lieber die Sitcom in der Mediathek schauen?
Wir leben in unterschiedlichen Zeiten. Auf ZDF dauert der Tag bis 1.35 Uhr – in den Streams hört er nie auf. Meine Mama lebt in der Wirklichkeit des linearen Fernsehens, ich in einer Art Wurmloch. Hier existiert die alte TV-Bundesrepublik nur noch als Meme, das ironisch weggelächelt wird. Wenn meine Mutter schlafen geht, weiß ich nie, wann Schluss ist. Endlose Gegenwart. Irgendwie einsam.
Vielleicht war Gleichzeitigkeit nie echt – nur ein Symptom menschlicher Langsamkeit. Doch Langsamkeit ermöglicht, zusammen zu sein – und wenn es nur diese Quizshow ist und die anonyme Masse, die sie anschaut.
Ich liebe diese Momente auf dem Sofa meiner Mama – hier wartet die Welt kurz, bevor sie weiterläuft. Dabei haben die Maschinen die Gegenwart längst übernommen. Und niemand hat dafür die „Tagesschau“ unterbrochen. Der Körper hinkt hinterher, ein vergessenes Betriebssystem, das nur noch fühlt, was es nicht mehr versteht.
Ich frage mich, wann ich aufgehört habe, Zeit zu spüren. Vielleicht, als alles gleichzeitig wurde. Als Kind hätte ich das aufregend gefunden. Da konnte ich nicht ahnen, dass ich eines Tages Sitcoms binge oder okay damit bin, meine Freund*innen mehr auf Fotos zu sehen als IRL. Oder dass ich Rituale liebe, Raves oder Beerdigungen, egal; Hauptsache, ein kollektives Jetzt. Wie zum Schluss einer Sitcom, wenn sich alle Figuren in derselben Küche treffen – bevor alle wieder ins eigene Leben verschwinden. So wie ich, wenn ich das Sofa meiner Mutter verlasse und damit eine Ära.
Ich bereite mich auf das Sterben vor
Meistens laufen die Zeiten nebeneinanderher – bis alles aufeinander zurast: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Wie letztens im Flixbus nach Brüssel. Die Passagiere sind vertieft in ihre eigenen Zeiten. Regentropfen prasseln gegen die Fenster wie übertrieben lautes ASMR. Das Handy des Busfahrers klingelt. Hektisch zieht er das Headset auf.
In dem Moment schwankt der Bus nach rechts, mein Körper kippt zur Seite. Ein schrilles Quietschen im ganzen Bus. Rote Funken spritzen im Fenster bis auf Kopfhöhe. Die Felgen schleifen über die Betonabsperrung. Jemand schreit.
Ich bereite mich auf das Sterben vor. Wird das Letzte, was ich sehe, die deutsche Autobahn sein? Der Fahrer reißt das Lenkrad nach links. Wir sind wieder in der Spur. Ich drehe mich um, schaue in entrückte Gesichter. Für einen Moment teilen wir nicht nur den Raum, auch die Zeit. Dann greifen alle zu ihren Handys. Ich auch. Die Wirklichkeit ist irgendwie realer, wenn sie geteilt wird. Oder?
Irgendwo klatschen sie jetzt sicher in einer Quizshow, vielleicht ja auch für uns. Ich habe überlebt. Alle Darstellerinnen von Sitcoms werden irgendwann gestorben sein – und mit ihnen die Illusion von gemeinsamer Zeit. Ich scrolle. Und scrolle. Und scrolle. Der Regen hat aufgehört. Krass, es gibt voll viele Reels von Busunfällen.
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