US-Atomdeal mit Saudi-Arabien: Mit US-Atomkraftwerken zur Atommacht?
Die USA helfen Riad beim Bau von AKWs, offiziell zwecks Energiesicherheit. Doch braucht Saudi-Arabien tatsächlich Kernenergie? Ein Realitätscheck.
Foto: Vadim Nefedov/YAY/imago
Deutlich weniger Slapstick als Billy Wilders Kalte-Kriegs-Komödie „Eins, zwei, drei“ ist der „1, 2, 3“ genannte Vertrag der USA mit Saudi-Arabien. Der Plan soll es dem Königreich ermöglichen, mit US-Hilfe Atomkraftwerke zu bauen, das dafür benötigte Uran in Saudi-Arabien anzureichern und radioaktive Abfälle wiederaufzubereiten. Dabei reichen die Nuklearpläne am Golf sogar bis in die Zeit des Kalten Krieges zurück. Kritiker warnen jetzt vor einem atomaren Wettrüsten am Golf. Doch stimmt das?
Seit wann plant Saudi-Arabien den Bau von AKWs?
Noch nicht sehr lange. Erst 2009 hat Saudi-Arabien seinen Willen zum Bau von AKWs geäußert. Zeitweise waren 16 Meiler an drei Standorten geplant. Verträge zum Bau wurden mit verschiedenen Ländern unterzeichnet und wieder verworfen, darunter Finnland, Argentinien, Südkorea – das bereits Anlagen in den Vereinigten Arabischen Emiraten errichtet hat – und mehrere US-Firmen. Im Februar 2022 gründete Saudi-Arabien die „Nuclear Holding Company“. Für die ersten beiden Meiler des Landes in Duwaiheen nahe der Grenze zu den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) und Katar wurden chinesische, französische, südkoreanische und russische Unternehmen zugelassen. Dies haben die USA jetzt durchkreuzt.
Saudi-Arabien ist der dritte Golfstaat, der nun ebenfalls Atomenergie produzieren will. Der erste war Iran, wo die deutsche Kraftwerk Union (ein Zusammenschluss von Siemens und dem damaligen Elektrokonzern AEG) dem Schah ab 1975 zwei Reaktoren bauen wollte. Die Islamische Revolution von 1979 und der Sturz des Monarchen stoppten das Projekt jedoch. 1995 übernahm Russland die unvollendeten Bauwerke und nahm den Reaktor im Süden des Landes im Jahr 2011 in Betrieb.
Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) nahmen zwischen 2021 und 2024 vier Blöcke ihres ersten AKWs in Barakah in Betrieb. Dort wird ein Viertel des emiratischen Stromverbrauchs produziert.
Warum setzt das Königreich auf Atomkraft?
Saudi-Arabien benötigt sehr viel Strom: für Öl- und Gasförderanlagen, zur Kühlung von Wohnungen, Büros und Schulen und für Entsalzungsanlagen. Entsalztes Meerwasser ist die Hauptquelle für Trinkwasser im Land. Pro Kopf verbraucht Saudi-Arabien 7,4 Tonnen Öl-Äquivalent für Strom; in Deutschland sind es im Vergleich dazu nur 2,9 Tonnen. Erdgas macht mit 58 Prozent den größten Teil des saudischen Energiemixes aus, gefolgt von Öl mit 41 Prozent. Erneuerbare Energien tragen lediglich 1 Prozent bei. Die Saudis wollen künftig weniger fossile Energieträger selbst verbrauchen, um mehr Öl und Gas exportieren zu können.
Dabei setzen sie auf Atomstrom. Die gigantischen Pläne zum Ausbau von Solarparks und Windfarmen, die in der als „Saudi Vision 2030“ bezeichneten Blaupause für den Umbau des Landes vorgesehen sind, wurden in der Vergangenheit immer wieder verschoben.
Wie gefährlich ist die Lage schon jetzt?
Sowohl Buschehr als auch Barakah wurden während des seit Februar andauernden Krieges der USA und Israels gegen Iran angegriffen. In der Nähe beider Anlagen kam es zu Bränden.
Will Saudi-Arabien auch Atomwaffen haben?
Offiziell nicht. Riad hat stets die Notwendigkeit betont, der Verbreitung von Kernwaffen im Nahen Osten entgegenzuwirken, und sich für die vollständige Umsetzung der Resolution 1995 ausgesprochen, die auf die Schaffung einer kernwaffenfreien Zone im Nahen Osten abzielt. Energieminister Prinz Abdulaziz bin Salman hat die strikte Einhaltung der zivilen Nutzung sowie die Gewährleistung höchster Standards in Bezug auf Transparenz, Zuverlässigkeit und Sicherheit zugesagt. Doch Saudi-Arabiens De-facto-Herrscher Kronprinz Mohammed bin Salman sagte 2018 dem US-Sender CBS, sein Land habe nicht vor, Atomwaffen zu bauen. Weiter sagte er: „Wenn Iran eine Atombombe entwickeln sollte, werden wir zweifellos so schnell wie möglich nachziehen.“
Ist der Bau von Atomwaffen ausgeschlossen?
Nein. Es wäre „ziemlich schockierend“, wenn die USA Saudi-Arabien Urananreicherungsanlagen gestatten würden, sagte Rosemary Kelanic, die Leiterin des Nahostprogramms beim US-Thinktank Defense Priorities: „Die USA haben noch nie einem anderen Land dabei geholfen, auf seinem eigenen Territorium Uran anzureichern.“ Im Atomabkommen, das die USA 2009 mit den VAE schlossen, wurde eine Vor-Ort-Anreicherung ausgeschlossen. Genau diesen Verzicht verlangt Washington auch von Iran. Die bisher bekannten Teile des geheimen „1, 2, 3“-Abkommens lassen diese Frage jedoch offen.
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