US-Aggression gegen Grönland: Das Ende der Nato, wie die Welt sie kannte
Es heißt, die Nato ist erledigt, sollten sich die USA Grönland einverleiben. Doch sie ist es wohl schon. Europa hat keine überzeugende Antwort darauf.
V or vier Jahren pilgerten europäische Politiker nach Moskau und versuchten, Wladimir Putin vom Einverleiben der Ukraine abzubringen – vergeblich. Heute pilgern andere europäische Politiker nach Washington und versuchen, Donald Trump von seinen Übernahmeplänen für Grönland loszueisen – mit offenem Ausgang. Geschichte wiederholt sich nicht, aber manchmal reimt sie sich, wie einst der US-Schriftsteller Mark Twain schrieb.
Die Nato sei am Ende, sollten die USA Grönland und damit das Staatsgebiet des Nato-Mitglieds Dänemark angreifen, heißt es. Ist sie das nicht schon? Trump sagt, Grönland müsse vor Russland und China geschützt werden, und das gehe nur, wenn es Teil der USA sei. Das kann nur heißen: Trump schützt ausschließlich US-Staatsgebiet. Andere Länder nicht, also auch keine Nato-Verbündeten, und Grönland ist Nato-Territorium. Die wichtigste Grundlage der westlichen Militärallianz – dass Nato-Mitglieder im Ernstfall unter US-Schutz stehen – ist unter diesem US-Präsidenten praktisch eingefroren.
Was das für Europas Sicherheit bedeutet, darf sich Europa jetzt selber ausrechnen. Und wenn der US-Präsident nur US-Staatsgebiet für schützenswert hält und sonst nichts, sind auch US-Sicherheitsgarantien für die Ukraine wertlos – das verändert die Grundlage der geplanten europäischen Friedenssicherung in der Ukraine, die sich bislang auf US-amerikanische Überwachung verlässt.
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Jetzt schicken europäische Länder also Soldaten nach Grönland und halten dort Militärmanöver ab. Das ist mehr, als sie für die Ukraine vor dem russischen Großeinmarsch taten. Hätte Putin die Ukraine überfallen, wenn europäische Armeen dort direkte Präsenz gezeigt hätten, und sei es nur zu Übungszwecken? So eine entschlossene Prävention traute sich vor vier Jahren niemand – aus Angst vor Putin und seinen Atomwaffen. Eine Beistandspflicht bestand nicht, die Ukraine war und ist kein Nato-Mitglied. Aber wer 2022 Putin in der Ukraine gewähren ließ, kann nicht 2026 glaubhaft Trump in Grönland abschrecken. Die USA sind stärker als Russland, Trump ist ebenso unberechenbar wie sein Bruder im Geiste im Kreml.
Noch immer findet Europa keine überzeugende Antwort darauf, dass die nach 1945 gegründete und nach 1989 erneuerte Sicherheitsarchitektur des Westens in sich zusammenfällt. Berlin tat und tut sich damit ganz besonders schwer. Vor vier Jahren bot Deutschland der Ukraine 5.000 Helme als Schutz gegen Russland. Heute schickt Deutschland nach Grönland 13 Soldaten als Solidaritätsbekundung gegen die USA. Manchmal wiederholt sich Geschichte eben doch als Farce. Bleibt zu hoffen, dass daraus keine neue Tragödie wird.
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