piwik no script img

Türkischer FußballHassliebe Fenerbahçe

Erdoğan behauptet, den Verein könne man nicht wechseln. Doch unser Autor wechselt schon zum dritten Mal. Auch aus politischen Gründen.

Vom Unglück verfolgt, aber an den Sieg glauben kann man ja: Fenerbahçe Fans Foto: Anadolu Agency/imago

F enerbahçe ist der einzige der großen drei Istanbuls, der östlich des Bosporus liegt – und zugleich der Name des Küstenviertels, in dem ich aufgewachsen bin. Man könnte also annehmen, ich wäre der natürlichste Fan dieses vom Unglück verfolgten Vereins. Doch ich wurde von klein auf dazu erzogen, ihn zu hassen.

Der Vater meiner Mutter spielte Anfang der vierziger Jahre für Galatasaray. Fast meine ganze Familie ist daher Galatasaray-Fan. Mit zehn wurde ich nach einer sensationellen Uefa-Pokalsaison regelrecht gehirngewaschen und wechselte von Beşiktaş – der Mannschaft meines Vaters – zu Galatasaray. Fünfzehn Jahre blieb ich dort, bevor ich zu Beşiktaş zurückkehrte. Doch egal, wen ich unterstützte: Fenerbahçe zu hassen, war Grundeinstellung.

Als Kinder warfen wir Wasserbomben aus der Wohnung hinunter auf das Restaurant, in dem sich Fenerbahçe-Fans versammelten. Heute, mehr als 2.000 Kilometer entfernt, feuere ich Fenerbahçe in einem Späti in Kreuzberg an. Galatasaray hat gerade ein Spiel in der Süper Lig verloren, was nur selten vorkommt. Gewinnt Fenerbahçe heute, ziehen sie punktgleich an die Spitze. Unter dem deutschen Trainer Domenico Tedesco empfangen sie zu Hause Kasımpaşa aus der Abstiegszone. Eigentlich eine klare Sache, doch das Spiel bleibt bis in die Nachspielzeit torlos.

Der Stream im Späti ist ein verzögertes, nicht lizenziertes Signal und hängt ein bis drei Minuten hinterher. Alle fürchten die „Benachrichtiger“, die per App sofort verkünden, wenn der Ball im Netz zappelt, und damit die Spannung zerstören. Manche Onkels haben gleich mehrere Apps, die sich kaum stummschalten lassen – dann werden ihnen die Handys kurzerhand abgenommen. In den letzten Minuten wacht Fenerbahçe auf. Acht Minuten Nachspielzeit. Alle kleben an ihren Stühlen. Selbst der Besitzer, eigentlich Gala-Fan, will ein Tor.

Viele Freunde leiden bitter

Ich unterstütze sie wegen der versöhnlichen Wirkung, die ein Sieg in einem so gespaltenen Land haben könnte. Viele Freunde leiden bitter, sind niedergeschlagen und traumatisiert von dem Schmerz, den ihr Team ihnen zufügt. Sie sorgen sich, ihre Kinder könnten eines Tages doch noch Galatasaray-Fans werden. „Das Beste, was man in diesem Land sein kann, ist konservativ und Gala-Fan“, sagt ein Freund lachend. „Man gewinnt immer.“

Seit fünfzehn Jahren herrscht bei Fenerbahçe eine Art Dauerkrise, befeuert durch ausbleibenden sportlichen Erfolg. Weil das Vertrauen in Regierung, Verband und Schiedsrichter gering ist, glauben viele Fans an einen politischen Willen, sie von der Meisterschaft fernzuhalten. An diesem Punkt gibt es zwar einen wahren Kern: Ein gewisser politischer Druck auf den Klub lässt sich nicht leugnen.

Doch paradoxerweise ist Präsident Erdoğan selbst Fenerbahçe-Fan – wenn man ihm glauben kann. Während des Winter-Transferfensters unterbrach er sogar seine Pläne, die Türkei zur regionalen Supermacht zu machen, um den Transfer von N’Golo Kanté aus Saudi-Arabien zu ermöglichen. 2019 sagte er über Fenerbahçe: „Man kann vieles aus Eigennutz tun. Man kann sein Äußeres verändern, seinen Beruf, politische und gesellschaftliche Überzeugungen. Aber eines kann man nie: seine Mannschaft wechseln.“

Die Ironie liegt auf der Hand. Ich dagegen habe meinen Verein zweimal gewechselt. Und jetzt will ich, dass Fenerbahçe diese Saison Meister wird. Doch sie zu unterstützen, ist keine leichte Aufgabe. In der fünften Minute der Nachspielzeit nimmt Marco Asensio eine Flanke volley; eine Abfälschung lenkt den Ball ins Netz von Kasımpaşa. Die Ersatzspieler stürmen auf den Platz, Domenico Tedesco rutscht aus und fällt vor Begeisterung. Sie haben es geschafft – denkt man.

In der 101. Minute kassiert Fenerbahçe ein unerklärliches Gegentor gegen Kasımpaşa, das nur mit zehn Mann spielt. Das Spiel ist vorbei. In der folgenden Woche werden sie zwei weitere Punkte liegen lassen, wodurch der Abstand auf vier Punkte anwächst. Die Aufgabe liegt nun bei Beşiktaş, die in dieser Woche Galatasaray zu Hause empfangen.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare

  • Noch keine Kommentare vorhanden.
    Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!