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Traumreise mit PinguinenIch war nicht wirklich dort

Reisen ist ein Privileg, und wenn das Geld nicht reicht, muss die Fantasie weiterhelfen. Unsere Kolumnistin hat dabei schon die tollsten Trips erlebt.

Die berüchtigte Drake-Passage auf dem Weg in die Antarktis hält ihr Versprechen Foto: Harding/imago

D ie Wellen, die gegen das Schiff klatschen, sind furchteinflößend hoch. Ich kann von innen sehen, wie die Wassermassen auf den verglasten Aussichtsraum prallen. Die berüchtigte Drake-Passage auf dem Weg in die Antarktis hält ihr Versprechen. Viele Pas­sa­gie­r:in­nen sind seekrank in den Kabinen geblieben, im Speisesaal sind die Stühle fest gekettet.

Ich bin hier, aber nicht wirklich. Eine Reise in die Antarktis kostet eine hohe vierstellige Summe pro Person. Ich habe sie nicht zufällig auf meinem Konto, und solange ich als freie Journalistin für die taz schreibe, wird sich das vermutlich auch nicht ändern. Ich reise hier nur in der Fantasie, in Videos und Erfahrungsberichten. Und verliere mich in Anbietern, Routen, besten Reisezeiten. Ich kann mich abendelang mit so etwas beschäftigen: dem Träumen von Reisen, die wohl nie passieren werden. Dem Reisen im Kopf.

Auch dieses Reisen im Kopf ist ein Privileg. Viele Menschen auf der Welt träumen nicht vom Reisen, Grenzen und Geld verbieten es ihnen. Reisen bedeutet für sie keine Wiederkehr. Wer es sich erlauben kann, erobert sich aber zumindest das Träumen: vom Wanderurlaub mit den Kids, einem Stadionbesuch beim weit entfernten Lieblingsklub, einem Besuch Europas als Tourist und nicht als Geflüchteter, einer glitzernden Metropole oder einfach davon, mal das Meer zu sehen.

Eine bessere Welt wäre die, in der wir alle, ausgestattet mit einer Klimakreditkarte, ein gleiches Recht auf Reisen haben. Mit Begegnung statt Hotelkomplexen. Aber solange das System uns Grenzen auferlegt, müssen wir sie im Traum überwinden. Ich mag diese Fantasien. Ich sehe detailliert den Aufbau einer fremden Stadt, rieche den Geruch der Unterkunft, höre die Gespräche mit Menschen. Fantasie kann so mächtige Erinnerungen pflanzen, dass ich mich manchmal daran erinnern muss, dass ich nie wirklich dort war.

wochentaz

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Auch meine Reise in die Antarktis soll sich echt anfühlen. Mit meinem Freund diskutiere ich über die Drake-Passage: Unsere Mägen sind zu mies, das wird nichts, wir nehmen das Flugzeug. Und dann, auf dem antarktischen Kontinent? Kreuzfahrtschiff oder Forschungsschiff? Natürlich Forschungsschiff. Wie weit nach Süden wollen wir fahren?

Im Traum sind wir reich, aber nicht Elon, also diskutieren wir sehr ernsthaft über das Budget. Wir beschließen, uns zu gönnen, ist ja nur einmal im Leben. Ich sehe die kleine Kajüte auf dem Forschungsschiff, kreischende Pinguinkolonien, Ausflüge mit dem Kajak durch tiefblaues Wasser, knirschende Eisschollen. Nur eines verbiete ich mir: Videos von vor Ort. Ich will mich nicht spoilern. Denn nur davon lebt ja ein Traum – von der Hoffnung, dass er wahr wird.

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Alina Schwermer
freie Autorin
Jahrgang 1991, studierte Journalismus und Geschichte in Dortmund, Bochum und Sankt Petersburg. Schreibt für die taz seit 2015 vor allem über politische und gesellschaftliche Sportthemen und übers Reisen. Autorin mehrerer Bücher, zuletzt "Futopia - Ideen für eine bessere Fußballwelt" (2022), das auf der Shortlist zum Fußballbuch des Jahres stand.
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