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TrassenpreiseWeniger Maut für Züge, gleiches Geld für den Staat

Zugunternehmen kämpfen mit immer weiter steigenden Preisen für die Nutzung der Schienen. Ein neues Gutachten zeigt, wie sich das ändern könnte.

Güterzüge auf dem Rangierbahnhof in Hagen Foto: Jochen Tack/imago

Wenn Zugbetreiber weniger Geld dafür zahlen, dass ihre Bahnen das deutsche Gleisnetz benutzen, kommt weniger Geld für den Bundeshaushalt zusammen? Klingt erst mal logisch – stimmt so aber nicht, zeigt eine neue Studie. Das Schweizer Beratungsunternehmen Infras hat im Auftrag des Güterbahnen-Verbands untersucht, welche Folgen eine Umstellung des sogenannten Vollkostensystems, das in Deutschland gilt, auf das Grenzkostensystem hätte, den europäischen Standard. Das Ergebnis: Im Bundeshaushalt würden keine Löcher entstehen – vorausgesetzt, der Bund würde drei seiner bestehenden Finanzierungsströme für den Schienenverkehr bündeln.

Die Trassenpreise, eine Art Schienenmaut, zahlen alle Bahnverkehrsunternehmen für die Nutzung von Schienen an die jeweiligen Betreiber der Schieneninfrastruktur – meist die DB Infrago, Infrastrukturtochter der Deutschen Bahn.

Das europäische Recht schreibt vor, dass die Trassenpreise mindestens die Kosten abdecken, die unmittelbar für einen jeden Kilometer Zugfahrt entstehen – diese Kosten werden Grenzkosten genannt. In Deutschland gehen die Trassenpreise darüber hinaus, die Infrastrukturbetreiber holen die gesamten Kosten für den Betrieb der Infrastruktur – die Vollkosten – bei den Verkehrsunternehmen ein. Das Bundesverkehrsministerium hat in der Vergangenheit stets gewarnt, dass dem Bund durch eine Umstellung auf das Grenzkostenprinzip mehrere Milliarden Euro entgehen würden.

„Die angebliche Finanzierungslücke ist ein politisches Schreckgespenst – sonst nichts“, sagt Peter Westenberger, Geschäftsführer der Güterbahnen, am Montag bei der Vorstellung der Infras-Studie.

Grüne sehen Umstellung positiv

Das Beratungsunternehmen hat für seine Untersuchung die Entwicklung der Trassenpreise für die Jahre 2027 bis 2031 modelliert. Demnach sind für Betrieb und Instandhaltung des Schienennetzes aktuell rund 8 Milliarden Euro nötig – und die fließen schon jetzt zu großen Teilen aus den Taschen des Bundes, aber auf Umwegen: zum einen über eine nachträgliche Trassenpreisförderung, zum anderen über die Regionalisierungsmittel für die Bundesländer und den dortigen Nahverkehr. Zusammen mit den Summen, die der Bund ohnehin in die Instandhaltung der Schiene stecken will, „können auch grenzkostenbasierte Trassenpreise das nötige Finanzvolumen vollständig sichern“, lautet das Fazit von Infras und Güterbahnen.

Eine Umstellung in Richtung Grenzkostenprinzip sei vor allem im Schienengüterverkehr „positiv“, schätzt Matthias Gastel, bahnpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag. Sie könne dazu beitragen, „mehr Verkehr auf die Schiene zu verlagern und die Wettbewerbsfähigkeit der Güterbahnen gegenüber der Straße zu verbessern“.

Die stark gestiegenen Trassenpreise der letzten Jahre haben die Verlagerung des Güterverkehrs auf die klimafreundlichere Schiene ins Stocken gebracht – ein Thema, das angesichts deutlich teurerer Kraftstoffe und gerissener Klimaziele im Straßenverkehr erst recht politische Brisanz hat. Das Verkehrsministerium unter Patrick Schnieder (CDU) arbeitet derzeit an einer neuen Regelung für die Trassenpreise, Details sind noch nicht bekannt.

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6 Kommentare

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  • Ist das nicht Erstsemesterwissen Volkswirtschaft, da Grenzkosten anzusetzen?



    Außer natürlich, mensch agiert im Interesse der Auto- und Lastwagenindustrie.



    Wir brauchen auch hier eine rasche Verkehrswende, wieder mehr parallele Strecken und Güter-Umfahrungen aller Ballungsräume, denn dort brauchen andere die Gleise. Das wird lange dauern - fangen wir jetzt an. Das Geld kann vom einem Subventionsstopp für die Autoindustrie-Gierhälse kommen.

    • @Janix:

      "Ist das nicht Erstsemesterwissen Volkswirtschaft, da Grenzkosten anzusetzen?"

      Es ist Erstsemesterwissen Betriebswirtschaft, dass die DB (sowohl DB Netz als auch der Gesamtkonzern) andere Einnahmen gebraucht hätte, um liquide zu bleiben. Als Aktiengesellschaft hätten die angesichts der zur Verfügung stehenden Einnahmen (seitens derer, die volkswirtschaftlich denken sollten, in absoluten Zahlen zeitweise weniger als in der 90% kleineren Schweiz) schon unter Finanzminister Steinbrück Konkurs anmelden müssen...

      • @FriedrichHecker:

        Die Zielformulierung ist zentral. Will ich das betriebswirtschaftliche oder das Wohlstandsoptimum? Bei der Bahn als der Grundversorgungs-Infrastruktur für alle in puncto Mobilität, wohl besser das Wohlstandsoptimum, und das heißt: Grenzkosten einspielen. Grundkosten durch dritte Quellen decken.



        Die Bahn sollte irr sogar noch Gewinn machen und verkaufte ihr Grundstückstafelsilber für teure Eigentumswohnungsghettos in zentralen Lagen.

        Fossilkisten fliegend oder fahrend hingegen nicht teuer fördern, sondern sie endlich mal ihre externalisierten Schäden auch zahlen lassen. Auch das Ende der Verzerrung zu Fossil würde die Bahn stabilisieren.

        • @Janix:

          Das Ziel müsste der Eigentümer der Bahn formulieren - und der ist diese Antwort seit 1976 schuldig.



          Da hat er - aus unter anderem volkswirtschaftlichen Überlegungen - das Konzept der Bundesbahn abgelehnt ohne die von ihm selbst 1974 formulieren betriebswirtschaftlich orientierten Rahmenbedingungen zu ändern. Was er auch in den vergangenen 50 Jahren nicht wirklich getan hat - und wenn, dann noch mehr in Richtung betriebswirtschaftliche Ausrichtung (Bahnreform, Koch-Steinbrück-Papier, ...).

          Im Übrigen ist auch das 16-seitige "Policy Paper", das der Artikel als "Gutachten" bezeichnet obwohl es mehr Fragen aufwirft als beantwortet, sehr betriebswirtschaftlich orientiert (einschließlich Quellenverweise auf Roland Berger, Ernst&Young und PriceWaterhouseCoopers), nur eben aus der Sicht von privaten Güterverkehrsunternehmen statt aus der Sicht des staatseigenen Teils der Bahn...

  • Pro Kilometer Schiene steht der Schweizer Bundesbahn heute sechsmal soviel Geld zur Verfügung wie der Deutschen Bahn. Gleichviel wäre also schon zu wenig.

    Aber Geld im Bundeshaushalt bringt der Bahn nichts, weil sobald der Finanzminister einmal draufsitzt, bekommt es die Bahn nie wieder - egal, ob der Finanzminister Eichel, Schäuble, Lindner, Klingbeil oder sonstwie heißt.

    Wenn die Eisenbahnverkehrsunternehmen weniger zahlen und im Bundeshaushalt nichts fehlt, wird der Schiene hierzulande noch mehr Geld fehlen...

  • ? Wenn weniger eingenommen wird, soll das Ergebnis gleich bleiben durch Umschichtung von drei Finanzströmen? Aber vielleicht hat der Geschäftsführer der Güterbahnen recht und möchte nicht einfach nur niedrige Kosten für seine Klientel. Der Zuwachs von Güterverkehr auf der Schiene wird seit Jahrzehnten gefodert (ausser vielleicht im Rheintal) und politisch passiert das Gegenteil.

    Würden denn überhaupt mehr Züge auf die Gleise passen? Oder stehen Güterzüge dann noch mehr rum um andere passieren zu lassen?