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Tragikomödie „Rental Family“Gemietete Nähe, gutes Gewissen

In „Rental Family“ vermittelt eine Agentur in Tokio Schauspieler für soziale Anlässe. So auch Brendan Fraser, der im Film mit seiner Wärme berührt.

Echte Begegnung? Mia Kawasaki (Shannon Mahina Gorman) und Phillip Vandarpleog (Brendan Fraser) in „Rental Family“ Foto: Searchlight Pictures

Manchmal formulieren Filme ihre interessantesten Gedanken nicht offen, sondern lassen sie eher beiläufig entstehen, womöglich sogar unbeabsichtigt. „Rental Family“ ist einer dieser Filme. Während er von Fürsorge, Nähe und zwischenmenschlicher Sehnsucht erzählt, drängt sich immer wieder eine Überlegung auf: Welche Formen der Dienstleistung empfinden wir als selbstverständlich, bei welchen sehen wir moralische, ethische oder emotionale Grenzen überschritten – und welchen messen wir einen Wert bei?

Die japanische Regisseurin Hikari, die das Drehbuch gemeinsam mit Stephen Blahut verfasst hat, setzt diese Fragen durch ein ebenso schlichtes wie irritierendes Szenario in Gang: In einer Agentur in Tokio werden Schauspieler nicht an Film- oder Fernsehproduktionen vermittelt, sondern an das echte Leben: als gemieteter Partner auf Familienfeiern, als bester Freund für einen Abend, als jemand, der eine Leerstelle füllt.

Ins Zentrum dieser Welt taucht der Film mit US-Schauspieler Phillip Vandarpleog (Brendan Fraser) ein. Einst erlangte er in Japan eine gewisse Beliebtheit durch Werbespots für Zahnpasta, in denen er als überdrehte Superheldenfigur auftrat. Danach: keine Rollen, keine Perspektive. Phillip ist ein Schauspieler, so scheint es, dessen größte Stärken – seine Sanftmütigkeit, seine Wärme und Zugewandtheit – im regulären Betrieb keinen Platz mehr finden.

Ein erster ungewöhnlicher Auftrag aber bringt Bewegung in sein Leben. Er soll einen „traurigen Amerikaner“ darstellen und findet sich unversehens auf einer Trauerfeier wieder, die sich rasch als Inszenierung entpuppt: Der vermeintlich Verstorbene erhebt sich aus dem Sarg, bedankt sich bei den engagierten Anwesenden und verlässt die Zeremonie mit dem erklärten Gefühl, seiner eigenen Bedeutung wieder versichert zu sein.

Der Film

„Rental Family“. Regie: Hikari. Mit Brendan Fraser, Takehiro Hira u.a. Japan/USA 2025, 103 Min.

Phillips Wirkung bleibt nicht unbemerkt und der Manager der titelgebenden „Rental Family“-Agentur (Takehiro Hira) nimmt ihn unter Vertrag. Was folgt, sind weitere Einsätze, die neue Grauzonen eröffnen. Phillip tritt als Bräutigam bei einer fingierten Hochzeit auf, die vor allem der Beruhigung der Brauteltern dienen soll, er führt als „Journalist“ Interviews mit einer alternden Schauspiellegende (Akira Emoto), die noch einmal Anerkennung erfahren soll.

Der vielleicht netteste Schauspieler der Welt

Und schließlich übernimmt Phillip die Rolle eines lange abwesenden Vaters für die junge Mia (Shannon Mahina Gorman). Für den Platz an einer elitären Privatschule soll eine intakte Familie vorgetäuscht werden. Dieser letzte Auftrag wiegt emotional am schwersten und nimmt im tragikomischen Drama den größten Raum ein.

Was diese inszenierten Beziehungen bei jenen auslösen, die nichts von ihrem künstlichen Ursprung wissen, verhandelt „Rental Family“ allerdings nur am Rande. Stattdessen richtet sich der Blick beharrlich auf Phillip selbst: Seine eigene Einsamkeit, das emotionale Band zu seinen Klienten und seinen stärker werdenden Hang, professionelle Grenzen zu überschreiten.

Unweigerlich stellt sich dabei die Frage, ob dieser Film auch ohne Brendan Fraser („The Whale“) in dieser Form funktionieren würde. Mit einnehmendem Charme bietet der Schauspieler auf, was er seit jeher verkörpert: entwaffnende Freundlichkeit und eine Empathie, die kaum Distanz zulässt. Seine Präsenz macht es schwer, seine Tätigkeit grundsätzlich infrage zu stellen: Wer könnte etwas dagegen haben, von jemandem umsorgt zu werden, der so aufrichtig zugewandt wirkt?

Nähe entsteht nicht selten dort, wo jemand bestimmte Bilder erfüllt, performative Akte darbietet und Stabilität signalisiert

Damit berührt „Rental Family“ eine Überlegung, die der Film ebenfalls nicht weiterverfolgt. Die gemieteten Rollen, die verhandelt werden, unterscheiden sich weniger grundsätzlich von alltäglichen sozialen Positionen, als man zunächst vermuten möchte. Auch jenseits der Agentur bewegen sich Beziehungen – als Partnerin, Kind oder Kollege – im Spannungsfeld von Erwartungen und stillschweigenden Übereinkünften. Nähe entsteht nicht selten dort, wo jemand bestimmte Bilder erfüllt, performative Akte darbietet und Stabilität signalisiert.

Die freundliche Lösung

Stattdessen implementiert „Rental Family“ stillschweigend selbst eine Hierarchie der Dienstleistungen, die gleichsam mit Geschlechterrollen verknüpft ist: Phillip sucht regelmäßig eine Prostituierte auf – die einzige Person außerhalb seiner Aufträge, die ihm wirklich zuhört. Dennoch bleibt diese Form der Dienstleistung im Film auf körperliche Nähe reduziert, unkritisch als gesellschaftlich marginal markiert, während Phillips Arbeit moralisch aufgewertet wird: als emotional wertvolle, fast heroische Fürsorge.

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Trailer „Rental Family“

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So kehrt „Rental Family“ am Ende zu seiner unausgesprochenen Anfangsfrage zurück. Der Film unterscheidet sehr genau zwischen verschiedenen Formen erkaufter Nähe – und adelt jene, die sich selbstlos anfühlen, ohne dabei Machtverhältnisse, Privilegien oder Abhängigkeiten mitzudenken.

Damit bleibt am Ende vor allem eines: ein Film, der „nett“ sein will. Doch diese Nettigkeit ist so konfliktarm, so sehr an den eigentlich spannenden Fragen – etwa auch danach, was es mit uns macht, wenn selbst Nähe als Ware behandelt wird – vorbei inszeniert, dass „Rental Family“ selbst wie eine Dienstleistung wirkt: angenehm, wohlmeinend, professionell und deshalb nur flüchtig erinnerlich. Es macht eben doch einen Unterschied.

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