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Tour de France Femmes nimmt Fahrt aufDie ganz große Prüfung kommt aber noch

Die Schweizerin Marlen Reusser kann sich nach dem Start in ihrer Heimat über Zeitfahrsieg und Gelbes Trikot freuen.

Küsschen von Freund und Trainer im Backstagebereich, das Gelbe Trikot schon vorbereitet – besser konnte die Tour de France Femmes für die Schweizer Radsportlerin Marlen Reusser wohl kaum laufen. Zuerst hatte sie sich über den Start der Tour in ihrer Schweizer Heimat freuen können. Die erste Etappe in Lausanne fand auch ausgerechnet am Nationalfeiertag, der sogenannten Bundesfeier, statt. Reusser konnte sich da zwar noch nicht in Szene setzen – sie wurde 10. im Bergaufsprint einer zehnköpfigen Favoritinnengruppe. Aber sie wusste, dass sie noch ein Ass im Ärmel hatte: Das recht hüglige Zeitfahren zur Senfstadt Dijon bei der Rückkehr des Rennens nach Frankreich.

„Projekt Dijon“ hatten sie und ihr Trainer und Lebensgefährte Hendrik Werner die Vorbereitung auf das Zeitfahren genannt, durchaus in Anspielung auf die gelbe Farbe sowohl des Senfes als auch des Führungstrikots der Tour, wie Reusser später freudestrahlend berichtete. Bereits zu Weihnachten hatten sie es in Angriff genommen. „Es ist das erste Mal, dass ich eine Tour so angehe, von Beginn an als Teamleaderin. Ich wusste, wir starten in der Schweiz am Nationalfeiertag, ich wusste, Etappe vier ist ein Zeitfahren in Dijon, und wir sagten, es sei das Dijon-Projekt, mit der Senf-Assoziation und dem Gelb. Wir dachten, wir können das schaffen, und es hat funktioniert, ich bin sehr glücklich“, fasste sie Vorbereitung und präzise Planerfüllung in Worte.

Ganz zufrieden mit ihrem Ritt war die Perfektionistin nicht. „Ich bin gut gestartet, gut geklettert, hatte aber ein paar Probleme mit dem Rad und dem Wind. Im Recon war es anders und ich hatte es anders geplant“, gab sie zu. Am Ende reichte es zu knappen vier Sekunden Vorsprung für die Weltmeisterin in dieser Disziplin vor der überraschend starken Niederländerin Lieke Nooijen und auch zur Führung in der Gesamtwertung.

Es war zugleich das erste Gelbe Trikot in der Karriere der radelnden Ärztin. Erst mit 25 Jahren hatte sie eine Stelle als Assistenzärztin zugunsten des Radsports aufgegeben. Sie war danach wieder ins Haus ihrer Eltern zurückgekehrt. Denn das Gehaltsgefälle zwischen einem Job als Medizinerin und dem einer Profifahrerin war zumindest in jenen Jahren enorm. In dieser Saison liegen die Mindestgehälter in der Womens WorldTour bei 38.000 Euro für vom Team sozialversicherungsspflichtig angestellte Fahrerinnen und bei 62.000 Euro für Freiberuflerinnen. Reusser selbst kommt nach Angaben Schweizer Medien als Kapitänin des spanischen Rennstalls Movistar auf ein sechsstelliges Salär, liegt also unter1 Million Euro. Sie kann sich davon aber recht gut ihr neues Domizil im Kletterparadies Andorra leisten und finanziert außerdem den Ausbau des elterlichen Bauernhauses als späteren Ruhesitz, wie Schweizer Medien berichteten.

Demi first

Die Millionengrenze – lange Zeit ein im Frauenradsport als unerreichbar geltender Schwellenwert – knackte zuerst ihre einstige niederländische Teamgefährtin und aktuelle Rivalin Demi Vollering. Nach deren Wechsel im letzten Jahr vom einst dominierenden Team SD Worx zum französischen Rennstall FDJ-Suez ist sie die erste Millionärin im Frauenpeloton.

Reusser und Vollering, ihrerseits Toursiegerin 2023, haben sich dank ihrer Zeitfahrleistungen bereits von ihren Konkurrentinnen im Gesamtklassement abgesetzt. Vollering blieb mit 17 Sekunden Rückstand im Zeitfahren in Schlagdistanz zur Schweizerin, Titelverteidigerin Pauline Ferrand-Prevot verlor bereits mehr als zwei Minuten; Kasia Niewiadoma-Phinney, Kapitänin des deutschen Rennstalls Canyon/SRAM, brauchte eine Minute und acht Sekunden länger.

Auch für die deutschen Starterinnen war es kein guter Tag. Antonia Niedermaier, Klettertalent mit GC-Hoffnungen, kam vor allem mit der Trittfrequenz bei Rückenwind und bergab nicht klar und verlor mehr als eine Minute sowohl auf Reusser wie auf Vollering. Die deutsche Zeitfahrmeisterin Franziska Koch, zugleich Meisterin im Straßenrennen, legte einen halben Ruhetag ein, wie sie zugab. Sie konzentriert sich in den kommenden Tagen auf Etappensiege. Liane Lippert, die das ebenfalls im Auge hat, wird sich zumindest auf der Etappe zum Mont Ventoux am Freitag der Unterstützung ihrer Kapitänin Reusser widmen müssen.

Für die Schweizerin ist dies das große Karriereziel. Bei Movistar wird sie seit dem Wechsel im Winter 2024 sukzessive als Nachfolgerin der einstigen Alleinherrscherin Annemiek van Vleuthen aufgebaut. Die Niederländerin gewann insgesamt acht Grand Tours (viermal Giro, dreimal Vuelta, einmal Tour) und räumte auch bei Klassikermonumenten und Weltmeisterschaften ab.

Reusser unterstrich mit Platz 2 beim Giro im letzten Jahr ihre Fortschritte bei der Verwandlung einer Zeitfahrerin und Etappenjägerin in eine Rundfahrerin. Ihre Fortschritte in den Bergen werden besonders bei der Etappe am Mont Ventoux einer harten Prüfung unterzogen. Als Favoritin auf den Gesamtsieg kristallisiert sich nach den bisherigen Leistungen an kleineren Anstiegen sowie im Zeitfahren allerdings die einstige Blumenhändlerin und Siegerin von 2023, Demi Vollering, heraus.

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