Spanienrundfahrt der Frauen: Sagenumwobener Anstieg
Mit der Schlussetappe der Vuelta erreicht der Radsport der Frauen einen neuen Meilenstein. Das anhaltende Wachstum fordert Opfer an der Basis.
Am Ende lieferte „La Vuelta Femenina“ eine faustdicke Überraschung: Nicht die Top-Stars um die letztjährige Tour-de-France-Siegerin Pauline Ferrand-Prévot, Anna van der Breggen oder Kasia Niewiadoma standen nach dem großen Finale der siebentägigen Rundfahrt durch Spanien ganz oben auf dem Treppchen, sondern die junge Spanierin Paula Blasi (UAE Team ADQ). Damit ist ihr Historisches gelungen: noch nie zuvor war es einer einheimischen Fahrerin gelungen, den Gesamtsieg bei der Vuelta einzufahren.
Es war ohnehin ein Tag für die Geschichtsbücher. Zum ersten Mal stand nämlich der Alto de L’Angliru auf dem Programm. Ein sagenumwobener Berg, der bisher nur den Männern vorbehalten war und schon so manch einem Profi den Angstschweiß auf die Stirn trieb. Kein Wunder, der Anstieg der Categoría Especial gehört zu den härtesten im Radsport: knapp 13 Kilometer ist er lang, an manchen Stellen beträgt die Steigung bis zu 23 Prozent.
Bei der Vuelta setzte der L’Angliru nun den Schlusspunkt der Rundfahrt. Die Schweizerin Petra Stiasny (Human Powered Health) meisterte die Tortur am besten und gewann die Etappe. Es war der erste große Sieg der 24-Jährigen bei den Profis. 23 Sekunden später kam dann Paula Blasi als zweite ins Ziel. Ihr Vorsprung auf Anna van der Breggen war groß genug, um der Niederländerin, die als Gesamtführende in die Schlussetappe gegangen war, das Rote Trikot der Erstplatzierten noch abzunehmen.
In Spanien der L’Angliru, der Mont Ventoux bei der Tour de France Femmes, beim Giro d’Italia der Colle delle Finestre – die Frauen erobern immer weiter neue Gipfel. Vorbei sind die Zeiten, in der die Fahrerinnen ein Schattendasein fristeten. Seit der Einführung der Women’s WorldTour, der höchsten Rennserie im Frauenradsport, vor zehn Jahren schreitet die Professionalisierung in großen Schritten voran. Auch dank des Radsportweltverbands UCI, welcher die Teams seit 2020 unter anderem zu einem Mindestgehalt, Mutterschutz und Krankengeld verpflichtet.
Wachstum mit viel Luft nach oben
Mittlerweile fahren die Frauen alle drei Grand Tours sowie vier der fünf Monumente, wobei die Lombardei-Rundfahrt als letztes fehlendes Monument im nächsten Jahr seine Premiere feiern soll. Trotzdem ist noch sehr viel Luft nach oben. Seien es die im Vergleich zu den Männern niedrigeren Preisgelder oder die mangelnde Sendezeit. So wurden bei Paris-Roubaix lediglich die letzten 50 Kilometer übertragen, das Rennen der Männer dagegen komplett.
Dennoch ist unbestritten, dass der Radsport der Frauen ein rasantes Wachstum an den Tag legt. Das allerdings sorgt nicht überall für Begeisterung. So äußerte die zweifache Giro-Siegerin Elisa Longo Borghini zuletzt die Befürchtung, dass der Sport implodieren könnte. Und auch die Fahrerinnen-Gewerkschaft The Cyclist Alliance TCA warnte in einem offenen Brief an die UCI davor, bei all dem Wachstum nicht die Basis zu vergessen.
Damit meint die TCA die Continental Teams, quasi die dritte Liga in des professionellen Frauenradsports. Seit der Einführung einer neuen Teamstruktur – es gibt nun drei Ebenen: World Teams, Pro Teams und eben die Continental Teams – sind diese kaum noch bei den großen Rennen vertreten.
Die fehlende Sichtbarkeit hat Konsequenzen. Sponsoren ziehen sich zurück, immer mehr kleine Teams müssen aufgeben. Dabei sind genau diese kleinen Teams für viele Nachwuchsfahrerinnen der Einstieg in den Profi-Radsport. Doch sie können kaum finanzielle Stabilität bieten.
Im Brief der TCA an den Weltverband heißt es dazu: „Aus unserer Untersuchung für 2025 geht hervor, dass über die Hälfte der Jungprofis, die ein oder zwei Jahre dabei sind, erwogen haben wegen der finanziellen Unsicherheiten, den Sport wieder zu verlassen.“ Die Zahl der Continental Teams sei vor diesem Hintergrund von 2021 bis heute um ein Viertel von 51 auf 38 Team gefallen.
Doch auch die großen Teams haben zu kämpfen. Um zur Weltspitze zu gehören, wird immer mehr Geld benötigt. Ein Opfer dieser Entwicklung war das deutsche World Team Ceratizit Pro Cycling, welches sich Ende 2025 aus dem Radsport zurückziehen musste. Zur aktuellen Saison hatte die UCI sodann 15 WorldTour-Lizenzen zu vergeben, nur 14 Teams erfüllten die Anforderungen. Andere bewarben sich erst gar nicht erst.
Es bleibt also abzuwarten, ob das rasante Tempo, mit dem sich der Radsport der Frauen in der Spitze entwickelt, noch weitere Opfer fordert.
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