Tönnies, Aufrüstung und R-Werte: Vorschläge für den Wurstausstieg

Nach dem Corona-Ausbruch in der Großschlachterei von Tönnies wird die Branche durch den Fleischwolf gedreht, die Bundeswehr will indes aufrüsten.

gegrillte Wüste auf einem Rost

Bald Vergangenheit? voll verwurstete Grillabende Foto: arifiti/dpa

taz: Herr Küppersbusch, was war schlecht vergangene Woche?

Friedrich Küppersbusch: Trump schießt sich auf Merkel ein beim Wahlkampfauftritt in Tulsa

Und was wird besser in dieser?

Merkels Sympathiewerte, wenn es sich herumspricht

Nach der vorübergehenden Schließung des größten deutschen Schlachtbetriebs von Tönnies im nordrhein-westfälischen Rheda-Wiedenbrück – was muss denn nun (noch) passieren, damit sich endlich was ändert im Fleischunwesen?

Das Elend hat kein Ende, nur die Wurst hat zwei: Erstens den Umstieg zum „Flexitarismus“, den etwa die „Rügenwalder Mühle“ seit fünf Jahren versucht: „Die Wurst ist die Zigarette der Zukunft“. Also Verbraucher, die flexibel statt vollverwurstet einkaufen. Ohne Marktdruck findet sich sonst immer ein Charakterschalker, der leiderleider systemrelevantes Billigfleisch herstellt.

Zweitens wird jetzt die Branche durch den Fleischwolf gedreht: Mitarbeiter in „Schrottimmobilien“ gepfercht, Firmen die sich dank Werkverträgen „nicht verantwortlich fühlen“ für ihre Leute, und die Bundesregierung soll diese Werkverträge schneller verbieten: So spricht inzwischen ein gediegener Christdemokrat wie NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann. Artgerecht weidet MP Laschet noch ein paar rassistische Vorurteile ab, der Grüne Hofreiter träumt vom Boykott ganzer Supermarktketten gegen Tönnies. Beides Serviervorschläge für den eigentlichen Klops, den Wurstausstieg.

Ein Mitarbeiter des Militärgeheimdienstes MAD ist suspendiert worden. Er soll geheime Unterlagen an einen befreundeten KSK-Soldaten weitergegeben zu haben. Kann Annegret Kramp-Karrenbauers „Eiserner Besen“ helfen?

Es scheint mit Schrot geschossen, welche der frequent wechselnden Verteidigungsministerinnen es trifft. Vorwoche Brandbrief, diese Woche MAD-Enthüllung, und auch alle VorgängerInnen hatten diese erstaunliche Summe von Einzelfällen bei der Truppe. Als im MAD Akten über die NSU-Mörder verschwunden waren, forderten Grüne und SPD bereits eine Auflösung des düsteren Dienstes. Man forderte frohgemut mit, wenn man zu BND oder Verfassungsschutz mehr Vertrauen hätte.

Ami go home, Ami stay here – wie sehen Sie die Vektoren in der Frage nach dem Verbleib von US-Truppen in Deutschland?

Wo Obama „unter Freunden“ schonmal kumpelig das Jackett auszog, grüßt Trump mit offener Hose. Jenseits solcher Stilfragen wollten beide Truppen aus Deutschland abziehen. Ob sie sich damit entscheidend selber schwächen, scheint unklar – unter anderem den Amerikanern selbst. Dahinter steht die Frage, ob sich Deutschland mit weniger großen Brüdern nachts noch in den Stadtpark traut.

Kramp-Karrenbauers Antwort: Beschaffung bewaffneter Drohnen, Beschaffung atombombenfähiger Kampfjets. Die Erhöhung des Wehretats. Bei allem Respekt vor der Freude an aasigen Gerhard-Schröder-Witzen: Zwischen Abrüstung der Amis und Aufrüstung der Deutschen steht die Frage: Gibt es über Putin-Bashing hinaus eine gemeinsame europäische Politik der Verständigung? Als Trump-Versteher sind wir derzeit ziemlich allein. Jedenfalls ohne Trump.

Ausbruch in Peking, Neuseeland nicht mehr coronafrei – wie geht es weiter mit uns und dem Virus?

Sobald ich erklären kann, dass der R-Wert der Neuansteckungen auf 1,7 gesprungen ist – und zugleich kein Grund zur Sorge bestehe, obgleich er unter 1,0 sein sollte –, erkläre ich auch Peking und Neuseeland. Allerdings werde ich dann mit dem Robert-Koch-Institut verwechselt, und das ist auch kein Spaß derzeit. Bei einer „zweiten Welle“ wären Duldsamkeit, finanzielle Rücklagen und auch Vertrauen arg vermindert. Also schreib ich Ihnen noch einen Krankenschein, sagen wir, eine Woche, erzählen Sie es nicht rum.

Deutschland nimmt laut Innenminister Horst ­Seehofer (CSU) insgesamt 243 Kinder und ihre Familienangehörigen aus den griechischen Flüchtlingslagern auf. Reicht das?

Das armt. Deutschland hatte dem UNHCR die Aufnahme von 5.500 Flüchtlingen versprochen. Obergrenzer Seehofer kann jetzt auf Corona verweisen und ansonsten einen Eindruck machen, gegen den der Seehofer von 2018 Sturm gelaufen wäre. Merkel und von der Leyen können versuchen, Geld aus dem Wiederaufbaufonds der EU an klare Zusagen für eine gemeinsame Flüchtlingspolitik zu binden. Das ist doch bisher auch schon jedes Mal schiefgegangen.

Vor 50 Jahren gewann Italien im legendären Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft in Mexiko 4:3 gegen Deutschland. Haben Sie da eine Erinnerung, die Sie mit uns teilen möchten?

Ernst Huberty kommentierte, Telefonqualität und verrauschtes Schwarz-Weiß, Vorsch­laaaand verlor dramatisch und alles fühlt sich wie eine Erinnerung an. Doch ich war neun und wollte vermutlich lieber „Flipper“ gucken.

Und was machen die Borussen?

Zu Hause gegen Mainz verlieren, auswärts Leipzig schlagen: Man kann dem BVB nicht vorwerfen, maschinenhaft zu sein.

Fragen: Carolina Schwarz, Ambros Waibel

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Jahrgang: gut. Deutscher Journalist, Autor und Fernsehproduzent. Seit 2003 schreibt Friedrich Küppersbusch die wöchentliche Interview-Kolumne der taz „Wie geht es uns, Herr Küppersbusch?".

Die Coronapandemie geht um die Welt. Welche Regionen sind besonders betroffen? Wie ist die Lage in den Kliniken? Den Überblick mit Zahlen und Grafiken finden Sie hier.

▶ Alle Grafiken

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de