Arbeitsbedingungen in Schlachtbetrieben: Das System ist moralisch bankrott

Fleischfabriken sind nicht nur Durchlauferhitzer für Pandemien. Sie beuten Menschen wie Tiere aus und verdienen Verachtung und unseren Boykott.

Drei tote Schweine hängen kopfüber, einem werden die Gedärme entfernt, daneben Beine in weißen Hosen mit Gummistiefeln

Wo Tiere am Fließband geschlachtet werden, gibt es meist wenig Menschlichkeit Foto: Ingo Wagner/dpa

Die Meldung schaffte es bis in die US-amerikanischen Zeitungen. „Größter Covid-19-Ausbruch in Deutschland seit den Lockerungen“ titelte das Wall Street Journal über die Coronavirusinfektionen in den Fleischfabriken von Tönnies in Gütersloh. Die Auswirkungen des Ausbruchs sind enorm: Über 2.000 Menschen sind infiziert, 650.000 Menschen in den Kreisen Gütersloh und Warendorf befinden sich im Lockdown, alle Schulen und Kitas im Landkreis wurden geschlossen.

Doch das Problem ist kein ostwestfälisches – es ist ein weltweites. Die Horrormeldungen, die ich seit Monaten über Schlachthäuser und Fleischverarbeiter lese, reißen nicht ab. Neu ist an ihnen nur, dass es in den Nachrichten nicht um Tier-, sondern um Menschenleid geht. In Mississippi, Washington, Texas und vielen anderen US-Staaten wurden massenhaft Fälle von Covid-19-Infektionen bei Angestellten gemeldet, ebenso in Brasilien, Kanada, Irland, Australien, um nur einige Länder zu nennen.

Warum ausgerechnet Fleischbetriebe? Dort ist es praktisch unmöglich, auf Distanz zu gehen. Hunderte Menschen können in einer Schicht arbeiten, stehen Schulter an Schulter, während die Tierkadaver am Haken oder auf dem Laufband vorbeiziehen. Die Arbeit ist körperlich und psychisch extrem belastend, es wird im Akkord geschuftet.

Eine Maske unter diesen Bedingungen 100-prozentig korrekt tragen? Unmöglich. Möglicherweise begünstigen zusätzlich die niedrigen Temperaturen und die permanente Belüftung in Schlachtbetrieben die Verbreitung des Coronavirus.

Billiglöhner, in Massenunterkünfte gepfercht

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Zudem sind viele der Angestellten Arbeitsmigranten. Billiglöhner, die in Massenunterkünfte gepfercht werden, oft keinen oder nur eingeschränktem Zugang zur Gesundheitsvorsorge haben und sich in Abhängigkeiten befinden, in denen sie sich kaum zur Wehr setzen können.

Umso mutiger war daher eine Koalition von lateinamerikanischen Arbeitern, die in Iowa – einem der Epizentren der Coronavirusinfektionen in der Fleischindustrie – zum Fleischboykott aufrief, um gegen die furchtbaren Zustände zu protestieren. Denn die Wahrheit ist, dass Billigschlachter ihre Arbeitskräfte kaum anders betrachten als die Tiere – als entbehrlich.

Fleischbetriebe sind Durchlauferhitzer für Pandemien. Das System ist moralisch bankrott und verdient unsere Verachtung und unseren Boykott. Selbst wem Tiere wurscht sind, dem können Menschen nicht egal bleiben. Das Problem ist komplex, die Konsequenz ist simpel: Wir brauchen ein nachhaltigeres Nahrungsmittelsystem, mit keinem oder kaum Fleisch und vielen Pflanzen auf dem Teller.

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