piwik no script img

Tiktok-Trend „Scientology Speedrun“Level up im Sektenhaus

Jugendliche folgen einem Tiktok-Trend aus den USA und stürmen die Berliner Scientology-Zentrale. Beim zweiten Versuch ist die Polizei schon vor Ort.

Wurde von Tiktok-Kids gestürmt: die Scientology-Kirche in Charlottenburg Foto: Schöning/imago

Die Tür fliegt auf – und los! Kids sprinten ins Gebäude, stolpern übereinander und das Treppenhaus hoch. Die Kamera wackelt, Stimmen überschlagen sich, Gekreische: „Hey, hey, hey! Raus hier!“, ruft ein aufgebrachter Mann in Hemd und Schlips. Die Gruppe sprintet an ihm vorbei die Wendeltreppe hoch.

„Scientology Speedrun“ nennt sich die neueste Tiktok-Challenge, die sich die Jugend ausgedacht hat. Nach Pudding mit Gabel essen und performativen Männlichkeitswettkämpfen besteht der neueste Quatsch-Trend aus den USA darin, Scientology-Kirchen zu stürmen. Das Ziel: so tief wie möglich in das Gebäude eindringen. Es ist der Höhepunkt der Gamifizierung: Kirchenetagen werden zu Levels, Sicherheitsleute zu NPCs (Non-Player Characters) und Hausfriedensbruch zum Highscore.

In der Niederlassung in der Otto-Suhr-Allee in Charlottenburg hatte der Trend vergangene Woche Deutschlandpremiere. Aufrufe gibt es inzwischen auch in Städten wie Stuttgart, Hamburg und München. Scientology zeigt sich über die plötzliche Aufmerksamkeit wenig erfreut. In den USA haben einige Niederlassungen bereits Sicherheitspersonal aufgestockt, Zugangskontrollen verstärkt und teils sogar Türklinken entfernt.

Vorwürfe von Manipulation und finanzieller Ausbeutung

Dabei könnte man den Hype auch anders lesen, schließlich ist Scientology eine verschwindend kleine Randgruppe: In Deutschland hat die Sekte Stand 2024 rund 3.600 Mitglieder. Zum Vergleich: Der Verband der Kon­fe­renz­dol­met­sche­r*in­nen kommt auf ähnliche Größenordnungen. Letzter ist allerdings nicht ganz so bekannt – vermutlich, weil er weder bundesweit vom Verfassungsschutz beobachtet wird noch weltanschauliche Großprojekte verfolgt.

Scientology hingegen schon: Ziel der 1954 vom US-amerikanischen Science-Fiction-Autor L. Ron Hubbard gegründeten Organisation ist eine Ausbreitung der eigenen Lehre aka „Scientologisierung“ der Gesellschaft. Im Zentrum steht die Erzeugung eines „clear“ – des perfekten Menschen – mithilfe scientologischer Technologie. Wer nicht „clear“ ist, hat auf der organisationseigenen Punkteskala weniger Wert.

Angesichts der Vorwürfe von Manipulation, finanzieller Ausbeutung und autoritären Strukturen ließe sich der Tiktok-Trend auch als eine Form von Aktivismus deuten. Realistischer ist jedoch: Es ist Content. „Ich habe das nur als Joke gemacht“, sagt eine Berliner Bloggerin der taz – auch wenn sie Scientology „sehr problematisch“ finde. Die Bloggerin @larahertha hatte Anfang Mai via Tiktok zu einem weiteren Speedrun in der Charlottenburger Kirche aufgerufen.

Ihre Aufrufe erreichten jedoch nicht nur ihre Follower und die rund 30 Personen, die am vergangenen Samstagvormittag erschienen – sondern auch die Polizei. Ein solches Eindringen gilt in Deutschland als Hausfriedensbruch und kann mit einer Geldstrafe und sogar einer Haftstrafe von bis zu einem Jahr geahndet werden. „Die Polizei hat schon mit zwei Einsatzwagen auf uns gewartet“, erzählt sie. „Ich musste meine Personalien angeben und mir wurde mit einer Anzeige gedroht.“ Ein Beamter habe ihr mitgeteilt, dass die Kirche ihretwegen an dem Tag geschlossen habe.

Dabei sei sie doch mit guten Absichten gekommen, so die Bloggerin – mit Aluhut und „Wir kommen in Frieden“-Plakat. In den Kommentarspalten unter ihrem Beitrag planen Nut­ze­r*in­nen bereits, was als nächstes gestürmt wird. Das Ziel: der Bundestag.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare