piwik no script img

Alternative zu großen Tech-KonzernenUnsere allzu gemütliche Abhängigkeit

Ob Apple oder Insta – wir nutzen die großen Plattformen, weil es angenehm ist. Doch demokratische Alternativen wie Mastodon sollten uns den Mehraufwand wert sein.

EIn Gigant, aber nicht in der Tech-Branche: das Mastodon, Maskottchen der gleichnamigen Plattform Foto: Patrick Guenette/imago

M astodon muss noch ein ganzes Stück geiler gemacht werden, damit es irgendwie attraktiv ist“, sagt Lukas Ondreka Anfang April im Gespräch mit Tech-Kritikerin Aya Jaff im Dissens Podcast. Vor allem für ihn, als „digitalen Noob“, sei das dezentrale soziale Netzwerk viel zu kompliziert. Damit ist er anscheinend nicht allein. Denn obwohl viele abgeschreckt von Elon Musk nach Alternativen zu dessen Nachrichtendienst X suchen, bleibt Mastodon eine Randerscheinung – trotz des putzigen Rüsseltiers im Logo.

Europa will unabhängig werden. Nicht nur von russischem Gas, sondern auch von amerikanischen Tech-Unternehmen. Trotzdem greifen die meisten bei Cloud-Services, Chatbots und Social Media noch immer zu privaten US-Kreationen. So bevorzugt auch Moderator Ondreka, wie so viele, die ebenfalls amerikanische X-Alternative Bluesky.

Nun kann man niemanden zu seinem Glück zwingen. Dabei wäre Mastodon als führendes soziales Netzwerk eine kleine Revolution. Die Open-Source-Software wurde zwar von einer gemeinnützigen GmbH entwickelt, doch das Netzwerk läuft auf vielen unabhängigen Servern und ist damit – zumindest größtenteils – ein Gemeingut. An das man sich technisch zugegebenermaßen erst mal gewöhnen muss.

Man könnte meinen, ein bisschen Reinfuchsen wäre eigentlich nicht zu viel verlangt, wenn wir dafür das Internet demokratisieren und den wichtigsten Informationskanal unserer Zeit vergesellschaften, zugunsten der viel beschworenen europäischen Diversifizierung. Ein soziales Medium nicht nur in öffentlichem Besitz, sondern – ganz im sozialistischen Geiste – in den Händen seiner Nutzer:innen.

Wir haben eine Mitverantwortung

Doch so läuft es leider nicht. Denn wir Menschen sind bequem. Wir wollen uns mit unserer Apple ID anmelden und los geht’s. Die Abhängigkeit, in die wir uns damit begeben, nehmen wir im Austausch für den reibungslosen Ablauf in Kauf. Und überhaupt: Große Nachteile hatten wir bisher noch nicht dadurch, dass Meta fröhlich unsere Daten verscherbelt … oder?

Mit dem wachsenden Einfluss von Musk, Thiel und Zuckerberg trägt jeder eine Mitverantwortung, diesen Demokratiefeinden nicht noch mehr Macht zu verschaffen. Aber leider ist gegen Giganten nur schwer anzukommen. Und vorausgesetzt ist auch erst mal, dass ich vernünftigerweise erkannt habe, dass ich gerade aus Bequemlichkeit unser aller Haut zum digitalen Markt trage. Das kann man wohl nicht von jedem verlangen.

Der Staat muss föderal organisierte Netzwerke fördern und Monopolisten zerschlagen

Daher ist der Staat gefragt. Der muss föderal organisierte Netzwerke fördern und Monopolisten zerschlagen. Kritische Infrastruktur – und dazu gehört Social Media heute – darf nicht im Besitz von Despoten am anderen Ende der Welt sein. Man würde auch nicht die Deutsche Bahn an Xi Jinping verkaufen. Hoffentlich.

Ende der Woche will das schwedische Start-up „W Social AD“ mit seinem gleichnamigen Nachrichtendienst an den Start gehen. Ein europäisches soziales Netzwerk, finanziert von europäischen Investor:innen, gehostet auf europäischen Servern. Klingt super. Doch auch W Social ist – obwohl es das offene AT Protocol nutzt, das auch Bluesky verwendet – leider in Privatbesitz.

Es bleibt zu hoffen, dass sich weiterhin findige EU-Abgeordnete hinsetzen und überlegen, wie digitale Souveränität wirklich geht und was sie attraktiv machen könnte. Und bestenfalls scheitert es dort, anders als bei Lukas Ondreka – und auch mir selbst – mal nicht am inneren Schweinehund.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Fabian Schroer
Auslandsredakteur
Zuständig für Süd- und Westeuropa im Auslandsressort. Schreibt hauptsächlich über Migration, Medien und soziale Gerechtigkeit. Auch über Freiheit in der Kolumne "Freidrehen".
Mehr zum Thema

6 Kommentare

 / 
  • Wie sollen wir uns denn auf ein anderes soziales Netzwerk einigen, wenn wir nicht mal für uns allein wissen, was wir von irgendeinem dieser Netzwerke überhaupt erwarten?



    Die führenden Netzwerke sind deswegen führend, weil sie dem Nutzer genau diese Frage abnehmen und ihm schlicht das liefern, was der Nutzer in der Sekunde zu erwarten meint,



    Wenn ein neues Netzwerk das nachbaut und den Algorithmus darauf trainiert, die Sekundenaktuellen Wünsche der Nutzer zu berechnen und eine darauf passende Antwort zu liefern, könnte diese erfolgreich sein. Aber dann können wir es auch ganz lassen, denn dann ist es egal, wo die Server stehen, es wird der gleiche Mist dabei rauskommen, wie wir ihn jetzt haben. Nur halt nicht mehr amerikanisch. Kein wirklicher Gewinn.

  • Das ist das doch das soziale Netzwerk wo man zeitweise Anne Applebaum und andere US Journalisten im deutschen Fediverse nicht lesen konnte, weil da journalists.feed blockiert war, oder?

  • Es ist doch einfach. Die Alternative muss ebenfalls bequem sein. Ich habe weder Zeit noch Lust mich in irgendwas technisches reinzufuchsen. Und wenn der Staat mitmischt, haben wir sicherlich 84 Möglichkeiten, den Datenschutz einzustellen, was man nicht mehr überblickt und daher alles einfach erlaubt. Im Gegenzug hat man dann ein Nutzungserlebnis auf Windows 3.11 Niveau.

    Ich habe mehr Hoffnung in kleine europäische Start-Ups als in den Staat. Das Problem bei diesen ist nur, dass die großen Unternehmen sie aufkaufen, bevor sie zur echten Konkurrenz werden.

  • Welcher Aufwand? Ich habe meinen Mastodon-Account in 5 Minuten eingerichtet, nachdem ich 1-2 How-To Artikel durchlas.



    Wer das nicht kann, sollte absolut GARNICHTS im Internet machen, geschweige denn auf Social Media.



    Wem es zuviel Aufwand ist, unter Fotos einen Alt-Text zu schreiben, damit auch seheingeschränkte Nutzende sich den Inhalt vorlesen lassen können, hat in einem "Sozialen" Netzwerk, welches Inklusion mitdenkt, eh nichts verloren.

  • Was ist denn an Mastodon schwierig oder kompliziert?



    Ich habe verschiedene Passwörter, weil es mal die email, mal ein Konto ist. Natürlich ist mein paypal-Konto nicht verbunden mit einer der kommerziellen Interaktionsplattformen und anders als mein Bibliothekskonto.



    Dann eben ein weiteres login für Mastodon. Ja und? Was noch?

  • Ich geb AOL die Schuld. Vor deren Starter Cds war das Internet noch cool, teuer aber spannend. Als die ersten -nicht Nerds- gelernt haben wie ein Pc angeht, wurde es langsam schlimm, und als dann Steve Jobs noch mit seinen Smarthphones die Teenies ins Netz brachte, war es ganz vorbei. Der hat dem Netz echt den Rest gegeben...