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Theater für die NachbarnWenn es sich im Raum plötzlich drei Grad kälter anfühlt

Die Mitmachformate im Heimathafen Neukölln sind mehr als Kultur. Freitag hat das Stück „Müßiggangster“ Premiere.

Ist es noch Müßiggang oder schon Erschöpfung? „Müßiggangster“ heißt ein neues Stück im Neuköllner Heimathafen Foto: Verena Eidel

Im ausgelagerten Proberaum des Heimathafens Neukölln spielen vier Jugendliche eine Szene. Eine ist traurig. Ihre Freundin fragt die Mutter nach Rat, aber die antwortet brüsk: „Na und? Ich bin auch oft traurig.“ Und der Arzt sagt: „Kein akuter Notfall. Kein Platz. Keine Zeit.“ Die Szene endet in dem Satz: „Ich bin doch nur ein Kind.“

Kurz darauf eine andere Szene. Ein Junge spielt einen Vater. Er kommt müde nach Hause. Ein Mädchen spielt seine Tochter. Sie hat Geburtstag, ihren elften, und freut sich. Der Vater drückt ihr eine Rolle Tape in die Hand. Sie soll einen kleinen Kuchen darstellen. Die gefühlte Temperatur im Raum: drei Grad kälter. Das Mädchen fragt leise, ob es irgendwann einmal ein richtiges Geschenk geben wird.

Es fallen Sätze, Andeutungen, Brüche. „Die Szene ist noch nicht fertig“, sagen die beiden nach dem Applaus, aber die Zuschauenden fragen schnell: „Krieg? Ein Kind, das geht?“ Die Szene endet leise – als würde hier etwas ausgesprochen, das lange keinen Raum hatte.

Beide Szenen der Jugendtheatergruppe Aktive Player NK sind von den Jugendlichen selbst erarbeitet. Und beide erzählen viel über ihr Leben, ihre Nachbarschaft – und darüber, warum Orte wie der Heimathafen Neukölln politisch immer relevanter werden.

Theater im Kiez – und nicht über ihm

Neukölln ist ein Stadtteil, in dem Armut, prekäre Arbeit und soziale Unsicherheit für viele Menschen mehr zum Alltag gehören als anderswo in dieser Stadt – und in dem sich das alles weiter verschärft. Das Leben wird teurer, die Einkommen stagnieren. Ende vergangenen Jahres legte Neukölln erstmals einen eigenen Kinderarmutsbericht vor. Er zeigt: Während in Berlin insgesamt etwa jedes vierte Kind armutsgefährdet ist, gilt das in Neukölln für jedes dritte.

Genau auf diese Wirklichkeiten reagieren die Mitmachformate des Heimathafens Neukölln, die Jugendtheatergruppe Aktive Player NK und die Erwachsenentheatergruppe Kiezklub. Nicht als pädagogisches Hilfsangebot von oben herab, sondern aus einer künstlerischen und politischen Einsicht heraus: Wer in einem solchen Kiez Theater macht, bleibt nur relevant, wenn er sich von den Lebensrealitäten der Nachbarschaft verändern lässt. Nicht top-down die Türen aufschließen, sondern bottom-up politisch wach bleiben – darin liegt der Unterschied.

Delisha Garmon arbeitet seit rund einem halben Jahr im Leitungsteam des Heimathafens. Sie beschreibt, was sie vorgefunden hat: die bewusste Abkehr von der Fixierung auf klassische Theaterformate. Den Willen, nicht nur fertige Produktionen zu zeigen und damit ein kalkulierbares Publikum zu bedienen, sondern die Nachbarschaft einzubinden – ihren Alltag, ihre Probleme, ihre politischen Erfahrungen: Immerhin gibt es den Kiezklub seit zwei und die Active Player sogar schon seit 17 Jahren.

Garmon möchte aber noch besser zuhören als in der Vergangenheit. Nicht nur nach außen, sondern auch nach innen. Sie spricht von Awareness-Arbeit im Team und im Umgang mit Gruppen, die ins Haus kommen. Und davon, nicht nur Menschen ins Theater zu holen, sondern selbst rauszugehen. Das ist es, was sie dem Heimathafen gern hinzufügen würde: einen künstlerischen Beirat initiieren, der gezielt nach existierenden Formaten sucht – und nach Gruppen, die am Heimathafen gut funktionieren könnten. Der Anspruch: nicht über den Kiez zu sprechen, sondern mit ihm.

Spielen ohne Druck

Garmon sitzt im Foyer des Heimathafens an einem großen Holztisch. Über den Köpfen hängen schwere Kronleuchter, die den Raum in warmes Licht tauchen, wie um gegen den kalten Wintertag draußen anzustrahlen. Hier sind alle für die taz zusammengekommen: Garmon, Leute von der Theatergruppe, Mitarbeitende – und hier wird weitergeredet über das, was im Proberaum mit den Jugendlichen begonnen hat.

Valentina Leone ist 20 Jahre alt und seit sechs Monaten Teil der Active Player. Sie ist aus Köln nach Berlin gekommen und suchte einen Ort zum Spielen – ohne Casting, ohne Leistungsdruck. Am Heimathafen, sagt sie, „kann man über alles sprechen, was einen bewegt“, auch wenn es thematische Vorgaben gebe.

Das aktuelle Stück der Gruppe feiert am 6. Februar Premiere und heißt „Wie kann ich dir helfen, Habibi?“. Der Titel rund ums Thema künstliche Intelligenz stand von Anfang an fest, alles andere entwickelte sich aus der Gruppe heraus. 14 Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 13 und 26 Jahren arbeiten daran – und sprechen dabei manchmal wie im ausgelagerten Proberaum lieber über Krieg und Depression als über KI. Manche der Jugendlichen kommen aus Neukölln, andere aus anderen Bezirken. Unterschiedliche kulturelle Hintergründe, unterschiedliche Biografien – aber ein gemeinsamer Raum.

In einem Stadtteil mit wenigen nichtkommerziellen Jugendorten ist das politisch relevant. Hier wird nicht nur Theater gemacht, sondern Alltag verhandelt: Freundschaft, Streit, Loyalität, Verlust – oft näher an der Lebenswirklichkeit als an jedem abstrakten Oberthema.

Ein Schutzraum, kein Schonraum

Während Leone von der Arbeit in der Gruppe erzählt, hört Mohammad Eliraqui zu. Er ist seit sieben Jahren am Haus, zuerst als Schauspieler, inzwischen als Regisseur der Jugendtheatergruppe. Was Leone beschreibt, kennt er aus vielen Durchgängen. Er beschreibt den Heimathafen als „Rückzugsort, Ventil, eine Art Zuhause“. Viele kämen zunächst nur zum Zuschauen. Manche wollten anfangs gar nicht schauspielern. Dann blieben sie.

Seine Aufgabe sieht er weniger im Inszenieren als im Ermöglichen. „Ich stelle ein Gerüst auf“, sagt er, bringe Ideen ein – vieles komme aus der Gruppe selbst. Es gehe darum, dass Menschen sich öffnen können. Ohne Hierarchien. Auf Augenhöhe.

Eliraqui widerspricht der Vorstellung, solche Orte würden Jugendliche in einer Blase halten. Viele gingen weiter, in Film, Theater oder andere Berufe. Manche kämen immer wieder zurück, sagt er, so wie Wael Alkhatib, der für seine Rolle als einer der Jugendlichen aus der Gropiusstadt in Daniel Wnendts Romanverfilmung „Sonne und Beton“ ausgezeichnet wurde. Am Abend im ausgelagerten Proberaum war er einfach nur einer der Jugendlichen im Heimathafen Neukölln.

Faulheit als politische Gegenrede

Während die Jugendlichen noch proben, ist der Kiezklub im Heimathafen Neukölln bereits einen Schritt weiter. Wegen der bevorstehenden Premiere am Freitag finden die Proben inzwischen auf der Studiobühne statt – dort, wo das Stück auch aufgeführt werden wird.

In „Müßiggangster“ geht es ebenfalls um Biografisches, diesmal um Arbeit und Faulheit – aber nicht als Klamauk, sondern als präzise gesetzte Kritik an der politischen Gegenwart. Die Szene, an der sie arbeiten, als das Gespräch im Foyer endet, ist eine Art Einführung: Wie man richtig nichts tut. Gammeln. Lümmeln. Verweilen. Chillen. Trash-TV gucken, in Schubladen wühlen. Snacks oder Spaßgetränke in Griffweite bereithalten. Für Fortgeschrittene: Wolken beobachten.

Diese Szene entsteht nicht beiläufig, das wird schon nach wenigen Minuten klar. Sie wird immer wieder geprobt, geschärft, neu justiert. Die Dar­stel­le­r*in­nen arbeiten hart daran, den übermäßig ernsten Ton und die geleckte Ästhetik von Youtube-Tutorials und Coaching-Workshops einzubringen: mal ruhig, erklärend, einfühlsam, mal überschwänglich und motivierend. Zwischenrufe aus dem Publikum werden aufgenommen, eingearbeitet, Weg vom Zuschauen, hin zum Aushandelnweitergedacht. Am Ende wirkt das Ganze tatsächlich wie eine Anleitung zum Faulsein aus dem Hochglanzprospekt.

Das ist witzig, sarkastisch. Und sehr genau. Denn unter der humorvollen Oberfläche liegt eine klare Setzung: eine Antwort auf Debatten, in denen von angeblicher Arbeitsverweigerung die Rede ist. Die Realität vieler der Beteiligten hier sieht anders aus. Sie arbeiten viel, übernehmen Verantwortung und werden schlecht bezahlt – in der Pflege, im Care-Bereich, an Universitäten.

Kultur als soziale Infrastruktur

Die Dar­stel­le­r*in­nen wurden nicht wegen Bühnenerfahrung ausgewählt, sondern wegen ihrer Lebensrealität, erklären die Regisseurinnen Margret Schütz und Sophia Maria Keßen in einer Probenpause. Was hier entsteht, ist kein pädagogisches Mitmachtheater, sondern eine künstlerisch ernst zu nehmende Auseinandersetzung mit der Frage, wer in dieser Gesellschaft eigentlich als „leistend“ gilt – und wer übersehen wird. „Im Grunde wollten wir eine Gegenrede zu Friedrich Merz entwerfen“, sagen sie.

Man könnte also sagen: Der Applaus bei der Premiere am Freitag ist sicher. Viele der Menschen, die hier auf der Bühne stehen und auch jene, die das Stück sehen werden, verdienen wenig mehr als die frühere Grundsicherung und arbeiten längst überm Limit. Für sie muss die bevorstehende Einführung der neuen Grundsicherung mit ihren verschärften Sanktionslogiken wie ein Hohn wirken. Ausgerechnet jene, die ohnehin kaum noch können, werden nun auch noch politisch unter Generalverdacht gestellt.

Die Mitmachformate des Heimathafens Neukölln lösen keine sozialen Probleme wie steigende Mieten. Aber sie schaffen etwas, das in einem Stadtteil wie Neukölln auch deshalb immer knapper wird: Räume für Selbstwirksamkeit, Austausch und Sichtbarkeit, in denen kreativ gearbeitet wird – ernsthaft, differenziert, mit Anspruch. So entstehen hier Theaterstücke, die aktuelle Fragen der Zeit verhandeln und weit über den Kiez hinaus interessieren sollten.

Und übrigens: Es ist wird die wenigsten wundern, dass der Heimathafen diese Arbeit unter prekären finanziellen Bedingungen leistet, in Zeiten, wo in dieser Stadt Kultur vor allem kaputtgespart wird. Das Haus finanziert die Formate von Jahr zu Jahr neu, streckt Fördermittel vor, versucht, Querfinanzierungen zu finden.

Die mageren Eintrittsgelder decken gerade so Technik, Verwaltung, Organisation. Gagen für die jungen Lai­en­dar­stel­le­r*in­nen gibt es deshalb keine, für die älteren nur Aufwandsentschädigungen. Gut, dass ihre Anleitung zum Faulsein in Wahrheit eine Anleitung zum Durchhalten ist.

Das Stück „Müßiggangster“ vom Kiezklub hat am Freitag um 19 Uhr Premiere, das Stück „Wie kann ich dir helfen, Habibi?“ von Active Player NK am 6. Februar um 19 Uhr. www.heimathafen-neukoelln.de

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