Tagebuch aus Sachsen: Mit vier Katzen von Dschinghis Khan geweckt
Unser Autor ist von Russland nach Deutschland gekommen. Gut ist, dass er eine Wohnung bekam. Schlecht sind Musik und Fahnen.
I ch sitze auf einem Koffer im Vorraum eines Nahverkehrszugs irgendwo in der Nähe von Nürnberg. Ich bin gerade mit zwei 25-Kilo-Koffern, einem Rucksack, einer Tasche und einer Tragetasche mit zwei Kätzchen über zehn Bahnsteige gerannt, um meinen Anschlusszug zu erreichen, der nur vier Minuten später abfährt. Aus dem Rucksack, den ich vor der Brust trage, schaut eine Katze hinaus. Sie atmet schwer, streckt die Zunge heraus, ihr Fell klebt an meinen Händen und bildet kleine Knäuel, und wenn ich sie berühre, fängt sie an zu kämpfen und zu fauchen.
Meiner Katze geht es schlecht: Ich habe Angst, dass sie einen Sonnenstich bekommt und es nicht bis zu der kleinen Stadt in Sachsen schafft, in die ich und meine Freundin versetzt wurden. Ich habe Angst, dass das Gleiche auch meinen drei anderen Katzen passiert, die in zwei weiteren Transportboxen sitzen. Obwohl sie auch schwer atmen und überhitzt sind, scheint es, als würden sie es schaffen.
Ich bin Russe. Journalist. Es ist mein erster Tag in Deutschland. Genauer gesagt, sind es die ersten 14 bis 15 Stunden meines zweiten Aufenthalts in etwas mehr als drei Jahren, seit ich wegen des Krieges aus Russland in die georgische Hauptstadt Tbilsi geflohen bin.
Seit Mitternacht bin ich auf den Beinen: Ich war zum Flughafen gefahren, hatte Angst, die Grenze zu passieren, auch wenn es nicht die russische war, wartete auf den Abflug, stieg ins Flugzeug – und freute mich sehr, als ich durch das Fenster die grünen Felder sah. Aber der Zug vom Flughafen München zum Bahnhof hatte 40 Minuten Verspätung – das warf meinen ganzen Zeitplan durcheinander, ich verpasste den nächsten Zug. Meine Tickets waren ungültig.
Das Glück und die Hilflosigkeit
Ich glaube, ich hatte Glück, dass ich nicht allein umgezogen bin, sondern mit meiner Freundin. Zusammen ist es leichter, aber jetzt steht sie auf einem der endlos erscheinenden Bahnsteige des Münchner Bahnhofs, und Tränen der absoluten Hilflosigkeit laufen ihr über die Wangen, gemischt mit dem Gefühl, dass sie, egal wie sehr sie sich auch bemüht, ihr Ziel nicht erreichen wird.
Wir hatten wieder Glück. Im Gegensatz zu vielen meiner Bekannten und Freunde wurden wir nicht in einem Flüchtlingsheim untergebracht, sondern erhielten eine Sozialwohnung.
Nach zweimal Umsteigen und 18 Stunden aktiver Fortbewegung gelang es uns schließlich, unsere Stadt zu erreichen. Wir wurden von freundlichen Sozialarbeiterinnen empfangen und auf Wohnungen verteilt. Meine Freundin nahm zwei Kätzchen mit, und ich nahm die beiden anderen Katzen. Als wir die Treppe des Sozialwohnungsgebäudes hinauf gingen, sah ich durch das Fenster eines der Flure die Flagge der AfD stolz wehen.
Ich bezog mein Zimmer: Ich bekam die Schlüssel, eine Tüte mit Lebensmitteln und man zeigte mir mein Bett und die Bettwäsche. Ich war sehr dankbar für diesen Empfang. Als ich allein war, war es schon spät. Ich räumte lange meine Sachen auf und lag dann auf dem Bett und dachte, dass dies bereits mein zweiter „Neuanfang“ in einem neuen Land war, in dem ich für immer bleiben wollte, wenn schon nicht für immer, dann zumindest für lange Zeit.
Allmählich schlief ich ein, hörte aber noch, wie sich die Nachbarn (die stolz eine Fahne hissten) im Hof versammelten, etwas besprachen und lachten. Ein paar Stunden später – es muss gegen ein oder zwei Uhr morgens gewesen sein – wachte ich auf, weil vor meinem Fenster ein Lied gespielt wurde: „Moskau, Moskau, wirf die Gläser an die Wand / Russland ist ein schönes Land, ho-ho-ho-ho-ho, hey!“
Willkommen in Deutschland.
Ivan Zilov ist ein Journalist aus Russland und ehemaliger Teilnehmer eines Osteuropa-Workshops der taz Panter Stiftung.
Aus dem Russischen von Tigran Petrosyan.
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