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Tagebuch aus Lettland„Ach, schon wieder die aus der Ukraine“

Wenn Familien vor dem Krieg fliehen, müssen ihre Töchter und Söhne auf Schulen, in denen nicht nur die Sprache fremd ist. Oft begegnen sie dort Hass.

M eine Tochter besuchte eine Schule in der lettischen Kleinstadt Tukum, nicht weit von der Ostsee. Dort, im Baltikum, hatten wir uns nach unserer Ankunft im April 2022 niedergelassen.

Unser Zuhause liegt in der Ostukraine, an der Frontlinie. Von dort bin ich mit meinen zwei Kindern nach Lettland geflohen, aus Sicherheitsgründen. Um ihr Abitur zu machen, musste mein Tochter noch drei Jahre lang eine lettische Schule besuchen.

Von Natur aus eher wortkarg zog sich meine Tochter nach dem Wechsel in die neue Schule noch mehr in sich zurück. Ich redete mir ein, dass die Eingewöhnungsphase in der Schule schwierig sei. Aber der Grund lag ganz woanders.

Meine Tochter wurde sogar aus dem Klassenchat entfernt

Meine Tochter kam nach Hause und beschwerte sich: Sie fühle sich ignoriert von ihren Klassenkamerad:innen. „Manchmal werde ich nicht zu gemeinsamen Aktivitäten eingeladen oder meine Bitten, zusammenzuspielen, werden ignoriert“, erzählte sie. Sie wurde sogar aus dem Klassenchat entfernt. Und schon mehrmals hat sie den Satz gehört: „Ach, schon wieder die aus der Ukraine.“

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Woher kommt der Hass?

Nach offiziellen Angaben besuchen derzeit 4.357 aus der Ukraine geflüchtete Kinder lettische Schulen. Sie kamen infolge des von Russland begonnenen Krieges nach Lettland.

Als Mutter und Journalistin begann ich mich dafür zu interessieren, wie wohl oder unwohl sich Kinder aus der Ukraine in den lettischen Schulen fühlen. Fälle von Mobbing gegen ukrainische Kinder sind keine Seltenheit, fand ich heraus. Fast immer hängen sie mit ethnisch motivierter Intoleranz zusammen. Und sie können sehr brutal sein.

Maria, die derzeit eine Schule in Riga besucht, erzählte mir, dass ihr das erste Schuljahr besonders schwergefallen sei. „Das war in der Schule in Jūrmala. Die Kinder warfen mir Knallkörper vor die Füße und sagten, das seien Bomben. Danach rannten sie davon, während ich mir Kopfhörer aufsetzte und weinte.“ Später zog Marias Familie nach Riga, wo das Mädchen eine andere Schule besuchte.

Alternative Fernunterricht

Allerdings lassen nicht alle ukrainischen Familien in solchen Fällen ihre Kinder an lettischen Schulen. Viele melden sie für den Fernunterricht an ukrainischen Schulen an. Die Ukraine ist sehr daran interessiert, die Jugendlichen im eigenen Bildungssystem zu halten und bietet dafür zahlreiche Möglichkeiten an. Außerdem schicken Eltern ihre Kinder in lokale ukrainische Bildungszentren. In Lettland gibt es zwei davon, beide befinden sich in Riga.

„Ein Lehrer an einer Schule in Riga hasste meinen Sohn regelrecht und fragte ihn praktisch in jeder Unterrichtsstunde, wann er endlich in die Ukraine zurückkehren würde, um dort beim Militär zu dienen“, erzählt Elena über den Grund für die Versetzung ihres Sohnes in eines der ukrainischen Bildungszentren. Jetzt besucht ihr Sohn gerne den Unterricht, seine Leistungen haben sich verbessert, berichtet mir die Mutter.

In Regionen Lettlands mit einem hohen Anteil russischsprachiger Bevölkerung kommt es immer wieder zu Spannungen – auch an Schulen. Betroffene berichten von gezieltem Mobbing gegen ukrainische Kinder. Russische Schü­le­r:in­nen beleidigen sie als „Schweine“, rufen „Slawa Rossii“ („Ruhm für Russland“) und singen demonstrativ die russische Hymne. In einigen Fällen greifen die Behörden ein: Die Polizei ermittelt, teils wird auch der lettische Staatssicherheitsdienst eingeschaltet.

Meine Tochter hat es geschafft: Sie hat die Schule abgeschlossen und studiert jetzt. Doch Erleichterung bringt mir das nicht. Mein jüngerer Sohn ist acht Jahre alt und gerade eingeschult worden.

Oksana Puhachova wurde im ukrainischen Charkiw geboren. Seit Beginn des russisch-ukrainischen Krieges lebt sie mit ihrer Familie in Lettland. Sie arbeitet für lettische Medien wie lsm.lv und chayka.lv sowie für estnische Medien, etwa Estonian Radio 4. Sie hat sich auf soziale Themen vor dem Hintergrund der Kriegshandlungen in der Ukraine spezialisiert.

Aus dem Russischen von Tigran Petrosyan.

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