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Tag des BibersBaukünstler ohne Genehmigung

Während Niedersachsens Politik über Entschädigungen streitet, schafft der Biber Fakten – die wir uns im Klimawandel eigentlich teuer erkaufen müssten.

Baut Landschaft so um, dass die Biodiversität steigt und viel mehr Kohlendioxid gespeichert wird: Ein Biber kaut einen Erlenzweig Foto: Patrick Pleul/dpa

Niedersachsen investiert Millionen in Renaturierungsprojekte, engagiert Planungsbüros für den Hochwasserschutz und diskutiert in Ausschüssen über die Wiederbelebung von Mooren. Dabei gibt es ein putziges Tier, das all diese Aufgaben quasi im Vorbeigehen erledigt – unentgeltlich und ohne langwierige Genehmigungsverfahren, aber eben nicht immer dort, wo es der Katasterplanung genehm ist.

Dass der Biber als „Schlüsselart“ aktiv und permanent Lebensräume umgestaltet und dabei Aufgaben übernimmt, die technisch kaum zu ersetzen seien, darauf wies der Naturschutzbund (Nabu) in Niedersachsen in einer Stellungnahme zum internationalen Tag des Bibers am Dienstag hin.

Wir erleben eine Debatte, die die Potenziale des Bibers weitgehend ausblendet.

Lamin Neffati, Sprecher Nabu Niedersachsen

„Wir erleben eine Debatte, die die Potenziale des Bibers weitgehend ausblendet“, mahnt Nabu-Sprecher Lamin Neffati. Statt die Rückkehr des Bibers als Chance zu begrüßen, dominierten derzeit Konfliktdebatten und der Biber werde häufig nur als Störfaktor wahrgenommen.

Stattdessen müsse die Politik die nachgewiesene Fähigkeit zur Renaturierung von Gewässerlandschaften anerkennen. Denn der Biber ist einer der wirkungsmächtigsten Ökosystem-Ingenieure hierzulande. Durch den Bau von Dämmen entstehen Feuchtgebiete, Teiche und strukturreiche Auenlandschaften, die als natürliche Puffer fungieren. Sie speichern Wasser in der Fläche, fördern die Versickerung und verlangsamen den Abfluss bei Starkregen – eine kostenlose Infrastrukturmaßnahme gegen die Folgen der Klimakrise sozusagen.

Zugleich verbesserten die Nager die Wasserqualität durch Filterprozesse in den Staubereichen und kurbelten die Grundwasserneubildung an, betont der Nabu. Neffati kritisiert, dass die aktuelle politische Debatte sich jedoch auf Schadensberichte, Entschädigungsforderungen und mögliche Eingriffe in die Population versteife.

Debatte ist oft auf Reibungspunkte reduziert

Tatsächlich ist die öffentliche Wahrnehmung oft auf die Reibungspunkte reduziert. In den Landkreisen Emsland und Leer zum Beispiel beklagen sich Land­wir­t:in­nen über untergrabene Wirtschaftswege und instabile Deichabschnitte.

Der Bäue­r:in­nen­ver­band Landvolk Niedersachsen fordert deshalb „praxisnahe Lösungen“, was in der Verbandssprache oft eine leichtere „Entnahme“ – also den Abschuss – oder die Zerstörung von Dämmen bedeutet, sobald wirtschaftliche Interessen berührt sind. Land­wir­t:in­nen fühlen sich mit den Kosten für vernässte Flächen und Ernteausfälle allein gelassen.

Einen speziellen „Biber-Fonds“ für pauschale Entschädigungsleistungen wird es trotz des Drucks aus der Agrarlobby aber vorerst nicht geben, stellte das Ministerium klar. Stattdessen setzt das Land auf Einzelfallprüfungen und technische Präventionsmaßnahmen. Dennoch bleibt die Akzeptanz in betroffenen Regionen eine Herausforderung.

Land versteht den Biber als Partner

Das „Handlungskonzept Biber“ des niedersächsischen Umweltministeriums, das Umweltminister Christian Meyer (Grüne) im August 2025 auf den Weg brachte, begreift den Biber dabei ausdrücklich als Partner, um Wasser in der Landschaft zu halten. Das Land setzt deshalb bislang vor allem auf technisches Koexistenz-Management.

Ein zentrales Instrument sind hierbei sogenannte „Bibertäuscher“: spezielle Rohrsysteme, die durch den Biberdamm verlegt werden, um den Wasserspiegel auf ein für den Menschen erträgliches Maß abzusenken – meist auf rund 60 bis 80 Zentimeter.

Der Einlauf des Rohres wird mit einem großen Drahtkorb gesichert, sodass der Biber das Geräusch des abfließenden Wassers nicht orten kann und das „Leck“ nicht instinktiv verbaut. So bleibt das Revier für das Tier attraktiv, während der angrenzende Acker oder Weg nutzbar bleibt. Ergänzt werden solche Maßnahmen durch Verbissschutz, Elektrozäune oder Ablenkfütterung.

Biber helfen, Kohlendioxid zu speichern

Dass der Biber ein ökologischer Motor ist, ist kein bloßer Wunschtraum von Umweltschützer:innen. Auch eine aktuelle internationale Studie mit Beteiligung der Universität Bern belegt das: Von Bibern geschaffene Feuchtgebiete speichern bis zu zehnmal mehr Kohlenstoff als vergleichbare Landschaften ohne Biberaktivität. Sie sind nicht nur für Libellen, Amphibien und seltene Fischarten überlebenswichtig, sondern fungieren auch als langfristige Kohlenstoffsenken und produzieren deutlich mehr Biomasse.

Auch ein Fachbericht des Schweizer Bundesamts für Umwelt (Bafu) aus dem vergangenen Jahr rehabilitiert den Biber als „wirkungsvollen Partner für lebendige Gewässer“ und fordert mehr Raum für dessen natürliche Dynamik: Die Tiere verbessern nicht nur die Biodiversität, sondern leisten einen messbaren Beitrag zum Klimaschutz und zum Wasserrückhalt – genau die Ziele, die Niedersachsen mit Millioneninvestitionen in Moor-Wiedervernässung und Renaturierung verfolgt.

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