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TäterarbeitWas wirklich gegen männliche Gewalt hilft

Durch Strafen alleine lässt sich Gewalt nicht bekämpfen. Wie Männer lernen können, Verantwortung zu übernehmen und ihr Verhalten zu ändern.

Mehrere Tausend Menschen nehmen an einer Demonstration gegen patriarchale Gewalt teil, am 28. März 2026 in Köln Foto: Christoph Hardt/imago

Wenn wir sexualisierte Gewalt öffentlich debattieren, fordern viele schnell härtere Strafen für Täter. Mehr Gesetze, höhere Haftstrafen, mehr Polizei. Und damit auch mehr Macht für den Staat, der gefälligst seine Bürgerinnen schützen solle.

Carceral Feminism“ nennt sich diese Form des strafenden Feminismus, der Betroffenen vor allem über Staat und Justiz zu Gerechtigkeit verhelfen will. In manchen Fällen ist Strafverfolgung sinnvoll und erfüllt auch eine abschreckende Rolle. Aber in anderen verfehlt es den Punkt – gerade wenn es darum geht, patriarchale Strukturen wirklich aufzubrechen.

„Wenn Gewalt als Verhalten erlernt ist, kann man es verlernen“, sagt Mario Stahr. Er ist Sozialpädagoge und Vorstandsmitglied bei der Bundesarbeitsgemeinschaft Täterarbeit Häusliche Gewalt (BAG) in Berlin. „Wo man es ziemlich sicher nicht verlernen wird, ist in Haft.“ Die BAG bietet Kurse an, in denen Täter – in Stahrs Einrichtung zu 99 Prozent männlich – lernen, Eskalationen vorzubeugen, Notfallpläne zu erstellen, die Perspektive der Frau zu verstehen und verschiedene Formen der Gewalt zu erkennen.

Viele dieser Menschen wissen nicht, wo Gewalt beginnt. „Der sogenannte Versöhnungssex kann dazugehören“, sagt Stahr. Es komme zu einer Eskalation, man beruhige sich wieder, und versuche dann durch körperliche Nähe zu zeigen, dass es einem leid tue. „Die Frage ist: Wie freiwillig ist das Ganze?“ Solche auf den ersten Blick kleineren Grenzüberschreitungen passieren permanent.

Um an einem Kurs der BAG teilnehmen zu können, müssen Täter Verantwortung für ihr Handeln übernehmen, anerkennen, dass das, was sie getan haben, Gewalt war. Und sie müssen ihr Verhalten ändern wollen. Diejenigen, die dazu nicht bereit sind, werden weggeschickt. „Täter“, das sei ein juristischer Begriff, sagt Stahr. Er bevorzuge den Begriff „Gewalt ausübende Person“.

Patriarchale Gewalt wird früh gesät, das zeigt die Täterarbeit. Ausnahmslos alle Gewalt ausübenden Menschen, die Stahr in den Kursen trifft, haben – meist schon in ihrer Kindheit – selbst Gewalt erlebt. „Das Erlebte ist wie eine Pflanze, die wächst und gedeiht, man kann also gar nicht früh genug mit Prävention ansetzen.“ Bei der Bekämpfung patriarchaler Gewalt geht es also auch darum, schon Kinder zu schützen – und gerade jungen Familien finanzielle, räumliche und emotionale Ressourcen zur Verfügung zu stellen.

Was hätte ich anders machen können?

Die Täterarbeit setzt erst an einem späteren Punkt an und soll gewährleisten, dass Gewalt ausübende Personen richtig aufgefangen und im besten Fall rehabilitiert werden. Sie ist Teil einer sozialen Anti-Gewalt-Struktur in Deutschland, zu der auch Frauenberatungsstellen, Frauenhäuser oder der Jugendschutz gehören.

In den Kursen reflektieren die Männer ihre Gewalt, lernen sie zu verstehen, hundert Prozent Verantwortung dafür zu übernehmen und sie dann zu verändern. In Einzelgesprächen wird die persönliche Geschichte besprochen und das Risiko, das vom Täter ausgeht, eingeschätzt. Oft wird die Partnerin eingeladen, um ihre Perspektive mit einzubinden.

Anschließend folgen Gruppensitzungen, in denen die Kursbesucher miteinander lernen, wo Gewalt beginnt, und wie sich Situationen deeskalieren lassen. Dazu werden auch konkrete Situationen aus dem Alltag der Teilnehmer rekonstruiert. Gemeinsam besprechen sie: Wie habe ich mich da gefühlt? Was hätte ich anders machen können? Wie bin ich in die Situation gekommen? Dass andere Männer Teil des Weges sind, hält Stahr für wichtig. „Sie verstehen dann besser: Ich bin damit nicht alleine. Anderen geht es auch so und mit diesen anderen kann ich mich darüber austauschen.“

So sehe das Standardprogramm aus – wenn sie denn in der Lage seien das umzusetzen. Aber schon vor der aktuellen Kürzungspolitik fehlten der Anti-Gewalt-Arbeit Mittel. Frauenhäuser sind für Betroffene oft viel zu weit entfernt und somit nicht in den Alltag integrierbar. Und selbst wenn sie gut erreichbar sind, sind sie oft ausgelastet. Auch der Kurs in der Einrichtung, bei der Stahr arbeitet, kann nur einmal jährlich stattfinden, da es an Personal fehlt.

Einfach wegesperren lässt sich patriarchale Gewalt nicht

„Es gibt noch so Vieles zu tun, um etwas Grundlegendes an patriarchalen Strukturen zu ändern“, sagt Stahr. „Und ganz ehrlich: Bei der politischen Stimmung, die derzeit in unserem Land spürbar ist, wird das nicht einfacher.“ An den steigenden Zahlen derer, die freiwillig den Kurs besuchen, merke man jedoch auch, dass es in den letzten Jahren gesellschaftliche Veränderungen gegeben habe.

Patriarchale Gewalt zu durchbrechen, ist nicht leicht. Dafür braucht es Unterstützung für Kinder, die Gewalt erleben und diese später reproduzieren könnten. Es braucht Männer, die Verantwortung übernehmen, die Fehlverhalten an ihren Freunden erkennen und dagegen laut werden.

Es braucht finanzielle Mittel, um Orte zu unterstützen, die versuchen, Gewaltspiralen aufzubrechen. Es braucht eine öffentliche Debatte, die nicht nur dann stattfindet, wenn Prominente betroffen sind. Und es braucht Solidarität mit Frauen und anderen Betroffenen. Denn einfach wegsperren lässt sich patriarchale Gewalt nicht.

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