Superstars bei der Fußball-WM: Zu groß für das Spiel
Lionel Messi, Kylian Mbappé und Erlin Haaland werden nach ihren ersten WM-Einsätzen gefeiert. Dass Fußball ein Teamsport ist, geht da glatt unter.
Komische Spiele müssen das gewesen sein. Das mag sich fragen, wer nach dem 6. Spieltag dieser Weltmeisterschaft nicht viel mehr mitbekommen hat die großen Schlagzeilen. Die gehörten drei Spielern. Dem norwegischen Sturmbullen Erling Haaland, dem französischen Phänomen Kylian Mbappé und dem ewigen Argentinier Lionel Messi.
Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.
Das haben sie sich gewiss redlich verdient. Haaland und Mbappé haben je zweimal getroffen. Messi hat sogar drei Tore geschossen. Aber gegen wen eigentlich und mit wem? Alleine werden sie ja wohl kaum auf dem Platz gestanden haben, auch wenn das manch Hymne auf die Edelkicker fast schon hat vermuten lassen. Deshalb hier nochmal zur Orientierung: Frankreich hat gegen Senegal mit 3:1 gewonnen, Norwegen hat den Irak mit 4:1 besiegt und Argentinien hat Algerien 3:0 geschlagen.
Sonst noch was außer Messi, Mbappé und Haaland? Eigentlich jede Menge. Aber dass Fußball immer noch eine Teamsportart ist, geht beinahe unter bei all dem Hype um die Superstars der Szene, die nicht nur zu sehen sind, wenn sie auf dem Feld stehen, sondern in beinahe jeder Werbepause in irgendeinem Spot über die Bildschirme laufen. Aber war wirklich zum Zungeschnalzen, was die drei kickenden Werbeikonen am Dienstag zusammengespielt haben?
Kylian Mbappés 1:0 war gewiss ein wunderschönes Tor. Das lag indes weniger an dem Stürmer selbst, sondern an dem irrwitzigen Steckpass, mit dem ihn Michael Olise auf den Weg in den Strafraum geschickt hat. Der wurde nach dem Spiel völlig zu Recht als Spieler der Partie von der Fifa ausgezeichnet, aber in die großen Schlagzeilen hat er es nicht geschafft. Und Mbappés zweiter Treffer? Der Fernschuss war schön anzusehen. Das fand der senegalesische Torhüter Edouard Mendy offenbar auch und ließ den Ball höflich passieren.
Fremde Hilfe
Und Erling Haaland? Dem gebührt gewiss Ehre für sein 1:0. Dass es nach der vielleicht einzig wirklich schönen Kombination der Norweger im ganzen Spiel fiel, dass es ohne das Zusammenspiel von Alexander Sørloth, Antonio Nusa und David Møller Wolfe nicht möglich gewesen wäre, ist am Tag nach dem Spiel kein Thema mehr. Da wird vielleicht noch erwähnt, dass Haaland zweites Tor ohne die freundliche Unterstützung des irakischen Torhüters Jalal Hassan nicht fallen hätte können. Dass Norwegen dann noch zwei Tore geschossen hat? Egal. Und wer sie geschossen hat? Wurscht.
Und dann ist da ja noch Lionel Messi. Der ist mit seinen nun 38 Lebensjahren endgültig zum Superduperrekordmann geworden. Bei sechs Weltmeisterschaften hat er nun gespielt. Das gab’s noch nie. Und er hat jetzt 16 Tore bei Weltmeisterschaften erzielt, so viele wie der Deutsche Miroslav Klose. Besser war niemand. Davor kann man gewiss nicht genug Respekt haben. Und doch sollte man vielleicht nicht unerwähnt lassen, dass zwei seiner drei Tore nie und nimmer gefallen wären, wenn der algerische Torhüter Luca Zidane nicht einen solch rabenschwarzen Tag erwischt hätte.
Und wenn man’s ganz genau nimmt, dann hätte Messi gar keine drei Tore erzielen dürfen. Mit offener Sohle hatte er in der 31. Spielminute Algeriens Kapitän Aïssa Mandi von hinten in die Wade getreten, ein Foul, für das es nur eine Strafe geben kann: die Rote Karte. Doch Schiedsrichter Szymon Marciniak ließ Messi auf dem Platz. Auch die Videoschiedsrichter griffen nicht ein, obwohl das nach Marciniaks Gnadenakt angebracht gewesen wäre. Wäre Messi auf ähnliche Art gefoult worden, sein Gegenspieler hätte mit großer Wahrscheinlichkeit umgehend den Platz verlassen müssen.
Gelten bei Messi andere Maßstäbe? Nein, hier soll keine Verschwörungstheorie ausgebreitet werden. Da steckt gewiss kein finsterer Plan der sonst so finsteren Fifa dahinter. Aber wenn sich die Schiedsrichter angesichts eines Überfußballers fragen, ob es ihnen wohl zustehe, diesen vom Platz zu verweisen, wäre das nur allzu menschlich. Manchmal sind die Superstars einfach zu groß für den Fußball.
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