Studierende auf Wohnungssuche: 2 Euro für 10 Minuten warm duschen
Zu Semesterbeginn ist der Druck auf dem Hamburger Wohnungsmarkt hoch. Studierende berichten von überteuerten WG-Zimmern und weiten Anreisen zum Campus.
A ls die Studentin den Münzautomaten an der Wand ihres Badezimmers gesehen hatte, war der Mietvertrag schon unterschrieben, erzählt Benedikt Pfeiffer, Sozialreferent des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) der Uni Hamburg. Der 22-Jährige sitzt an einem Tisch im Infocafé des AStA, neben ihm steht sein aufgeklappter Laptop.
Auf dem Bildschirm ist ein Foto geöffnet. Das Bild zeigt ein Badezimmer, an der Wand ist der Münzautomat befestigt. „Bereit“ und „1 x 2 Euro“ stehen auf dessen Bildschirm. Die Erstsemesterstudentin hatte sich in der Woche vor Semesterbeginn an die studentische Beratungsstelle gewandt. Zwei Euro soll sie nach dem Willen ihres Vermieters jedes Mal zahlen, wenn für 10 Minuten warmes Wasser aus ihrem Wasserhahn laufen soll.
Rund 15.000 Erstsemesterstudent:innen fangen jedes Jahr in Hamburg ihr Studium zum Wintersemester an. Kaum ein anderes Thema sei zu Semesterbeginn in ihrer Arbeit so präsent wie die Wohnungssuche, sagt Pfeiffer. Seit drei Monaten ist der 22-Jährige gemeinsam mit Arja Sharma Ansprechpartner des Referats für Soziales beim AStA. Allein in der Woche vor dem Semesterbeginn kontaktierten rund 50 Studierende die Beratungsstelle mit Anliegen rund um das Thema Wohnen. Die Verzweiflung vieler sei dabei zunehmend spürbar.
Wie mental einnehmend die Wohnungssuche sein kann, hat auch der 19-jährige Julius in seinen vergangenen Wochen zu spüren bekommen. Der Student aus Paderborn hat zu diesem Wintersemester sein Studium an der Uni Hamburg begonnen. Seit drei Monaten ist er auf Wohnungssuche. Kaum einen Moment habe es in den letzten Wochen gegeben, in dem das Thema nicht im Hinterkopf des Erstsemesterstudenten gewesen ist. Eine langfristige Bleibe hat er bislang nicht gefunden.
90 Minuten von der Wohnung zum Hörsaal
Laut dem diesjährigen Studentenwohnreport kostet ein WG-Zimmer in Hamburg im Schnitt 734 Euro. Während die Mietpreise in Berlin, Köln oder Stuttgart im studentischen Segment zuletzt sanken, stiegen die Preise in Hamburg weiter an – bei kleiner werdendem Angebot.
Der Hamburger Wohnungsmarkt sei zunehmend zweigeteilt, sagt Pfeiffer. Es gebe einerseits die öffentlich einsehbaren Wohnungsanzeigen, die auf den gängigen Suchportalen angeboten werden. Ein Großteil der Wohnungen werde aber gar nicht darüber, sondern zwischenmenschlich vermittelt, über Vitamin B. Gerade für neu Zugezogene sei es fast unmöglich, eine bezahlbare Wohnung zu finden, die auch nur halbwegs campusnah ist.
Wer teuer wohnt, bezahlt das nicht nur mit Geld. Das Wohnen, so Pfeiffer, stehe in einem engen Zusammenhang mit mentaler Gesundheit. „Wer jeden Tag mehrere Stunden pendelt, Schimmel in der Wohnung hat oder Stress mit der Vermietung, ist oft ebenfalls psychisch belastet,“ sagt Benedikt.
Benedikt Pfeiffer, Sozialreferent des Allgemeinen Studierendenausschusses (Asta) der Uni Hamburg
Dauerbelastet ist auch Colin. Fast 90 Minuten braucht er mit dem ÖPNV von seinem WG-Zimmer in Bergedorf bis in den Hörsaal. Bereits vor einem Jahr zog der 22-jährige Medizinstudent nach Hamburg. Die Wohnungssuche hatte sich zuvor schwierig gestaltet, erzählt er. Er kannte kaum Menschen in der Stadt, im Studierendenwohnheim hatte er keinen Platz bekommen. Schließlich bot ihm ein Freund sein Zimmer zur Nachmiete an.
Eigentlich war dem Studenten die Wohngemeinschaft in Bergedorf am Rande Hamburgs zu weit weg, von der Uni, von den neuen Kommiliton:innen, von einem abendlichen Barbesuch. Doch er fand keine bezahlbare Alternative und nahm das Angebot an. 550 Euro Miete zahlt er seither für das 15-Quadratmeter-Zimmer.
Während Colin nichts anderes übrig bleibt als jeden Tag weiter Anzeigen anzuschreiben, kann das Sozialreferat in Fällen wie bei dem Münzautomaten an die Tür direkt neben dem Infocafé des AStA verweisen. Lukas Bowen, Jurist beim Mieterverein zu Hamburg, bietet in den Räumlichkeiten des AStA jeden zweiten Freitag eine kostenlose Beratung an. Die zweistündige Sprechstunde ist regelmäßig ausgebucht.
Gerade das Vermieten von möbliertem und temporärem Wohnraum sei dabei oft Thema. Laut Mieterverein handelt es sich um eine gängige Praxis, durch die Vermieter:innen die seit 2015 in Hamburg geltende Mietpreisbremse zu umgehen versuchen. Möblierungszuschläge würden es nicht ersichtlich machen, wie sich die Gesamtmiete zusammensetzt. Ein Abgleich mit der ortsüblichen Vergleichsmiete ist folglich schwerer.
In dem 825 Euro teuren WG-Zimmer, in dem der Paderborner Julius nach drei Monaten Suche schließlich für den Oktober untergekommen ist, liegt nicht mehr als eine Matratze. Länger als den einen Monat Mietdauer wolle er ohnehin nicht bleiben, sagt Julius. Der Preis liege weit über seinem Budget. Wo er ab November wohnen wird, weiß er nicht. Für einen Wohnheimplatz stehe er auf der Warteliste.
Auf taz-Anfrage teilte das Studierendenwerk mit, dass – Stand 6. Oktober – 1.472 Bewerber:innen für ein Zimmer ab November auf der Bewerbungsliste stünden. Kurzfristig im Wohnheim ein Zimmer zu erhalten, ist also nicht sonderlich realistisch. Das weiß der 19-jährige Julius auch. „Aber die Hoffnung bleibt,“ sagt er.
Wohngeldpauschale reicht nicht aus
Auch für Colin aus Bergedorf ist die Wohnungssuche nach über einem Jahr noch nicht zu Ende. Auf mehr als 350 Anzeigen hat der Medizinstudent im vergangenen Jahr reagiert, schätzt er. Die meisten Angebote fielen von Beginn an aus seinem Suchradius raus: zu teuer. Die 380-Euro-Wohngeldpauschale, die der Student monatlich vom Bafög-Amt erhält, reichen bereits für seine Miete in Bergedorf nicht aus.
Wie oft Colin im vergangenen Jahr zu einer Wohnungsbesichtigung eingeladen wurde, kann er an einer Hand abzählen. Er ist Person of Colour. Und von Rassismus betroffene Personen haben deutlich schlechtere Chancen auf dem Wohnungsmarkt. Das zeigt eine repräsentative Befragung des Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors aus dem Jahr 2025.
In einem Experiment wurden fiktive Bewerber:innen mit einem deutsch klingenden Nachnamen öfter zu Besichtigungen eingeladen als Menschen mit einem Nachnamen aus der Region des mittleren Ostens und Nordafrika: Einladungsraten von ca. 22 Prozent bei deutsch klingenden Namen standen 16 bis 17 Prozent bei arabisch, türkisch oder afrikanisch klingenden Namen gegenüber. Mehr als jede dritte befragte Schwarze Person gab an, den Zugang zu einer Immobilie aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit verwehrt bekommen zu haben. Unter den nicht rassistisch markierten Personen berichten nur rund fünf Prozent von einer solchen Erfahrung.
Zweimal habe man auch Colin bereits gesagt, dass mit seiner Bewerbung eigentlich alles passen würde, erinnert er sich. Nur sein polnischer Nachname, hörte er dann vom Vermieter: „Der klinge ja nicht so deutsch.“
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