Studie zu Klimafolgen in Peru: Beweis für Klage erbracht

Die Erderhitzung hat das Flutrisiko in einem peruanischen Ort erhöht, zeigt eine Studie. Das könnte dem gegen RWE klagenden Bergführer Lliuya helfen.

Der Bergführer Saúl Luciano Lliuya steht vor dem Palcaraju-Gletscher in Peru

Saúl Luciano Lliuya 2015 vor dem Palcaraju in Peru: Seitdem ist der Gletscher weiter geschmolzen Foto: Cris Bouroncle/afp

Saúl Luciano Lliuya kämpft um die bedrohlich gewordene Heimat. Der Landwirt lebt in Huaraz, einer Stadt im Westen Perus, die sozusagen das Tor zur Cordillera Blanca ist. Viele organisierte Wanderungen in diese höchste Gebirgskette Amerikas beginnen hier, Lliuya arbeitet unter anderem als Bergführer. Die Berge, die zu seiner Existenz beitragen, gefährden sie auch: Der Palcaraju-Gletscher schmilzt direkt in den See Palcacocha hinein. Der droht überzulaufen und damit Lliuyas Haus wie auch viele andere zu zerstören.

Das will Lliuya verhindern beziehungsweise verhindern lassen, nämlich von den Verursachern. Und zu denen gehört, so argumentiert der Peruaner, der deutsche Energiekonzern RWE. Gletscherschmelze sei schließlich eine Folge des Klimawandels, zu dem das Unternehmen maßgeblich beitrage.

Unterstützt von der deutschen Umweltorganisation Germanwatch zog Lliuya vor Gericht und verlangte, dass RWE sich an den Kosten für Schutzmaßnahmen beteiligt. Das war 2015. Nachdem das Landgericht Essen die Klage im Jahr darauf in erster Instanz abgelehnt hatte, beschloss das Oberlandesgericht Hamm 2017 den Einstieg in die Beweisaufnahme. Ein juristischer Durchbruch.

Das entscheidende Beweisstück könnten britische und US-amerikanische Kli­ma­for­sche­r:in­nen mit einer Studie geliefert haben, die am Donnerstag im Fachmagazin Nature Geoscience erschienen ist. Sie haben den menschlichen Fingerabdruck in der drohenden Naturkatastrophe nachgewiesen. „Die Studie zeigt, dass die globale Erwärmung den Rückgang des Palcaraju-Gletschers verursacht und dass das wiederum zu einem erhöhten Flutrisiko geführt hat“, sagt Leitautor Rupert Stuart-Smith, der an der Oxford-Universität promoviert.

Fehlende Glieder der Beweiskette

Eine solche Kausalkette fehlt dem Gericht in Hamm bislang. Grundsätzlich hat es schon bestätigt, dass eine deutsches Firma auch für verursachte Beeinträchtigungen von Fremdeigentum haften muss, wenn es wie RWE nicht gegen geltendes Recht verstoße. Wenn der Konzern belangt werden soll, muss aber eine Spur direkt von den deutschen Kohlekraftwerken zum Gletscher in Peru führen.

Das Problem dabei: Es gibt eben auch natürliche Wetter- und Temperaturschwankungen jenseits des Klimawandels. Die verschiedenen Effekte überlagern sich. Wie ein bestimmter Gletscher reagiert und ob daraufhin die lokale Bevölkerung gefährdet ist, hängt zudem auch von geografischen Faktoren ab.

Genau diese Gemengelage versucht die Attributionswissenschaft aufzuklären, ein relativ junger Zweig der Klimaforschung. Dazu ist das kleinteilige Sammeln lokaler Daten nötig, die in komplexe Computermodelle eingebaut werden.

Stuart-Smith und seine Kol­le­g:in­nen haben sich deshalb auf Spurensuche begeben. Erst einmal haben sie anhand erprobter Klimamodelle des Weltklimarats IPCC überprüft, wie sich die als globaler Durchschnitt bekannte Erderhitzung lokal auswirkt. Von 1989 bis 2018 lagen die Temperaturen in der peruanischen Region durchschnittlich um ein Grad höher als noch 1880. Zu 95 Prozent ist das laut der Studie auf Treibhausgasemissionen der Menschen zurückzuführen.

99-prozentige Wahrscheinlichkeit

Dann haben die Wis­sen­schaft­le­r:in­nen sich genau angeguckt, wie der Palcaraju-Gletscher entstand und sich über die Zeit veränderte. Mit einer 99-prozentigen Wahrscheinlichkeit lässt sich die seit 1880 erkennbare Schmelze der Studie nach nicht allein durch natürliche Effekte erklären. Oder andersherum formuliert: Der Vorgang sei ohne den Klimawandel „praktisch unmöglich“, erklärt Stuart-Smith.

Danach prüften die Forscher:in­nen noch mit zwei verschiedenen Methoden, inwiefern die Gletscherschmelze das Flutrisiko für Huaraz tatsächlich erhöht hat. Das hängt nicht nur von der Wassermenge im See ab, sondern zum Beispiel auch von der Form der Gletscherzunge. Das Risiko sei aktuell „sehr hoch“, nach gleicher Berechnung mit den Bedingungen des 19. Jahrhunderts nur „mittelhoch“. Damit ist die Kette komplett: Die Emissionen haben in Peru die Temperaturen hochgetrieben, zum Schmelzen des Palcaraju-Gletschers sowie zur Füllung des Palcacocha-Sees geführt – und damit ein erhöhtes Flutrisiko verursacht.

Fossile Konzerne weltweit dürften mit Sorge auf die Ergebnisse blicken – vor allem, wenn das Gericht in Hamm sie im Fall von Lliuya vs. RWE als Beweis akzeptiert. Die zu zahlende Summe wäre erst mal recht klein: 17.000 Euro. Das entspricht laut Lliuya und seiner Anwältin Roda Verheyen dem RWE-Anteil an den globalen Treibhausgasemissionen seit der Industrialisierung von 0,47 Prozent. Kommen sie mit der Argumentation durch, wäre aber ein Präzendenzfall geschaffen. Die Haftung für alle von ihnen verursachten Klimaschäden käme viele Firmen teuer zu stehen.

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