Stroh als Baumaterial: Vom Acker in die Wand

Brennt das nicht lichterloh? Stroh für den Hausbau zu nutzen, erscheint ökologisch, aber leichtsinnig. Experten wissen es jedoch längst besser.

Zwei Leute reichen einem dritten einen Strohballen hinauf, der in der Fassade eines neues Hauses verbaut werden soll

Noch ist es eine Nische: Bauen mit Stroh in der Ökosiedlung Sieben­linden in der Altmark Foto: Joerg Boethling/imago

Traditionell wandert Stroh vom Feld in den Stall, wo es in der Tierhaltung zu Mist mutiert. Aber es kann auch noch ein anderes Nachleben erfahren: als Dämmstoff im Wohnungsbau. Derzeit werden die Getreidehalme als ökologischer Baustoff entdeckt.

Wiederentdeckt, muss man sagen. Denn die Technik, Häuser mit Wänden aus gepressten Strohballen zu errichten, ist nicht neu. Schon in den 1930er Jahren wurden im US-Bundesstaat Nebraska auf diese Weise Kirchen und andere Gebäude mit dem nachwachsenden Rohstoff konstruiert. Nicht aus Öko-Faible, sondern weil es im weitflächigen Kornkammerland an Stein und Holz mangelte.

Dirk Scharmer, Architekt

„Im Vergleich zu Industriematerialien ist Stroh eigentlich der Mercedes unter den Dämmstoffen“

Die Bauweise geriet dann aber wieder für Jahrzehnte in Vergessenheit. Bis zur Renaissance in den 70er Jahren, nun mit Umwelttouch. 2002 kam der Bautrend nach Deutschland. Inzwischen wird die Zahl der strohgedämmten Häuser hierzulande vom Fachverband Strohballenbau (FASBA) auf 900 bis 1.500 geschätzt.

Ein Impulsgeber für das Bauen mit Stroh ist das Agrarland Brandenburg. Die Landesregierung will die Nutzung im Rahmen ihrer Bioökonomie-Strategie besonders fördern, was für die beiden zuständigen Fachminister für Wissenschaft und Landwirtschaft, Manja Schüle und Axel Vogel, jüngst der Anlass war, eines der neuesten Strohgebäude in Wustermark (Landkreis Havelland) zu besuchen. „Das nachhaltige und regionale Wirtschaften mit biobasierten Ressourcen verbindet regionale Wertschöpfung mit Klima- und Umweltschutz zur Bewältigung der globalen Herausforderungen“, sagte Vogel in seiner Zuständigkeit als Brandenburger Klimaschutzminister.

Langlebig und unschädlich

Der Lüneburger Architekt Dirk Scharmer hebt die Vorteile strohgedämmter Gebäude im Vergleich zu anderen Bauweisen hervor. Es brauche im Baubereich heute unter ökologischen Gesichtspunkten Materialien, die möglichst langlebig sind und zugleich unschädlich in die Natur zurückgeführt werden können. „Die allermeisten sogenannten modernen, industriellen Baustoffe haben damit aber ein Problem“, erklärt Scharmer.

„Sie hinterlassen häufig schädliche Stoffe und erzeugen große Müll- und Schuttmengen, aber Stroh tut das nicht.“ Industrielle Dämmstoffe mögen zwar in der Anschaffung billiger sein, aber bei Herstellung und Entsorgung sind sie problematisch und im Brandfall sogar extrem gesundheitsschädlich. „Verglichen damit ist Stroh eigentlich der Mercedes unter den Dämmstoffen“, fügt Scharmer an.

Aus Gründen der Ökologie wie auch des Wohnkomforts haben sich auch die Bewohner des sozialökologischen Wohnprojekts wurzeln & wirken in Wustermark für den Baustoff Stroh entschieden. „In dem zu Ballen gepressten Stroh wird Kohlenstoffdioxid aus der Luft langfristig gebunden, statt wie bei anderen Bauweisen zusätzlich emittiert zu werden“, erläutert die ausführende Architektin Friederike Fuchs. „Der zugelassene Baustoff kommt ohne chemische Zusätze aus, ist feuchtigkeitsregulierend und erreicht eine hohe Dämmwirkung“, so die Bauexpertin, die sich in ihrem Architektur- und Planungsbüro STROH unlimited, ebenfalls in Brandenburg angesiedelt, seit 15 Jahren auf Strohgebäude spezialisiert hat. Bei dem Wohnprojekt in Wustermark wurden rund 20 Tonnen Stroh aus dem nahegelegenen Staaken verbaut.

Die fest gepressten Strohballen werden zugeschnitten und zwischen die Fachwerkständer aus Holz eingepasst. Wichtig ist die Verputzung, nach innen aus Lehm, der nicht einfach aufgetragen, sondern feinfühlend in die Halme „einmassiert“ wird. Der längeren Trocknung wegen empfiehlt sich ein Bau im Sommer.

Feuer, Feuchte, Viecher

Und was ist mit Feuer, Feuchte, Viecher? Dies sind die drei häufigsten Einwände gegen das Bauen mit Stroh. Bei fachgerechter Verbauung stelle Stroh „keine größere Brandgefahr dar, verrottet nicht und wird nicht von Nagetieren und Ungeziefer befallen“, fasst eine Anwenderbroschüre des FASBA den bisherigen Erfahrungsstand zusammen.

Die geringe Entflammbarkeit vergleicht Architektin Fuchs mit dem „Telefonbucheffekt“: Obwohl aus Papier, geht der Wälzer nicht gleich in Flammen auf, weil die dicht aufeinanderliegenden Seiten keinen Sauerstoff hineinlassen. Diese Eigenschaft hat den Strohballen im deutschen Baurecht die Einstufung in die Baustoffklasse DIN 4102-B2 („normal entflammbar“) verschafft. Das bedeutet: Die Wand muss einem Feuer mindestens 30 Minuten lang standhalten.

Von weiteren Untersuchungen berichtet die studierte Architektin Eyleen Göbel in ihrer 2019 an der Hochschule Augsburg entstandenen Masterarbeit. „Im Rahmen eines Forschungsprojektes wurde ein Kubus in Holzständerbauweise mit Strohdämmung erstellt“, schildert Göbel den Versuchsaufbau. „Strohproben der dort eingesetzten Dämmung wurden ins Labor geschickt und auf Pestizide untersucht.“ Zudem wurden Hausstaubproben entnommen und auf die im Stroh nachgewiesenen Pestizide untersucht, was Rückschlüsse auf Ausdünstungen aus Strohwänden ermöglichen sollte.

„Das Ergebnis war erwartungsgemäß gut“, fasst Göbel den Befund zusammen. Von 8 Wirkstoffen im Stroh wurde nur einer nachgewiesen (Tebuconazol) und dies im „unauffälligen“ Bereich (unter 1 mg/kg). Das Ergebnis deute darauf hin, dass Pflanzenschutzmittel eingesetzt würden, „die lokal an der Pflanze wirken und nicht in die Pflanze eindringen“, so die Architektin, mithin auch nicht in die Wanddämmung eingeschleppt werden können.

Keine Lobby

Trotzdem ist das Bauen mit Stroh noch immer eine absolute Nische. Zwar haben Leute wie Friederike Fuchs und ihre Mitstreiter vom FASBA-Verband mit großem Einsatz dafür gekämpft, dass Stroh im Regelwerk der Bauverwaltung inzwischen als geprüfter Baustoff anerkannt ist und überall eingesetzt werden kann. Seit 2014 gibt es eine eigene Strohbaurichtlinie. Architektin Fuchs sagt jedoch: „Uns fehlt eine Lobby, die diese Technik bekannter macht.“

Im Windschatten des aktuellen Booms bei der Errichtung von Holzgebäuden könnte sich das ändern. Nicht nur, weil sich beim Baustoff Holz erste Knappheiten abzeichnen. Auch weil sich unter Klimaaspekten die regionale Verfügbarkeit von Stroh immer mehr als bautechnischer Pluspunkt herumsprechen könnte.

Eine zweite Besonderheit könnte Stroh gleichfalls zum Trend machen: die soziale Bauweise. Weil bisher ohnehin wenige Baubetriebe die Technik beherrschen, ist STROH unlimited dazu übergegangen, die Bauherren und -frauen selbst für das Bauen mit Stroh zu trainieren. Dazu werden spezielle Praxisworkshops vor Ort angeboten: Auf der Baustelle wird gemeinsam mit ökomotivierten Freunden gelernt. „Wir planen aber auch Kooperationen mit Ausbildungsstätten in Brandenburg“, ergänzt Fuchs.

Auch andere „Haus-Aufgaben“ stehen für die Strohverfechter noch an. So steht nicht überall regionales Getreidestroh zur Verfügung, das nicht mit Pflanzenschutzmitteln behandelt wurde. Es gibt in Deutschland noch kein Zertifizierungssystem für nachhaltigen Getreideanbau zu Bauzwecken.

Finanzielle Fragen

In wirtschaftlicher Hinsicht ist der Stroheinsatz nach Aussage der Brandenburger Bioökonomie-Strategie „momentan teurer als andere Bauweisen“. Dies liegt auch daran, dass der geringere Primärenergieaufwand für die Strohbereitstellung nicht gesondert gefördert wird. Zudem kann Stroh teurer werden, wenn es zunehmend in die energetische Verwertung geht – ein Preistreibereffekt, der in letzter Zeit beim Holz zu beobachten war.

„Der Verwendung von Strohballen als Dämmstoff sind kaum Grenzen gesetzt“, stellt die Fachagentur für Nachwachsende Rohstoffe (FNR), die zum Bundeslandwirtschaftsministerium gehört, in einer aktuellen Bilanz fest. Hunderte Gebäude in Deutschland und Tausende in Europa hätten dies unter Beweis gestellt. Strohdämmung in Wänden, Decken und Dächern sei bauaufsichtlich anerkannt.

Wie weit die gepressten Ballen auch als lastentragende Bauteile eingesetzt werden können, wird noch experimentell erprobt. „In den nächsten Jahren“, so das zuversichtliche Fazit der FNR, „kann das Bauen mit Stroh aus der Nische in den Markt kommen“.

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