Streit um die Windkraft

Panorama mit Windrad

Windräder werden sich auch im Südschwarzwald drehen. Sie verändern damit eine Landschaft, die noch nie natürlich war.

Zeichnung: Kuckucksuhr mit Windrädern

Der Feldberg im Schwarzwald: Sehnsuchtsort für Touristen und Windparkbetreiber Illustration: Katja Gendikowa

Das Schwarzwalddorf, in dem ich aufwuchs, zählte etwa zweihundert Einwohner. Es gab dort ein Hotel, zwei Gasthöfe, einen Tante-Emma-Laden und ein Postamt. Im Schulhaus wurden die ersten beiden Klassen gemeinsam von der Dorflehrerin unterrichtet, im Rathaus daneben tagte der Bürgermeister mit acht Gemeinderäten. In jedem Stall standen ein paar Kühe. Zum Leben reichte die Landwirtschaft allerdings schon lange nicht mehr, deshalb arbeiteten die Männer auf dem Bau, als Lkw- oder Busfahrer, während sich die Frauen zu Hause um Kinder und Feriengäste kümmerten.

Wie viele andere Höfe boten auch wir „Zimmer mit Frühstück“ an. Die Gäste kamen in den Sommerferien aus dem Ruhrgebiet, blieben drei Wochen und unternahmen Ausflüge und Wanderungen in der näheren Umgebung.

Gut vierzig Jahre später ist von der einstigen Betriebsamkeit nicht mehr viel zu spüren. Das Dorf liegt am Rand eines Unesco-Biosphärenreservats, doch der Tourismus im Ort hat stark abgenommen. Nun müssen andere Einkommensquellen aufgetan werden, und vor wenigen Jahren tauchte ein vielversprechender Kandidat auf: ein Windpark mit neun Windkraftanlagen, die entlang des Höhenzugs vor dem Nachbartal errichtet werden sollen. In Aussicht stehen Pachterträge für die Gemeindekasse und das gute Gefühl, zum Kampf gegen den Klimawandel beizutragen. Andererseits bedeuten die geplanten 230 Meter hohen Windräder Lärm und erhebliche Eingriffe in Natur und Landschaft.

Ein Teil der Bewohner unterstützt das Vorhaben, andere haben eine Bürgerinitiative dagegen gegründet. Es ist eine Geschichte, wie sie sich derzeit in Deutschland hundertfach abspielt.

Landschaftsschutz, ein unpräzises Kriterium

Außer den üblichen Argumenten gegen den Bau neuer Windkraftanlagen wird im Schwarzwald mit Nachdruck der Landschaftsschutz ins Feld geführt. Ein denkbar unpräzises Kriterium: Wie soll man den Wert der Landschaft aufrechnen gegen die Kilowatt von erzeugtem Strom und die Tonnen von eingespartem CO2-Ausstoß, die Gewinne des Investors und den Nutzen für die Gemeinde? Dabei ist auch Landschaft nicht einfach verfügbar. Sie ist ein durch das Bundesnaturschutzgesetz geschütztes Gut, ihre Vielfalt, Eigenart und Schönheit sowie ihr Erholungswert sollen erhalten werden. Vor allem großflächige Räume sollen vor weiterer Zergliederung bewahrt werden. Als Resultat überzieht ein Flickenteppich von Natur-, Biotop- oder Landschaftsschutzgebieten Deutschland.

Die Schönheit liegt dabei meist im Auge des Betrachters: Sowohl die Bürgerinitiative als auch der Investor hat Visualisierungen erstellt, aus denen ersichtlich werden soll, dass die Landschaft durch die Windräder entweder kaum beeinträchtigt oder im Gegenteil verschandelt werde.

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Das hier willkürlich traktierte Landschaftsargument ist in der Wissenschaft zum Trendthema geworden. Die kulturgeografischen Landscape Studies erforschen den menschlichen Einfluss auf die natürliche Oberflächengestalt der Erde. Dabei gehen sie davon aus, dass es zumindest in Europa so gut wie keine unberührte Natur mehr gibt. So wie es auch die Europäische Landschaftskonvention aus dem Jahr 2000 festhält: Landschaften sind immer schon Kulturlandschaften. Mit diesem Landschaftsbegriff können dann sogar Urban Landscapes, also Stadträume, unter dem Begriff der Landschaft gefasst werden.

Allerdings ist dieser Ansatz in der Praxis kaum hilfreich. Es geht nicht um schön oder hässlich, sondern um Flächenkonkurrenzen und Nutzungskonflikte, etwa zwischen Tourismus, Wohnen und Wirtschaft. Letztlich ist es eine Auseinandersetzung darüber, wer die Macht hat, über die Nutzung der Landschaft zu bestimmen.

Wiedergutmachung für die Bausünden der 1970er

An einem Januartag vor fünfundzwanzig Jahren stand ich in Berlin, wo ich damals studierte, am Bahnhof Zoo und wartete auf den Intercity aus Freiburg. Aus dem Zug stieg gefühlt mein ­halbes Dorf aus. Am nächsten Tag sollte die Gruppe die Goldmedaille im Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ entgegennehmen. Gemeinschaftlich hatte man sich in dem kleinen Erholungsort bemüht, „den unverwechselbaren Dorf- und Landschaftscharakter zu erhalten“. Es wurden Gärten gestaltet, Häuser herausgeputzt, die Ortsbausatzung wurde durchgesetzt, die alles „Landuntypische“ wie Dachfenster oder Thujahecken ­verbot.

Man kann das als Wiedergutmachung verstehen für die Bausünden der siebziger Jahre, in denen man versucht hatte, mit Mitteln des Baugroßmarkts städtischen ­Wohnkomfort zu erreichen. Es wirkte, als ob das Leben auf dem Land zu einem Einverständnis mit sich gekommen wäre. Im Zuge dieser Aufbruchsstimmung wurde die touristische Infrastruktur ausgebaut. Am Feldberg erweiterte man mit viel Beton und Stahl die Liftanlagen, die Passstraße dorthin wurde zweispurig ausgebaut. Mehr und mehr wurde die Landschaft für Freizeitansprüche genutzt. Wobei bald schon gewarnt wurde, dass man beginne, die Landschaft, die doch Grundlage ebendieses Tourismus war, zu zerstören.

Die damaligen Vorhersagen haben sich nur teilweise bewahrheitet. Noch immer gibt es gewaltige Wintersportanlagen und Blechlawinen, die sich sommers bis an den kleinsten Weiher wälzen. Erste Bettenburgen haben allerdings keine Nachfolger gefunden. Der naturzerstörende Billigtourismus ist weitergezogen, stattdessen findet eine Besinnung auf sanften Tourismus statt.

Blickt man von oben auf die Landschaft, sind die Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte ablesbar: Die Landschaft ist eintöniger geworden, seit so gut wie kein Ackerbau mehr betrieben wird, der das bunte Mosaik der Felder bestimmte, und viele Obstgärten verschwanden. Das sind auch Folgen der wechselnden politischen Vorgaben, die mal die Aufforstung, mal die Offenhaltung der Landschaft prämierten. Beständig ist nur die Form des Geländes: die sich staffelnden Berg- und Hügelketten, das Rheintal, die Alpen in der Ferne. All dies ist längst kartiert, vermessen und in unterschiedliche Nutzungszonen eingeteilt.

Die sich staffelnden Berg- und Hügelketten, das Rheintal. Alles ist längst kartiert und in unterschiedliche Nutzungszonen eingeteilt.

Wie stark oder wie wenig die Eingriffe durch sich ausdehnende Siedlungsräume, Industrieanlagen, Verkehrsinfrastruktur oder touristische Einrichtungen wahrgenommen werden, ist eine Frage der Per­spektive. Steigt man auf einen der Berge, kann man, je nachdem, in welche Himmelsrichtung man den Blick wendet, sehen, wie sich die Industrieregion um Basel ausdehnt, wie die Stadt Freiburg in die Rheinebene hinauswächst oder wie die Wolken aus den Kühltürmen des Atomkraftwerks in dem auf der französischen Rheinseite gelegenen Fessenheim aufsteigen.

Wo also wäre das Problem, wenn sich zwischen dieses Panorama hier und da Windparks schieben würden? Kann man hier überhaupt noch von einem „großräumigen Zusammenhang“ sprechen, wie er durch das Gesetz geschützt werden soll? Die Zerschneidung des Waldgebiets hat schließlich schon vor langer Zeit eingesetzt. Wie die Gründer des hier tätigen Windenergieunternehmens in einem Interview gesagt haben, ist der Feldberg, eines der meistbesuchten Tourismusziele im Schwarzwald, auch ihr „Sehnsuchtsort“. Nicht zum Wandern, sondern als Standort, weil sich dort die windhöffigste Lage in ganz Baden-Württemberg befinde. Sie hegen die Hoffnung, dass das Naturschutzgebiet irgendwann doch noch dafür freigegeben wird. Schließlich sei der Berg durch die vielen Ausflügler ohnehin „längst versaut“.

Gegenwärtig befinden sich etwa 30.000 solcher Anlagen in ganz Deutschland an Land, davon etwas mehr als 700 in Baden-Württemberg. Mit dem Ausbau regenerativer Energien sollen es deutlich mehr werden – der Bundesverband Windenergie forderte unlängst, 2 Prozent der Fläche jedes Bundeslands dafür auszuweisen. Wenn technische Anlagen in dieser Weise näher rücken, wird der Unterschied zwischen Stadt und Land, zwischen Gewerbegebiet und Naherholungsraum potenziell eingeebnet. Dorfbewohner werden im besseren Fall zu Einwohnern eines entfernter liegenden Vororts, von dem aus sie weiter zu ihren Arbeitsplätzen in den Ballungsräumen pendeln müssten, im schlechteren zu Anrainern eines Gewerbegebiets im Rücken der Stadt, wohin man die Energieerzeugung ausgelagert hat.

Eine Autostunde entfernt von meinem Dorf liegt Wyhl am Kaiserstuhl. Der Name des Orts ist ein Synonym für erfolgreichen Widerstand gegen ein Großprojekt der Atomindustrie und für den Anfang der Umweltbewegung. Anfang der siebziger Jahre wollte die Landesregierung das Rheintal zur Industriezone ausbauen, Wohnen und Erholung sollten davon getrennt und weiter in Richtung Schwarzwald verlegt werden. Parallel zum Protest entstanden Überlegungen, wie man sich von konventionellen Energieträgern unabhängig machen könnte. Im Mai 1976 fand in Sasbach im Rheintal die weltweit erste Ausstellung über alternative Energien statt, später sollte sich Freiburg zur Hauptstadt der Solarenergie entwickeln.

Die Windräder, die nun allerorten gebaut werden, sind die Erben dieser Bewegung, und die Bürgerinitiativen, die sich dagegen wehren, sind es genauso. Der Boom der erneuerbaren Energien mit ihren technischen Einrichtungen, so besagen wissenschaftliche Studien, führt wesentlich rascher zu Landschaftsveränderungen als Jahrhunderte landwirtschaftlicher Nutzung – und als der Klimawandel selbst. Die historische Dialektik macht auch vor dem Verhältnis von Naturbewahrung und Naturzerstörung nicht halt.

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Sonja Asal

freie Autorin, lebt in Berlin. Dieser Text erschien in Langform zuerst in: „Merkur, Deutsche Zeitschrift für euro­päisches Denken“, Heft 846, 11/ 2019.

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