Streaming-Plattform Twitch: Am digitalen Kneipen-Stammtisch
Über die Plattform Twitch können Menschen von links politisiert und mobilisiert werden. Das zeigt eine Studie der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
Politisches Streaming auf Twitch klingt eher nach „Hell yeah, brother!“ als nach Frontalunterricht. Auf dem Bildschirm sind Streamer*in und das im Chat sichtbar teilnehmende Publikum eine Einheit, sie erzeugen den gestreamten Content teilweise im Dialog, sie stellen einander Fragen, bekräftigen und widersprechen einander. Eine jüngst veröffentlichte Studie der Rosa-Luxemburg-Stiftung erblickt darin Mobilisierungschancen für linke Politik – aber auch Plattformabhängigkeit und viel prekäre Arbeit.
Wie Streaming über Politik geht, zeigt zum Beispiel der Streamer Staiy, wenn er einen WDR-Podcast mit Ex-Kanzlerin Angela Merkel kommentiert. „Vermögensteuer ist schwierig. Würde ich auch nicht zu raten“, spricht Merkel ins Mikrofon. Was, wenn dann Unternehmer*innen einfach in die Schweiz abwandern. Der Podcast stoppt, Zeit für eine Anmerkung des Streamers mit dem spitz frisierten Schnurrbärtchen.
„Ich finde dieses Argument mit der Schweiz immer so witzig, weil die Schweiz hat eine Vermögensteuer“, sagt Staiy. „Die (Unternehmer) packen die Fabrik einfach in die Tasche und ziehen um“, kommentiert Twitch-User Hatkeinhals im Chat. Die Chatnachricht wird nicht vorgelesen, sie verschwindet sofort aus dem Blick. Trotzdem werden etliche der über 5.400 Anwesenden den kleinen Joke gelesen haben.
Politisches Streaming ist heute im besten Fall, was die Arbeiterkneipe im industriellen Zeitalter war: ein Raum für Aufklärung und Austausch, niedrigschwellig genug, um neu dazuzukommen. Streams ziehen sich über Stunden. Da ist, anders als im Short-Form-Content, wie ihn Tiktok vorschreibt, genug Zeit, um sich ausführlich über Dinge zu streiten – oder unterhaltsam auszuflippen.
„Wirksame digitale Kommunikationsstrategien auf derzeit angesagten sozialen Plattformen sind in ihrer Bedeutung für soziale Bewegungen und Wahlkämpfe zentrale Mittel geworden“, fasst die RLS zusammen. Seit Jahren schaut sie mit wissenschaftlichem Blick auf die sozialen Medien, nun auch auf die „Politische Kultur auf deutschsprachigem Twitch“. In der Publikation „Live, links, vernetzt“ legen die Soziologinnen Nur Yasemin Ural und Anna Berg dar, unter welchen Bedingungen die Plattform für linke Mobilisierung genutzt werden kann.
Twitch gehört seit 2014 zu Amazon
Das liest sich stellenweise wie eine praktische Anleitung: „Twitch belohnt Individualisierung und Personalisierung, während linke Politik meist auf kollektive Identität, Solidarität und strukturelle Analyse setzt. Linke Streamer*innen müssen daher Wege finden, Branding nicht als Selbstinszenierung, sondern als gemeinschaftliche Praxis zu gestalten – etwa über Community-Insider, geteilte Symbole oder kollektives Ko-Branding.“ Politische Positionen nicht nur zu diskutieren, sondern IRL, im echten Leben in Anwendung zu sehen, in Care-Praktiken oder Protesten, könne zum (linken) Erfolg führen.
Wer sich trauen möchte, selbst mit dem Streamen zu beginnen, macht sich über die Plattform Twitch wahrscheinlich keine Illusionen. Sie ist im Silicon-Valley-Inkubator „Y-Combinator“ erdacht worden und gehört seit 2014 zu Amazon. Teil verschiedenster Streams ist immer wieder eine hektische Sorge darum, die Terms of Service zu verletzen, etwa wegen der Sichtbarkeit von Blut – und schlimmstenfalls dafür eine Sperre zu bekommen, den scheinbar eigenen Raum für eine Weile nicht mehr betreten zu dürfen.
Als bei Staiy das Segment Merkel zu Ende geht, prophezeit der Streamer eine unweigerlich auseinandergehende Schere zwischen Arm und Reich, wenn Instrumente wie eine Vermögensteuer ungenutzt bleiben: „Europaweite Finanztransaktionsteuer, save us!“, ruft er. Danach geht es nahtlos weiter: Unterwegs am Vatertag mit einer Braunschweiger Polizeistreife. Eine Sendung des NDR.
Lineares Fernsehen gilt als Zeitverschwendung, aber zusammen ÖRR schauen ist hot Content. Denkt man an das Phänomen der Nachrichtenmüdigkeit, kann eine Community, mit der man gemeinsam das Neueste aus dem Leben des Hiob erträgt, verschlossen geglaubte Zugänge neu eröffnen. Sei es durch den Trost der gemeinsamen Betroffenheit, die gemeinsame Wertung oder einen „comic relief“, eine Erleichterung durch Humor, durch den gemeinsamen Scherz.
Unbezahlte Moderationsarbeit
Später am Abend streamt der wahrscheinlich bekannteste linke Streamer der Plattform, HasanAbi, mit 32.500 Personen den ersten Versuch des New Yorker Bürgermeisters Zoran Mamdani, einen Bürger*innendialog auf Twitch abzuhalten. Mamdanis Co-Host klärt ihn über die Plattform-Etikette auf: Das Publikum nicht mit Ladies and Gentlemen ansprechen, sondern einfach alle mit „Chat“ adressieren. „Talk With the People,“ heißt Mamdanis Format, er will Fragen live beantworten.
Vieles am Setting ist falsch, die Kulisse und das Licht wirken zu professionell, es ist nicht gemütlich, nicht locker. „Überproduziert“, meint Hasan. Schlimmer noch, man hat offenbar den Moderationsaufwand im Chat unterschätzt, der vollgespammt wird. „Keep it familiy friendly“ bittet Mamdani. Tja.
In der RLS-Studie schreiben die Autorinnen: „Die Gaming- und Streaming-Szene ist tendenziell feindlich gegenüber Frauen, queeren Personen und rassifizierten Streamer*innen eingestellt. Wer erfolgreich sein will, muss bewusst Räume schaffen, die Sicherheit und Zugehörigkeit ermöglichen. Das bedeutet: klare Moderationsregeln, ein geschultes Mod-Team, konsequentes Eingreifen bei Sexismus, Rassismus oder transfeindlichen Kommentaren, aber auch technische Maßnahmen wie Auto-Moderation, Wortfilter und Bannlisten.“
Genau diese wichtige Community-Moderation ist es aber auch, die (von den obligatorischen Ausnahmen abgesehen) regelmäßig unbezahlt bleibt. Und auch die allermeisten Streamerinnen müssen ohne Sponsoring und ohne festen Supporterinnenkreis auskommen.
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Nach über 35 Minuten sehen auf Mamdanis Kanal noch etwas über 7.000 Menschen zu. Wenn jemand es schaffen könnte, in so einem Dialog gut rüberzukommen, dann Zoran, meint Hasan. Er hat den linken Erfolg auf Twitch schon umgesetzt, seine Community hat zu Wahlen mobilisiert, demonstriert, die streikenden Drehbuchautor*innen in L.A. besucht und Spenden gesammelt. Aber so ganz passt es bei Mamdani noch nicht. Hasan murmelt: „There is a lot of work to be done … I will give them help, if they want it …“
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